Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 5 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5. 1895. Berlin, den Februar y 4. Jahrgang. 5_ y Herausgeber: A. Levin, ILerNn. sraelitische Mochenschrist. ►<£/ Bezugspreis: viertetjährt. 2 Wk. Erscheint an jedem Areitag. Mezngspreis für das Ausland.* Wk. 2,50. Zu beziehen durch die Post unsere Expedition oder den Buchhandel. Redaktion und Vertag: Hr. Kamöurgerstr. 21. Anzeigen, die Ieile 25 Rst, nehmen alle Annoncen-Expeditionen sowie unser Bureau entgegen. Inhalt: ProkrustoS. Judentum uud Dogma. Von Bernhard Traubenbcrg. Auch ein offener Brief. Bon I. M. Die Notlage unsrer Kultusbeamten. II. Etwas vom bibl- Geschichtsunterrichte. Von Ni. Abraham. Dr. Adolf Ielliuek. IV. Bon Dr- Julius David. Berliner Juden. IV. Bon B. Simon. Wochenchronik. — Kalender. — Anzeigen. — Prckrilßes. Wer hätte nicht von diesem Ungeheuer im alten Attika gehört? Die griechische Sage erzählt von ihm, er habe für die Fremden, welche seine Gastfreundschaft in Anspruch nahmen, ein eigenes Folterbett gehabt. Personen, welche kürzer als -das Bett waren, ließ er so lange zerren und dehnen, bis sie die Größe des Bettes erreicht hatten. Von Personen aber, welche länger als das Bett waren, hieb er die Körperteile ab, welche über das Bett hinausragten. — Das Verhalten unserer Gegner hat mit dem des Prokrustes selig verzweifelt viel Aehnlichkeit. Ob sie zu kurz oder zu lang, zu leicht oder zu schwer befunden werden, immer werden die Juden angeseindet. Das frühere „Rischuß" behauptete, die Juden wären zu kurz, sie seien noch nicht zivilisiert genug, um ihnen die sozialen Schranken zu öffnen. Jetzt, nachdem die Juden längst ihre zivilisatorische Vollbürtigkeit bewiesen haben, sagt man: sie seien zu lang, sic behaupten ein allzugroßes Uebergewicht in den Schulen, in der Gesetzgebung, in der Handelswelt, in allen Schichten der Gesellschaft. Das Folterbett des neuen Prokrustes aber ist die Presse: Zeitungen und Broschüren. Die neueste Rischußlitteratur ist bereits zur Bibliothek angeschwollen und noch im Wachsen begriffen. Wenn wir ans des Pudels Kern zurückgehen, so ist es die politische Reaktion, welcher der Kaliban Judenhaß sein Dasein verdankt. So oft die Reaktion das politische Ruder ergreift, taucht das Scheusal Judenhaß aus den Wellen der Zeit hervor. Der Zusammenhang ist unschwer zu erraten. Die Basis der jüdischen Gleichberechtigung ist das liberale Prinzip: Gleiches Recht für alle; die Menschenwürde ist unabhängig von Konfession, Nation und Stamm. Gegen dieses liberale Axiom sträubt sich die Reaktion aller Schattierungen. Sie läßt die Gleichwertigkeit der religiösen Bekenntnisse nicht gelten, sondern stellt sich auf den ausschließlichen Standpunkt des Christentums, als den der alleinigen Kulturreligion. Sie betont den Nationalismus, nicht in: Sinne eines gesunden Patriotismus, der als warme Liebe zum Vaterlande empfunden wird, sondern im Sinne eines kalten engherzigen Chauvinismus, der sich als Haß und Verachtung des Fremden kundgiebt. Von diesem After- Patriotismus hat einst Heine sarkastisch gesungen: Aber wir verstehn uns baß. Wir Germanen auf den Haß, Aus Gemütes Tiefen quillt er, Deutscher Haß, doch riesig schwillt er Und mit seinem Gifte füllt er Schier das Heidelberger Faß. Es ist wahr, auch unter uns Juden ist nicht alles, wie es sein sollte. Iliacos intra muros peceatur et extra.*) Es ist das ein Kapitel, worüber manches zu sagen wäre, und vielleicht hat auch die antijüdische Strömmung der Gegenwart ihr Gutes im Sinne des talmudischen Wortes: „Warum ist Israel einer Olive verglichen? So wie die Olive ihr Oel nur hergiebt, wenn sie gepreßt wird, so muß Israel zuweilen gepreßt („in der Presse angegriffen" würde ein Agadist im alten Stil sagen) werden, wenn es einen idealen Aufschwung nehmen soll". Aber das gereicht den Hetzern keineswegs zur Entschuldigung, denn ihr Biß ist nicht der des Blutegels, welcher Heilung herbeiführen soll, sondern der Natter, welche zu verletzen und zu töten trachtet. Hier kommt der Rückert'sche Vers in Anwendung: Tadel mußt du lernen tragen, Dir die Wahrheit lassen sagen, Nicht darüber dich beklagen, Wenn es heilsam dich wird nagen, Aber wenn es Tölpel wagen, Grob zu sein mit Wohlbehagen, Dir die Achtung zu versagen, Die den Tadel sollte tragen Sollst du nichts nach ihnen kragen, Oder sie ins Antlitz schlagen *) Innerhalb und außerhalb Jliums Mauern wird gefehlt.