Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 5 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 66. AescHurrrn. Nr. 5. Bei unserer Diagnose wird man aber auch die Prognose unschwer stellen können. Sobald die politische Konstellation eine andere geworden sein und die Atmosphäre in Deutschland von den Miasmen der Reaktion wieder gereinigt sein wird, wird auch die .Krankheit des Judenhasses wieder verschwinden; und das bei aller äußerlichen Abnormität dennoch gesunde Mark der deutschen Nation bürgt uns dafür, daß dieser Zeitpunkt der Rckonvalescenz nicht allzu fern liegt. Mkiltinn und Dogma. Bon Bernhard Traubenberg. Sb das Dogma ein wesentlicher Bestandteil der Judentums ist oder nicht, darüber sind nicht nur die Laien, sondern auch die Gelehrten noch nicht recht einig, ja, die Laien sind sich darum einiger als die Gelehrten. Der Dogmcnstreit im Judentum ist verhältnismäßig sehr jungen Datums, und es ist überhaupt mehr als fraglich, ob er aus dem Schoße des Mosaismus selber geboren ivurde und nicht vielmehr erst seine Entstehung den tief einschneidenden Dogmensehden der christlichen Umgebung verdankt. Eigentlich hat nur in einer Zeitepoche die Verschiedenheit dogmatischer Anschauung die Gemüter in Hellen Ausruhr zu bringen verinocht, aber auch damals war sie nicht scharf und tief genug, uni zu dauernden Spaltungen zu führen. Aehnliche Stürme, wie sie noch jetzt an den Grundmauern der Kirche einer und derselben Konfession wüten, hat unsere Geschichte säst garnicht zu verzeichnen. Immerhin ist es interessant, die Dogmenbildung auch innerhalb des Judentums mit kritischem Auge bis aus ihre Uranfänge zu verfolgen. Das unternimmt eine vor uns liegende Schrift,*) die Wiedergabe eines von Dr. I. Guttmann im Breslauer Litteraturverein gehaltenen Vortrages, die dem Dogmatismus im Judentum recht scharf nachspürt. Guttmann selber hält das Judentum durchaus nicht jedes dogmatischen Glaubenssatzes bar. Er will in demselben keine bloße Gesetzesreligion sehen, sondern betont, daß unsere Religion ihre weltgeschichtliche Bedeutung erst den religiösen und sittlichen Idealen verdankt, die sie der Menschheit gekündet hat. Das letztere zugegeben, fragt cs sich doch noch aber sehr, ob die Thora die von ihr verkündeten Erkenntnislehren auch mit der Absicht der dem Dogma innewohnenden Ausschließlichkeit und alleinigen Unfehlbarkeit jedermann ausgedrängt wissen will. Selbstverständlich sind alle mosaischen Vorschriften der Ausfluß einer bestimmten und klar ausgesprochenen Anschauungsweise, allein wie der gelehrte Verfasser an verschiedenen Stellen selber hervorhebt, ist der Geist, aus dem die Gesetze und Einrichtungen resultieren, nicht zu irgend einer unweigerlich dogmatischen Glaubenssormel erstarrt. *) Ueber Dogmenbildung im Judentum von Rabbiner Tr. I. Guttmann. Wilh. Jacobsohn, Breslau. Zwischen den im Gewände von Lehren einherschreitenden Ideen und Gedankenaussprüchen einerseits und versteinerten Dogmen andererseits, liegt doch eine weite, weite Kluft, und es ist wirklich nicht recht ersichtlich, warum so freisinnige Theologen so ängstlich um diese Frage herumgehen, ohne den Mut zu haben, herzhaft ja oder nein zu sagen. Das Dogma als Bekenntnisformel tritt erst sehr spät aus. Bei dem gewaltigen Lebenswege den das Judentum bereits zurückgelegt, liegt die Zeit nicht weit hinter uns. Was wollen die 700 Jahre seit Maimonides in einem Zeitenlaufe von 3500 Jahren wohl besagen! Und die frömmsten der Frommen, was für Opposition haben sie Maimonides geboten, als er diese seltsame Korrektur, die das Judentum doch wahrlich nicht nötig halte, vornehmen zu müssen glaubte. Ein eigentümlicher Zug, den die Orthodoxie in anderen Religionen nicht zeigt, darf hier wohl hervorgehoben werden. Es ist merkwürdig genug, daß gerade der jüdische Freisinn die Glaubenslehre so eifrig ausbaut und in katechetifcher Form feftlegt, während die Orthodoxen heute so wie damals wenig Interesse daran zu haben scheinen. Jedenfalls hat das Judentum, die bei weitem älteste monotheistische Religion, erst einen schüchternen und viel angeseindeten Versuch zur Schaffung von formulierten Glaubenssprüchen gemacht, als die beiden nachgeborenen Religionen längst ihre dogmatischen Sätze besaßen. Recht populär wollte die Sache zudem nie werden. Man sagte die dreizehn Glaubenssätze des Maimonides als Anhang zum Morgengebcte wohl herunter, aber nie ist wohl jemand in ein peinliches Verhör zum Erweise der Glaubenssestigkeit in denselben gezogen worden. Zu Beginn der Schrift wird ja — und das ist für die Stellungnahme des Verfassers doch sehr bezeichnend — zwischen Religion und Dogma ein tiefgehender Unterschied gemacht. Religion ist das Ursprüngliche, von Natur dem Menschcnkinde angeborene, ist das in seiner seelischen Konstruktion von Anbeginn an schlummernde Gefühl seiner Unvollkommenheit und Begrenztheit wie das Unterordnen seiner Handlungen unter sittliche Erwägungen, während das Dogma das späte Produkt theologischer Abstraktionen ist. So ungefähr sagt Guttmann selber und giebt damit zu, daß das Judentum in seinem rein göttlichen und ewigen Gedankeninhalt kein dogmatisches Gepräge trägt. Mendelssohn, der in seinem Jerusalem dem Judentum jeden dogmatischen Zwang abspricht, in diesem Beginnen nun, wenn auch nur leise, entgegen zu treten — was Guttmann in einem kleinen Satze versucht — halten wir auch nach dem Stande der heutigen Erkenntnis für unangebracht. Schon das allein ist charakteristisch genug. Mendelssohn, der in seiner praktischen Bethätigung auch den Frömmsten genügte, dürfte dem Judentum dogmatisch zwingende Formeln absprechen, ohne darin sonderlich angefochten zu werden. Wir begreifen darum um so weniger die zaghafte Stellung, die man heute dem Dogma freisinnigcrseits glaubt einnehmen zu müssen. Wenn Mendelssohn von der Anschauung der Dogmenlosigkeit des Judentums so tief überzeugt war, warum sollen wir nach hundert Jahren, wo die Position des Dogmas