Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 5 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 70. JescHurun. Nr. 5. Rede, so kann inan wohl von Simson und seinem Rätsel, aber nicht von der eigenartigen Erfüllung seines Versprechens reden.) — Vor wem soll das Kind mehr Achtung haben, vor dem Heiden Eglon, der in kindlich-natürlicher Ehrfurcht sich beim Erwähnen des göttlichen Namens erhebt, oder vor dem Richter Ehud, der zum Zwecke einer Lüge den göttlichen Namen mißbraucht V Wird der denkende Knabe und das sinnende Mädchen in der That Ehuds ein Bcseeltsein vom göttlichen Geiste erblickend Simson auf dieselbe Stufe gestellt mit dem Reformator Samuel, Simson, der zerstört und vernichtet, — ist das ein Bild für dieReligionsstundc? Simsons letzter Wunsch ist: Herr, laß mich Rache nehmen.' Und Gott erfüllt sein Gebet, obwohl er früher befohlen: Du sollst keinen Haß und keine Rache nachtragen. Wir können Simsons Wunsch begreiflich finden, immerhin bleibt sein Thun kein sittliches Vorbild. Mit welchem Recht räumen wir ihm einen Platz in einem Religionsbuchc ein? In Simson finden wir eine Verherrlichung der rohen Kraft, die sich in den Dienst der Gottheit gestellt hat; für Knaben hat seine Gestalt etwas zum Gewaltsamen Aufreizendes, für Mädchen etwas Abstoßendes an sich. Wenn wir aus der Sitte der Vergangenheit keinen Nutzen ftir die Sitten der Gegenwart ziehen können, sondern diese durch jene gar gefährden, dann schade um die Zeit, die wir dem alten Schlendrian zuliebe ihr opfern. Auch ohne daß ich hierbei aus das Einzelne eingehe, wird man mich nun verstehen, wenn ich Erzählungen wie: Der Turmbau, Jsaks Geburt, Jsmaels Entlassung, Simri, Barak und Deborah, David und Uriah, die Einsetzung Salomos, Davids Tod, die Wunderthaten Elisas, Jehu und ähnliches aus unseren Schulbüchern entfernt sehen möchte. — Für unsere Jugend ist eben grade das Beste gut genug. Ich bin mir wohl bewußt, daß manche, besonders ältere Kollegen mir widersprechen werden. Aber weshalb sollen wir denn jeden anderen Unterrichtszweig auf psychologischer Basis errichten und nur den Religionsunterricht nicht? Bei genauer Prüfung wird man sehen, daß ich nichts erstrebe, als die Anwendung unumstößlicher Axiome der Psychologie aus unseren biblischen Geschichtsunterricht, auf daß er sich zu einem echten Gcsinnungsunterricht gestalte. „Wann könnte schöner das Heiligste einwurzeln, als in der heiligsten Zeit der Unschuld, oder wenn das, was ewig wirken soll, als in der nämlichen, die nie vergißt? Nicht die Wolken des Vor- und Nachmittags, sondern entweder das Gewölke oder die Bläue des Morgens entschieden über den Wert des Tages." — (Jean Paul.) Dr. Adolf ifllinrk. Gedenkblatt zum ersten Jahrzeitslage. Von Dr. Julius David, Prcßburg. IV. Zwei Momente jedoch sind es, die feine Reden meritorifch anszeichneten und darum besonders hervorzuheben sind. Zuerst der jüdische Grundton, der sie beherrschte, das religiöse Heuer, das sie durchströmte, die Glaubensinnigkeit, die sie durchzuckte, dle Volksliebe, die sie dnrchglühte, die Stammestreue, die sie beseelte. Da gab es nichts Fremdes und Unjüdisches, das er zum Muster und zur Nachahmung nahm, wie dies vor ihm war und wie dies noch heute von manchem jüdischen Prediger geschieht; da war alles originell jüdischer Geist, mar alles Judentum, echtes, reines, lauteres Judentum, war alles Religion, echte, reine, lautere Religion, war alles Glaube wahrer, jüdischer, fester Glaube, war alles Thora, sinaitische, prophetische und talmudische Thora, da war alles geschöpft aus dem Borne jüdischer Weisheit, alles durchtränkt von dem Quell jüdischen Forschergeistes, alles hingeleitet zur 'Mündung des jüdischen Glaubens. Wie daher nach der Meldung des Midrasch einst Rabbi Jehoschua den Stein küßte, ans welchen! R. Eliezer lehrend saß, ansrusend: „Dieser Stein gleicht dem Berge Sinai, und der daraus saß, der Bundesladc", so kann man von dem verewigten Führer des GotteSwortcs sagen: wo er stand, da erhob sich ein Sinai, vernahm man Offenbarungen der jüdischen Religion, er selbst aber glich der Bundeslade, in sich .tragend die reine Thora Gottes, in sich bergend, wie Jesaias sich ansdrückt, „den Geist der Erkenntnis und Furcht Gottes", mit sich führend die durch Denken, Glauben und Hoffen unsterblich gewordenen Prophetcnworte, scharfsinnig, verständnisinnig und kunstvoll erklärend und auslegend agadische Sätze der talmudischen Welten, lehrend und ausströmend Gottesglauben, religiösen Sinn, Menschenliebe, Wahrheitsliebe, Gercchtigkeitsliebe, Friedensliebe, Vaterlandsliebe, kündend und fördernd Anhänglichkeit an die Glaubensbrüder, Hingebung an das Judcntunl, Streben nach jüdischen: Wißen, Schätzung und Unterstützung der jüdischen Wissenschaft sowie der Träger, Arbeiter und Vertreter derselben. Durch die vielseitigen Vorzüge seiner Predigten, aus welchen nicht nur eine unvergleichlich gestaltende Kraft und eine kernige Gedankenfülle hcrvorlenchten, sondern in welchen er auch eine unübertroffene Kenntnis und Verwertung der hagadischen Aussprüche und Litteratur bekundet, wobei er auch die von ihm entdeckten, gesammelten und edierten kleinen Midraschim benützte, glich er den vormaligen Meistern der Derascha, verband er die natürliche AnffaßnngSweise des Abraham Saba mit dem systematischen Ausbau des Isaak Abravanel, besaß er den weiten, philosophischen Blick des Isaak Arama und die Gottinnigkeit des Jefaia Hurwitz, die Volkstümlichkeit des Afaria Figo und die klassische Mannigfaltigkeit des Juda Muskata, den hohen Schwung des Jonathan Eibenschütz und den sprühenden Geist des Ephraim Lenlfchitz. In jedem Sinne erschien er wie der Prophet Ehaggai: maleach Adonai be-malaehut Adonai lo-om, als ein wirklicher Bote Gottes, mit einer göttlichen Sendung an das Volk, als bestellter Wortführer in allen Angelegenheiten des Judentums und in allen großen, eingreifenden und weltbewegenden Fragen der Gesellschaft, der Menschheit und der Menschlichkeit. Das zweite Moment ist die Qffenhcit und Unerschrockenheit, mit der er nicht nur ein Lehrer, sondern auch der vorzüglichste und bestbewaffncte Vorkämpfer des Judentums war. liegen was hat nicht alles ein heutiger Lehrer des Judentums, besonders in einer großen Stadt und in einer großen Gemeinde anzukämpsen: Gegen böswillige Angriffe von Außen und religiöse Gleichgiltigkeit von Innen. Er hat anzukämpfen gegen Vorurteile, Unwissenheit, Beschränktheit, Willkür, Annraßnng, Dünkel, Herrschsucht, Selbstsucht, Aberglaube, Unglaube, Fanatismus, falsche Aufklärung, unreifes Denken, moderne, oberflächliche Strömung, seichtes Wißen, halbes Wißen