Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 4 (25.1.1895)
- Date
- 1895-01-25
- Page
- Seite 61 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 4. Aefchirrrrrr. Seite 61. in Wien für das Vereinsjahr 1893 ist die betrübende Thatsache zu entnehmen, daß sich derselbe infolge Aufhörens der Subvention des Baron Hirsch per 14000 Gulden genötigt gesehen habe, die Vereinsthätigkeit und damit auch die Aufnahme von Zöglingen wesentlich zu reduzieren. Der Stand der letzteren ist demzufolge von 1198 int Vorjahre auf 795 zurückgegangen. Die Vereinsleitung richtet daher an die Glaubensgenossen einen warmen Appell um materielle Unterstützung, insbesondere apostrophiert werden die auswärtigen Kultusgemeinden, aus deren Mitte ja der allergrößte Teil der Zöglinge, die in der Obhut und Verpflegung des Vereins stehen, sich rekrutiert. *w Selten wird eine Neuerung von den dabei Beteiligten mit so allgemeiner Anerkennung ausgenommen, wie die vom Rabbiner Herrn Dr. Kisch in der Meiselsynagoge in Prag eingeführte. Am Vorabende des Sabbat Bereschit hielt derselbe vor Schluß des Gottesdienstes eine Predigt, worin er die auffallende Erscheinung, daß der Sabbat, an welchem für das Synagogenjahr die Vorlesungen aus der Thora beginnen, kaum irgendwo zu homiletischem Vortrage benützt wird, mit einer nach den häufigen Feiertagen eingetretenen Ermüdung der Prediger wie der Hörer entschuldigte. Die eben gehaltene Rede, meinte Herr Dr. Kisch, solle aber eine Reihe von Vorträgen eröffnen, die je nach Ablauf von vierzehn Tagen an den Freitagabenden fortgesetzt werden. Das Thema dieser ersten Freitagabend-Predigt war die Einsetzung der Ehe. Wie wohlbegründet diese Neuerung ist, zeigt die starke Teilnahme, die bei diesen Vorträgen das durch einen Neubau erweiterte Gotteshaus in allen seinen Teilen mit Zuhörern füllte. Ein starkes Kontingent hierzu stellt die erwachsenere Jugend, die am Samstage durch den Besuch von Mittelschulen vom Gottesdienste fern gehalten ist. — Auch in Berlin wäre die Einrichtung von Freitaqabendprediqten sehr am Platze. * Aus Riga wird dem „Mem. Dmpfb." milgeteilt: „Herr Dr. Ad. Ehrlich, der frühere Leiter der hiesigen Gemeindeschule, der auch als Prediger an der großen Synagoge fungiert hat und durch seine litterarischen Arbeiten hier, wie im Auslande als Gelehrter bekannt ist, ist zum Rabbiner nach Tilsit berufen worden. Diesem Rufe folgend, verläßt Herr Dr. Ehrlich unsere Stadt, wo er 18 Jahre lang so üderaus segensreich gewirkt hat. In welch hohem Grade Herr Dr. Ehrlich sich dadurch Liebe und Hochachtung erworben, davon gab das am 24. d. M. ihm zu Ehren veranstaltete Festeffen den besten Beweis. — Mit diesem Manne hat es eine gar eigentümliche Bewandnis. Als Dr. Ehrlich vor 18 Jahren von Berlin, woselbst er sich damals aufhielt, nach Riga berufen wurde, da mußte er zuvor sein russisches Bürgerrecht mit dem deutschen vertauschen und in Deutschland sich naturalisieren lassen, weil das Statut der Schule diese Bestimmung enthielt. Dieser Umstand hat dem Manne, da alles russifiziert werden sollte, seine. Stelle gekostet. Seitdem der neue Zar zur Herrschaft gekommen ist, scheint der Druck nachgelassen zu haben, denn jüngst wurde dem Dr. Ehrlich wieder das Recht zugesprochen, in Rußland als Bewerber um Rabbinatsstellen auftreten zu können, auch wurde ihm sein Doktorgrad von zwei Ministerien bestätig^. Mittlerweile aber hatte er sich um die Stelle in Tilsit beworben und hatte unter den Bewerbern den Vorzug erhalten. In den nächsten Tagen wird der Genannte nun seine Stelle antreten. Wir wünschen dem Manne viel Glück in seinem neuen Amte." — Wir nicht minder. *t. Die Gesellschaft für jüdische Kolonisation (Jewish. Colonisation Assoziation) veröffentlicht soeben einen Bericht über die Ansiedlung russischer Emigranten in den Ackerbau- Kolonien in Argentinien. Das Aktionskomite in Petersburg hat insgesamt 3000 Personen über den Ozean befördert, welche sich in den Kolonien Mosesville (45 Familien), Mauricio (213 Familien), Clara (245 Familien), Sant' Antonio (56 Familien) niedergelassen haben. Jeder Familie wurden für den überlassenen fundns instructus, inbegriffen das Haus, 2500 Francs, eingerechnet, welcher Betrag zu amortisieren ist. Das dem Kolonisten überlassene Terrain wurde ungefähr ebenso hoch berechnet. Die Kolonisten erfüllen redlich ihre Verpflichtungen und haben Aussicht, nach zwölf Jahren einen völlig lastenfreien Grundbesitz innezuhaben. Unter den Kolonisten finden sich auch solche, welche über eigene Mittel in gewisser Höhe verfügt haben. Es ist vorgesehen, daß im nächsten Jahre neuerdings 200—300 Familien nach Sant' Antonio in Argentinien expediert werden. Der Gesamtertrag der letzten Ernte nach einer Ackerfläche von 15.200 Hektar kann auf eine Million Francs geschätzt werden. Die Gesellschaft beziffert ihr Vermögen auf 196.369 Pfund Sterling zumeist in Grundbesitz und in Guthaben an die Kolonisten. * Götterwechsel. Wenn den Fetischverehrern Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche nicht in Erfüllung gehen, pflegen sie ihre unwillfährigen Fetische zu züchtigen und gebotenenfalls ganz außer Kurs zu setzen. So gehen z. B. Jakuten, Indianer und Südseeinsulaner vor. Die Römer halten die „religio“, die Götter sämtlicher unterworfeuen Völker ins Pantheon aufzunehmen, um nicht die Rache der beleidigten fremdländischen Fetische sich zuzuziehen. Den Juden gegenüber, die keinen Fetischdienst hatten, befanden sie sich in größter Verlegenheit, indem sie, selbst ihre Größen wie Tacitus, eine Idee an eine einzige, unsichtbare Gottheit nicht begriffen. Auch dies war ein Grund mehr für den Judenhaß beim römischen Pöbel. Merkwürdige Blüten hat der Judenhaß in allen Ländern im Laufe der Geschichte hervorgebracht, desgleichen aber auch der Christenhaß bei einfachen Naturvölkern. Die Maori auf Neuseeland wurden ihrerzeit durch die christlichen Engländer derart in Verzweiflung gebracht, daß, als ein neuer Glaube (der Pai marire-Glaube) bei ihnen auftauchte, sie sich ihm zuwandten und christliche Missionare töteten. Als ein Schiff, die „Eclipse" genannt, bei Apotiki vor Anker ging, wurde es sofort mit Beschlag belegt, „und die Passagiere brachte man in Gewahrsam, Kapitän Lcvy blieb durchaus unbehelligt, weil er kein Christ, sondern ein Jude sei, und die Hauhaus (Neuseeländer) Wert darauf legen, mit dem auserwählten Volke Jehovahs in Verbindung zu stehen". Die unglücklichen Maori hatten zu sehr unter dem „Christentum" der Engländer leiden müssen und hofften nun auf den jüdischen Jehovah. (Siehe „Globus" 1866, Bd. 9, S. 7). Bekehrungen der Indianer finden außerordentlich leicht statt, aber sie sind ausnahmslos ohne bleibenden Erfolg, worüber unter allen Missionaren Stimmeneinhelligkeit herrscht.