Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 4 (25.1.1895)
- Date
- 1895-01-25
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 58. JefcHrirrrrr. Nr. 4. bar ich dir auch, Vater, bin für die reichen Beweise deiner Fürsorge, so glaube ich doch in dem letzten Punkte mit dir nicht übereinstimmen zu können. Du sagst, du hättest mir nur freie Bahn für meine Bestrebungen gemacht und hast sicherlich nicht daran gedacht, daß das Verdienst bei Erreichung sich gesteckter Ziele durch dergleichen Erleichterungen Einbuße erleidet, daß es wenigstens nicht dasselbe ist, als wie wenn man dabei mit schweren Hindernissen zu kämpfen gehabt. — Dein Juden wohnt, wenn er Karriere gemacht, jedenfalls das Bewußtsein inne, daß ihm solches nicht leicht geworden, und die dabei überwundenen Schwierigkeiten können jedenfalls nur dazu beitragen, fein Selbstbewußtsein zu heben und die erlangte Stellung als lediglich aus seiner Kraft hervorgegangen anzusehen". — „Sehr schön und edel gedacht, mein Sohn", erwiderte mit sichtlichem Unbehagen der alte Reinseld — „aber wie, wenn er diese Stellung nicht erlangt, darum eben nur nicht erlangt, weil er Jude ift"? „So bleibt ihn in jedem Falle das Bewußtsein, daß die Schuld daran nicht aus seiner Seite liegt. Der also gewissermaßen zuin Märtyrer (Gewordene wird schließlich resignieren und aus andern (Gebieten die erworbenen Fähigkeiten zu verwehrten sich bestreben". „Ich verstehe dich nicht, Ludwig, was du als Christ in deinem späteren Leben au Vorteilen erlangst, ist so bedeutend und liegt so sehr aus der Hand, daß sich nur ein Idealismus darüber hiuwegfetzen kann, der jede Fühlung mit den Ansprüchen und Bedürfnissen des praktischen Lebens verloren hat. Du stehst, wie. wenig wir hier Juden sind, und daß das, was uns als solche spezialisieren könnte, unter Null zu rechnen ist, und dennoch bringt und führt der bloße Umstand schon als solche rubriziert zu werden, so viel der Unzuträglichkeiteu mit sich, daß mitunter das Leben einem schier verleidet werden kann!" „(Kau; recht, lieber Vater: aber glaubst du, daß der zum Christentum übergetretene Jude gesichert ist vor der Animosität, die nun einmal dem Glauben, in welchem er geboren, gegenüberstehtV Die wenigen Dropsen Wasser, bie er emplaugeu, haben sie nicht verslüchten lassen; man greift schließlich aus die Masse zurück und der also um die Herzensruhe Gekommene hat neben dem Schaden auch noch den Spott". — „Sentimentalität, pure Sentimentalität! Die Voreingenommenheit des Volkes hat die Regierungen bis jetzt nicht abgehalteu, Männer jüdischer Geburt in die ersten linb vorzüglichsten Stellungen des Landes zu berufen. Ich mochte doch wahrlich nicht glauben, daß du den Wert der Wohlthat, die ich dir durch deine Ueberführung zum Christentum angedeihcn ließ, unterschätzen, noch weniger aber, daß du mir darüber einen Vorwurf machen wirst". — „Sieh dich doch einmal um", — nahm nun auch die Mutier Ludwigs, die bisher der Auseinandersetzung zwischen Gatten und Sohn schweigend beigewohnt, das Wort. — „Sieh dich doch einmal um, wie heute der Jude in der Welt dasteht, und wer sich nicht alles an ihn heranwagt, um ihm eins zu versetzen, wenn man's nur kann. Du weißt wie wenig das Judentum uns ist und wie selten wir mit Juden in Berührung kommen. Run, wir Juden können demnach von nianchen unliebsamen Erfahrungen erzählen, von welchen der Christ nichts weiß. Wir Eltern sind freilich schon zu alt dazu, um eine'diesbezügliche Verbesserung unserer Beziehungen zur nichtjüdischen Welt durch den llebcrtritt zum Christentum herbeizusühren. Aber von unfern Kindern möchten wir nicht haben, daß sie Opfer des noch so sehr herrschenden Vorurteils gegen die Juden werden und daß ihnen ihr unglückliches religiöses Bekenntnis immer und überall Steine in den Weg lege. Du bist unser einziger Sohn: lag'S uns nicht ob dich frei zu machen von dem bösen Anhängsel, das dir dein Fortkommen in jeder Beziehung erschweren mußte?" Sie hatte sich dabei sehr ereifert, die Frau Lydia Reinseid. Man sah es ihr an, daß sie mit Leib und Seele bei den Worten war, die sie sprach, und man hätte Unrecht gethan, ihr diesen Erguß wahrer, aber von falschen Grundsätzen irregeleiteten Mutterliebe zu verargen. „Rege dich nicht aus, liebe Mutter" — erwiderte Ludwig beruhigend — „cs liegt mir nichts ferner, als mich mit euch in Gegensatz zu bringen und am allerwenigsten mochte ich euere für mich dargelegte Liebe ungewürdigt lassen; allein ich glaubte nicht Unrecht zu thun, wenn ich auch meine eigene Empfindung da zum Ausdruck bringe, wo es sich um so wichtiges handelt, das meine eigene Person angeht. Lassen wir indes die Sache jetzt auf sich beruhen, da der Zweck einer feruern Behandlung derselben durchaus nicht abzufehen ist." Die Eltern waren damit einverstanden. (Fortsetzung folgt). Lischst Kam. Unter den Leidtragenden, die dem Sarge des kürzlich verstorbenen, ehedem berühmten und durch den Panama- Skandal berüchtigten Ferdinand v. LessepS folgten, befand sich auch ein kleines Männchen mit wachsbleichem Gesicht, langein schneeweißen Bart und dichten weißen Haaren. Kein Mensch achtete sonderlich auf ihn, und doch hatte der Mann einst in Frankreich seine Zeit des Glanzes und der Macht, und diese Zeit fiel gerade mit der Glanzperiode LessepS zusammen. Das kleine Männchen war der ehemalige Bischof Bauer, Beichtvater der Kaiserin Eugenie von Frankreich, der einstmals so berühulte Redner, der seinerzeit den Suezkanal eingesegnet und vor einer Zuhörerschaft von Kaisern, Königen und Prinzen die Weiherede gehalten hat. Der Mann, der damals eine Macht mar, ist heute eine Rull, ein nichts. Bernhard Bauer aus Pest, Jude von Geburt, hatte sich, uoch nicht neunzehnjährig, lebhaft an der Wiener März- Revolution beteiligt, war sogar öffentlich von Kossuth umarmt und als Vertreter der Wiener akademischen Legion an die Pariser Studenten geschickt worden. Später hielt er sich eine Zeit lang in Baden aus, wo er sich der besonderen Gunst Feuerbachs erfreute. Als Lcbeusberuf hatte er die Malerei erwählt uud reifte, um sich in dieser weiter auszubilden, 1851 nach Italien. Auf dieser Reise machte er die Bekanntschaft eines vornehmen Franzosen, der in Gemeinschaft mit seiner Mutter ihn „bekehrte". Im Jahre 1854 lernte er den Pater Augustin, der ehedem Pianist war und, weniger romantisch, Hermann Cohen hieß, kennen und wurde unter desien Einfluß ebenfalls Carmeliter. Als „Pater Maria Bernhard vom allerheiligsten Sakrament" hielt er in Frankreich Predigten, welche das Entzücken der vornehmen Welt wurden. Auch die „fromme" Kaiserin Eugenie horte davon, war neugierig und ließ den Pater nach Paris berufen, damit er in Rotre-Dame die Fastcnpredigten halte. Sein Auftreten bei Hofe siel glänzend