Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 5 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 72 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 72. A e s cH rr r ir n. Nr. 5. sUi die eine liebende Vorsehung der Armen und eine angebetete Gestalt sür die elegante Welt Berlins und Wiens wurde. Steden ihr tras man oft ihre ältere Schwester, die berühmte Elise von der Necke. Mit 15 Jahren verheiratet, hatte diese mit 22 ihre Scheidung erlangt, lebte jedoch auf dem besten, freundschaftlichsten Fuße mit dem geschiedenen Ehemann, schrieb ein Buch gegen Eagliostro, dessen leichtgläubiges Opfer sie gewesen war, und vereinigte sich später mit Tiedge, dem seraphischen Dichter der Urania, der sich auf der Reise in Italien mit ihr in nebelhafter Poesie und im Mondschein verzückte, mährend er ihrem hübschen Kammermädchen einen etwas weniger ätherischen Hof machte. Seltsame Welt, seltsame Sitte! Erst der Philosoph zu Königsberg, zu dessen Füßen auch Göthe und Schiller gesessen, und seine Schule legten den Grund zu einem neuen sozialen Gesetzbuche und führten die Gesellschaft zu mehr Wahrheit und Gerechtigkeit zurück. Es war eine eigetümliche Zeit in Deutschland, die, von der wir hier sprechen. Das religiöse Interesse hatte sich in den elenden Nörgeleien beschränkter Theologen und in den Fortschritten der Naturwissenschaften allmählich völlig abgeschwächt, das politische, das Interesse fürs Vaterland bestand noch nicht und konnte auch in dem zerklüfteten „heiligen römischen Reich deutscher Nation" nimmer bestehen; das litterarische Interesse war es, das alle und alles überwog. Da sollte und wollte alles Natur, Original, Genie sein, Homer und die Bibel traten an die Stelle Virgils und Tnssos, das Volkslied sollte die gelehrte Poesie ersetzen, Shakespeare trat den französischen Mustern siegreich gegenüber. Es war dies eine prächtige Zeit für die Schwärmer und Betrüger, die Cagliostros und St. Germains, die Jlluminaten und Rosenkreuzer, und bis ein frischer Wind von "Norden, Kant in Königsberg, die Luft reinigte, gings ein bischen toll in der litterarischen und sozialen Welt her. Bei allen Geistern der Zeit offenbarte sich die allgemeine „Ungesundheit" inehr oder weniger: viele stürzten sich kopfüber in den engbegrenzten Katholizismus, einige kamen zum bloßen Vernunftkultus zurück, mehrere ergaben sich der unbeschränktesten Genußsucht, andere endeten ihr Leben in dtlnkler Geistesnacht und mehr als einer fand im Selbstmord sein letztes Heil. Nur wenige konnten sich, wie Göthe, nach manch' hartem Geisteskampfe die Harmonie zwischen Ideal und Leben retten und zu diesen wenigen gehörte die „ausgezeichnete Frau ihrer Zeit", Rahel Levin. Rahel ganz zu schildern, wie sie war, ist eine Unmöglichkeit : Frei und allen Blicken offen, wie die "Natur, welche der Kultus ihres Lebens war, ist sie, wie die Natur, ein unlösbares Rätsel geblieben. Jüdin und Preußin, ein innerliches Leben führend nnd die bedeutenden Weltereignisse nur als einen Gegenstand psychologischen Studiums ansehcud, tugendhaft wie je eine Frau und von einer Duldung gegen Unmoralität, die unseren heutigen Sitten aufs höchste widerspräche, aristokratisch in ihren geistigen Genüssen und in ihrer HerzenSgütc die ganze Menschheit umfassend — so vereinigte Rahel alle Widersprüche der Zeit in sich. Rahel Levin, geboren 1771, war 26 Jahr alt, als sie der Mittelpunkt des geistigen Lebens in Berlin zu werden begann. Ihr Leben war bis dahin nichts als ein langes Leiden gewesen, und nur die Elastizität ihres Geistes hatte im Kampfe mit Krankheit und Tod den Tieg davongetragen — ihr Leben lang blieb sie ein Baroureter des Leidens. Es genügte, wie sie selbst sagte, daß die Lust etwas zu dick oder zu dünn, zu kalt oder zu warm, um sie krank zu machen; noch weit mehr geschah dies bei der geringsten Aufregung und bis zum Ende ihres Lebens pflegte sie dem Datum ihrer Briese die genaue Angabe der Witterung beizusetzen. Als ein anderes von ihr tiefbeklagtes Leid sah die ohne Religion Ausgewachsene — ihre G e burt als I ü d i n an. Dann schien ihr Vater, ein reicher Juwelier, den hohen Geist und die unerschütterliche Festigkeit des Charakters, die ihm von der Natur verliehen waren, nur dazu anzuwenden, alle die Seiuigen, Diener und Freunde, seine gute, schwache Frau und seine Kinder zu quälen. Besonders den Charakter Rahels, in welcher er so viel Eigentümliches fand, suchte der Despot mit dem eisernen Willen ftühzeitig zu brechen. In diese Schule wars, wo sie die Kunst zu leiden lernte, die sie mit wahrer Virtuosität übte. Der Kampf mit dem Vater war ein hartnäckiger, ohne daß sie je die Achtung und den Gehorsanl gegen ihn vergaß. Nach seinem Tode hatte sic noch schwierige Beziehungen zu einem älteren Bruder, trug aber auch den Sieg davon. Zu dem Leid der Geburt, der schwächlichen Gesundheit, der unverstandenen Kindheit, der Härte eines phantastischen Vaters, kam bald das Leid einer unglücklichen Liebe: ein Graf von Finkenstein opferte seine Geliebte den Adelsvorurteilen seiner Schwester und verließ sic. "Noch 1807 sagte Varnhagen, der die betreffenden Briefe Rahels und ihr Tagebuch — beides. jetzt verschwunden - gelesen hatte, daß es das rührendste sei, was ihm je vor Augen gekommen. Mit ihrem Herzen getäuscht, suchte und fand sie Ersatz in ihrem Geiste. Methodisch unterrichtet war sie in gar nichts, nur gelesen hatte sie viel; auch verdankte sie ihre Bildung nicht den ausgezeichneten Männern, mit denen sie Umgang hatte, denn dieser begann erst in ihrem 25. Jahre, wo Charakter, Geist und Ansichten längst bei ihr festgestellt und abgeschlossen waren. Sic nannte sich auch stets ein unwiffendes Ding nnd war stolz ans ihre „krasse Unwissenheit". Aber um zu wissen hatte sie nicht nötig zu lernen. In ihrer Seele schien die Wellseele zu vibrieren, in ihr war alles Anschauung, Ahnung, Erkenntnis, Gefühl, sie schien eine Sehergabe zu besitzen, so scharf und richtig sah und urteilte sie — im Altertume Hütte man sie zur Seherin und Prophetin gemacht. Wenige Personen sind tiefsinniger religiös gewesen, als Rahel es war, für welche doch eine äußere Religion gar nicht existierte; von allen religiösen Vorurteilen frei, verabscheute sie jede Gotteslästerung, jedes leichtsinnige Behandeln göttlicher Dinge. Sie lebte nur in und für die Wahrheit, die ihr höchstes Gesetz, die Richtschnur ihres Lebens war. „In dein allgemeinen und großen Weltelend", sagte sie, noch ganz jung, „habe ich mich ganz mib gar einein Gotte geweiht, jedesmal, wenn ich gerettet luuubc, verdankte ich diesem Gotte mein Heil, und dieser Gott ist die Wahrheit". Diesem Bedürfnis nach Wahrheit gesellte sich die Ursprünglichkeit, die Originalität ihres Wesens zu, und alle Kritiker, Wilhelm von Humboldt wie Jean Paul, sahen in diesen beiden Eigenschaften, Wahrheit und Ursprünglichkeit, die hervorstechendsten Züge ihrer Natur. Sie war eine Frau, die auf so vertrautem Fuße mit den ausgezeichnetsten Schriftstellern lebte, weniger Blaustrumpf als Rahel, uud was Varnhagen an Aphorismen und einzelnen Aufsätzen veröffentlicht hat, sind Briefe und Tagebuch-Aussätze, sind keine Werke.