Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 5 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 5. Isschrirun. Seite 71. und leichtfertige Freigeisterei. Gegen alle Hebel und Leidenschaften führte er die Waffen ungescheut, mutig, heldenhaft, geschickt und sicher, ohne Rücksicht auf einflußreiche und mächtige Gegner, und unbekümmert darum, ob der Eine oder der Andere sich ins Herz getroffen fühlte. Er hielt es eben nach Prophetenart als heilige Aufgabe des Predigers, seiner Zeit, seiner Gemeinde und feinen Hörern einen klaren Spiegel vorzuführen, darin soll dann der Schöne schön, der Häßliche häßlich erscheinen, darin soll der Reine sich rein, der Unreine sich selbst unrein wiederspiegeln. Von seinen Glaubensgenossen forderte er, daß sie die ewigen Wahrheiten, wie sie von Moses, den Propheten, den Psalmisten, den Spruchdichtern, den Weisen des Talmud gelehrt werden, als Leuchte betrachten sollen, die die Wege des Menschen erhellt, ihn auf die Höhe der Erkenntnis und der Vollkommenheit versetzt und ihm Schutz bietet vor geistigem Verfall und sittlichem Wanken. Nicht gedankenlose Werkheiligkeit, sondern heiliges Leben und Handeln soll ihre Aufgabe sein, und indem er dem Hörer, den edlen Gehalt und den kostbaren Kern des Judentums zeigte, zielte er dahin, den Juden bei den schweren inneren und äußeren Kämpfen, denen er in der Gegenwart unterworfen ist, im Glauben zu erhalten und ihm die jüdische Religion selbst zu Ehren zu bringen. Gewiß war bei solchen Ermahnungen das Wort des großen Redners oft scharf, wuchtig, dem Dolche gleich spitzig und verwundend; allein er sagte sich mit dem Midrasch; „Bester ist zu hören auf die heftigsten Zurechtweisungen Mosis als auf die schmeichelnden Segensworte Bileam's", indem die ersteren Schäden aufdecken und heilen, zu gottgefälligem Thun aufrütteln und anspornen, während die letzteren nicht nur die Regsamkeit für das Bessere stille machen, sondern fogar zum Abfall vom Guten führen, nicht nur die geistigen und sittlichen Krankheiten bestehen und fortwuchern, sondern noch neue enstehen und sich ausdehnen lassen. Bei diesen seinen Ermahnungen auf Hebung der reinen Erkenntnis, der Moral und Sitte, bei dielen seinem begeisterten Eintreten für die großen Ideen der Menschheit, hatte er die biblischen Propheten, an deren Feuerstrom er seinen eigenen Geist entflammte, zum Vorbilde genommen, gebrauchte er bald starke und erschütternde, bald liebliche und weiche Töne, bald den Donner der Strafpredigt, bald den herzberuhigenden Klang der Trostrede, veruahm man bald das mutige Wort der Zurechtweisung an die Gegenwart, bald die begeisterte Schilderung der goldenen Zukunft, wie sie der Seher mit dem kühnsten Fluge beschreibt: weissagend von der siegenden Gerechtigkeit, dem tiefsten Frieden, der erdumsassenden Gotteserkenntnis. Es ist selbstverständlich, daß die Wirkung dieser Predigten nicht ausblieb, daß sie eine mächtge, nachhaltige und hinreißende war. Man wurde überzeugt, daß im Judentum die höchste Weisheit, die reinste Moral und' die heilsamsten Ideen ihren Ausdruck finden und dessen Wert nie sinken kann. Das jüdische Bewußtsein kehrte bei dem Zuhörer ein; er wurde mit Stolz und Genugthuung erfüllt, eine solche Religion zu bekennen, die solch beglückende Lehren und ewige Wahrheiten in sich schließt, wie sie des Predigers Mund verkündete. Und obgleich mancher der Anwesenden es mit der Beobachtung der Ritualgesetze nicht ganz genau nahm, so fühlte er sich doch mit Herz und Seele als Jude, treu im Glauben ausharrend, trotz aller Widerwärtigkeiten, Liebe und Ehrfurcht dem Judentum und dessen Schrifttum entgegenbringend. Man kann daher von Aron Jellinek das auSsagen, was der Hagadist von Aron dem Hohepriester rühmt: latow we-latohor, zeh Aharon, schehojo oszek be-taharonon scbel Iszroel, scheneemar be-scholom ubemischor holacb itti we-rabbim heschib meawon, er war gut, rein und fromm, denn er beschäftigte sich mit der Reinigung, Läuterung und Veredlung. Israels; in Frieden und Geradheit wandelte er mit mir und viele wandte er ab von Sünde, Vergehen und Abfall. (Schluß folgt). Dir Ivdrn van Berlin zu Ende des vorigen und Anfang des jetzigen Jahrhunderts. Von V. Simon, Polen. IV. Doch kehren wir nach Berlin zurück. Im Hause seines Glaubensgenossen Marcus Herz lebte damals als Pensionär Börne, der spätere Vorkämpfer des deutschen Radikalismus; der 18 jährige Jüngling faßte eine heftige Leidenschaft für die wohl 20 Jahre ältere „Frau Hosrätin" und versuchte es zweimal, sich zu vergiften, als er kein Gehör fand. Sie schalt den Gymnasiasten tüchtig aus und schickte ihn nach Halle, wo er Medizin studieren sollte und wo sie ihn an den als Professor der Theologie berufenen Schleiermacher empfahl. Inzwischen erlitt der Kreis, der sich um Henriette gesammelt, eine Störung durch Friedrichs und Dorotheas Abreise und eine noch größere, als kurz darauf Dr. Marcus Herz (1803) starb und, trotz seiner großen Einkünfte, fast nichts hinterließ. Zwar bot Graf Dohna der nun armen Witwe seine Hand an, aber sie schlug sie aus, um ihre Mutter durch die Taufe nicht zu betrüben und suchte sich durch Unterrichtgeben inden neueren Sprachen ihr Brot zu erwerben. Durch den geistreichen und galanten Prinzen Louis Ferdinand, Brudersohn des Königs, wurde sie der schönen und edlen Herzogin von Kurland vorgestellt und im Hause dieser letzteren konnte sie fortfahren, die elegante und gelehrte Welt zu sehen, die sie bei sich nicht mehr empfangen konnte. Die Herzogin war die erste vornehme Dame zu Berlin, die mit den jüdischen großen Häusern zu wetteifern suchte und ihre Salons einer gemischten Gesellschaft von Juden und Christen, Gelehrten und Adeligen, vornehmen Damen und Schauspielerinnen eröffneten. In diesem Hause trafen und verbanden sich: Louis Ferdinand unb Rahel, August Wilhelm Schlegel und Frau von Sta^l, die Fürstin Radzivil (Schwester Louis Ferdinands) und Johannes v. Müller, der berühmte Geschichtsschreiber, Graf von Tilly (Mirabeaus Freund) und Frau v. GenliS; hier verkehrten auch Friedrich Gentz, die größte publizistische Feder, welche Deutschland je gehabt; Wilhelm von Humboldt --- der philosophische Diplomat — kurz alles, was Berlin an Geistesauszeichnung besaß. — Die glänzendste Erscheinung des glänzenden Salons blieb jedoch immer die geistreiche, fröhliche, reizende Wirtin selbst, Dorothea von Medem, welche der regierende Herzog von Kurland (dessen Land jedoch bald von den Russen annektiert wurde) nach zweimaliger Ehescheidung geheiratet hatte und