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Jeschurun · 1895-01-25 · 4 (25.1.1895) · p. Seite 59

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
4 (25.1.1895)
Date
1895-01-25
Page
Seite 59 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 4. Jescyrrrurr. Seite 59. aus. Besonders die Frauen waren entzückt von dem neuen Prediger. Das bleiche, von dunklem Bart umrahmte Gesicht, das von dem Glanze zweier schöner blauer Augen erleuchtet war, besonders aber die ungewöhnlich zarten Hände, die er sehr gut zu gebrauchen umßte, machten Eindruck. Er sprach sehr gut, richtete seine Rede fast ausschließlich an die Frauen, und verstand es, sie zu rühren. Die Kaiserin wollte ihn an Paris fesseln und machte ihn zu ihren: Beichtvater. Die Kurie ernannte ihn aus Gefälligkeit für die Kaiserin auch zum Bischof in partibus infidelmm. Run kan: er in die Mode; alle schönen und vornehmen Sünderinnen wollten ihn zu ihren: Seelenhirten rnachen, und er wäre alle 24 Stunden des Tages nicht aus den: Beichtstühle gekonnnen, wenn er nicht die Kraft gehabt hätte, zu widerstehe::. Er traf daher seine Auswahl und er traf sie gut. Bald war er eine. Macht, und seine Apparteinents in der Rue Florentin, wo er der Nachbar Lesseps war, wurden von Bittstellern und Bittstellerinnen nicht leer. Dann kan: der Krieg und nach den: Kriege die Republik. Monsignore Bauer sprang aus der Kutte und zugleich ans der katholischen Kirche. Der friihere Pater und Bischof verwandelte sich über Nacht in einen Lebemann, hielt sich kostbare Pferde und mar überall zu sehen, wo inan sich ainüsierte. Aber kein Mensch in Paris kürnmerte sich mehr um ihn, und jetzt geht u:an an ihn: vorüber, als ob man ihn nie gekannt hätte . . . W. T Wochen-(LH: onik. Bürgerliche Verhältnisse. *y Wie gehetzt wird. „Was dem Deutschen Recht ist, ist dem Juden billiger". Unter dieser Spitzmarke schreibt man dem Wochenbatt „Der Bundschuh" aus Geschäftskreisen (?) in Wittenberge: „Der Jude Herz, Oelfabrikant, hier, holt seine Postsachen stets schon des Morgens um 7 Uhr ab, während allen übrigen Geschäftsleuten die Abholung ihrer Postsachen erst um 8 Uhr gestattet ist. Wie mir gesagt wurde, hat Herz s. Z. beim Po st amte um diese Vergünstigung gebeten und dieselbe auch erhalten". Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat sich nach dieser angeblichen Vergünstigung eines Juden in Wittenberge erkundigt und erfahren, daß außer oem Delsabrikanten S. Herz auch eine angesehene christliche Firma das gleiche Vorrecht genießt, welches der Postvorsteher, so lange zulässig erklärt, als nicht diensterschwerende Belästigungen daraus entstehen. * Unter der Stichzcile „Geschäftsantisemiten" schreibt die judenseindliche „Deutsche Tageszeitung": „So sonderbar es auch klingen mag, es giebt thatfächlich jüdische Geschäftsantisemiten. Dernnächst wird in Wien ein Beleidigungsprozeß ftattfindcn, der zwei solcher jüdischen Gcschästsantiseiniten aus der Anklagebank zeigt. In vielen tausenden von Flugblättern ivurde vor einiger Zeit das rheinische Sensenversandhans A. Würtemberg in Köln als eine unreelle mit einem deutschen 'Namen sich deckende „jüdischpolnische" Firma bezeichnet. Urheber und Verbreiter dieses Flugblattes waren die Gebrüder Lazar und David Münzer in Wien, Inhaber der Firma Münzer ::. Co., einer Handlung mit land- und forstwirtschaftlichen Geräten. In jüdischen Blättern wird fortwährend von christlichen Geschüstsantisemiten gesprochen, ohne daß dafür Beweise zu erbringen wären. (?) Jetzt läßt sich zun: erstenmalc das Auftreten wirklicher Geschästsantiseiniten seststellen und — Wunder über Wunder! — diese gerichtsnotorischen Geschüftsantisemiten sind — Juden!"— Traurig, weil — wahr! * t. Aus Wien Vor dem Reichsgerichte gelangte an: 17. d. M. die Beschwerde über die von der böhmischen Statthalterei verfügte und von: Ministerium des Innern bestätigte Auslösung des „Czechisch-jüdischen Nationalvereins in Prag" zur Verhandlung. Die von der Regierung gegebene Darstellung des Sachverhaltes führt aus, daß der statuarische Zweck des nichtpolitischen Vereins „Narodni jednota cesko-zidowska“ darin bestanden habe, aus das Zusaminenwirken der Böhmen jüdischer Konfession mit den anderen Konnationalen in nationaler, geistiger, gesellschaftlicher und volkswirtschaftlicher Beziehung hinzuwirken. Der Verein habe jedoch seine Statuten überschritten, indem in seinen Versammlungen politische Reden gehalten und von ihm politische Broschüren verlegt wurden. Die Auslösung erfolgte auch wegen Autoritätsanmaßung in politischen Dingen. Die von den früheren Ausschußmitgliedern eingebrachte Beschwerde macht geltend, die Reden hätten keinen politischen, sondern nur einen nationalen Charakter gehabt und durch die Auflösung sei das auch den Juden czechischer Nationalität gewährleistete verfassungsmäßige Recht, Vereine zu bilden, verletzt worden. — Die antisemitischen Abgeordneten Hauck und Genossen richten an den Statthalter eine Interpellation, in welcher sie darauf verweisen, daß häufig Rabbiner Galiziens ganz willkürlich alttestamentarische Vor- und oft auch Familiennamen auf Verlangen der nach großen Städten ausgewanderten Träger in beliebig nicht jüdisch klingende Namen uniändern. Die Antwort der Regierung steht noch aus, da die Dringlichkeit des Antrages abgelehnt wurde. * Der türk. Ministerpräsident hat an die Paschas von Beirnth und Jerusalem Erlässe gerichtet, in welchen er sie aufmerksam umcht, daß die Juden mit allen Völkern, die unter dem ^Schutze des Sultans st ehe::, g l e i ch b e r e ch t i g t lind, und fügt hinzu, es sei der ausdrückliche Wunsch des Sultans, daß die Juden gleiche Rechte niit allen andern genießen. Dieser Befehl, der auch die Aufhebung aller bisher bestehenden Beschränkungen in den konunerziellen Rechten der Juden involviert, ist den Bemühungen des Landrabbiners Mose Halevi sowie des jüdischen Generals Elias Pascha zu verdanken. Gegenwärtig wird von derselben Seite darauf hingearbeitet, die bis jetzt gegen die Juden gerichteten Einwanderungsverbote nach Palästina zu erheben. Es wäre zu wünschen, daß die Belnühungen der Genannten bald mit Erfolg gekrönt sein mögen. — Der Sultan hat neuerlich einen eklatanten Beweis seines Sinnes für Gleichberechtigung gegeben, welchen derselbe bei allen Humanitätsacten bekundet. Se. Majestät hat nicht weit von seinen: Palast ein Asyl für Unheilbare ohne Unterschied der Religion errichtet. Um nun den Pfleglingen Gelegenheit zu geineinschastlichem Gottesdienst zu geben, hat

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