Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 4 (25.1.1895)
- Date
- 1895-01-25
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 4. AefcHrrrrrn. Seite 57. unterricht! Was haben geographisch-geologische Fragen mit dem Religionsunterricht zu thun? Es wird keinem Kinde einfallen, die Schaffung der Welt durch Gott in Zweifel zu ziehen. Bei einer eingehenden Behandlung des vierten Gebotes ist es — wenn man dies durchaus will — noch Zeit auf die Schöpfungsgeschichte zurückzukommen. (Für die Mittelstufe genügt die erste Hälfte dieses Gebotes.) — Der biblische Geschichtsunterricht hat doch sichtbarlich den Zweck, durch den Inhalt seiner Erzählungen, durch die erhabenen Vorbilder, die er an dem geistigen Auge des Kindes vorüberführt, zur höchsten Sittlichkeit zu erziehen. Das ist und bleibt Hauptzweck des biblischen Unterrichts: Liebe, Gerechtigkeit. Es ist leicht begreiflich, daß wir hiermit gleichzeitig die Absicht verfolgen, unsere Jugend mit den Verkündern der jüdischen Religion und mit den Schicksalen des Volkes bekannt zu machen, dessen geistige Nachkommen und Erben wir sind. Aber begehen wir doch nicht den Fehler, diesen zweiten dem ersteren Zweck gleichzustellen! Biblischer Geschichtsunterricht soll nur Religionsunterricht, Sittenunterricht sein. Hier kommt es nur auf die Güte, nicht auf erschöpfende Darstellung an. Jede Erzählung, die jenen Unterrichtszweck zu erweitern, oder gar zu gefährden droht, ist unbedingt auszuscheiden. Welch sittlichen Wert hat die Schöpfungsgeschichte für ein zwölfgeschweige denn ein sechsjähriges Kind? Wenn wir schon die Aufnahme der Schöpfungsgeschichte in die Pensenverteilung der Unterstufe zweckwidrig nannten, so ist dies in noch höherem Grade der Fall bei Geschichten wie Kajin und Abel, die Sündflut, Ham verspottet seinen Vater u.^ä. Die Grundgedanken der Erzählung, Kajin und Abel sind doch sicher: a) Du sollst nicht töten, d) auch das größte Vergehen kann durch aufrichtige Reue und Buße gesühnt werden. Keins von diesen beiden grundlegenden Elementen jeder wahren Religion kann dem Verstände eines Kindes von 6—12 Jahren zugänglich gemacht werden. Und warum denn die Kinder von Mord und Totschlag im Religionsunterricht unterhalten, giebts wirklich nichts Besseres? Goethe meint: „Ist es nicht eine barbarische Anstalt, den Kindern Mord und Totschlag zu verbieten!'' Weshalb denn Kindern etwas verbieten, woran sie nicht im mindesten denken! — (Schluß folgt.) Feuilleton. Des Mattts Schuld. Erzählung von Moritz Sch erbe l. „So" — sagte der Bankier Reinfeld zu seinem Sohne Ludwig, der eben von der Immatrikulation zum Studium der Jurisprudenz heimkehrte. — „Du wärest denn dahin gebracht, wo du mit eigener Kraft an deiner Existenz bauen und deiner Zukunft die wünschenswerte Gestaltung zu geben im Stande bist. Ich bin bei der gewöhnlichen Fürsoge, die man seinen Kindern in dieser Beziehung zu teil werden läßt, nicht stehen geblieben, sondern habe dir auch noch die Bahn frei gemacht zu einer dankbarern Entwickelung deiner Kraft, indem ich noch das letzte Hindernis hinweggeräumt, das dir, wenn du Jude geblieben wärest, jedenfalls jede höhere Karriere verschlossen hätte, und glaube dir hiermit keinen kleinen Dienst erwiesen zu haben". — Der also Angeredete war den Worten seines Vaters aufmerksam gefolgt. Er schien von der guten Absicht desselben vollkommen überzeugt zu sein; allein bei dem letzten Teil der Rede flog es wie ein Schatten über das schöne, edle Angesicht des Jünglings; es machte den Eindruck, als ob er die Selbstzufriedenheit des Vaters nicht gutheißen könne auch in Bezug daraus, daß er ihn als zartes Kind taufen ließ und durch die Ueberführung zum Christentum seine Aussichten zu beffern versucht hatte. Ludwig hatte im reiferen Alter herausgefunden, daß in dieser Vorsichtsmaßregel etwas Tadelnswertes lag, es war ihm, als ob darin eine Art Spekulation auf höheren Gewinn sich barg, welche seinen eigenen, dem Idealen zugewandten Sinn empfindlich beleidigte. Außerdem hatte er auf dem Gymnasium oft genug Gelegenheit zu erfahren, daß der frivole Spott seiner Mitschüler in ihm noch immer den Juden herausfand, wie wohl sie von seiner Taufe wußten; er machte sich oft seine Gedanken darüber, ob nicht dasselbe auch im späteren Leben geschehen werde. Das Haus des Bankiers war nicht blos im höchsten Grade unjüdisch, sondern überhaupt unreligiös. Man lebte nur in der Erinnerung noch, daß man Jude sei, und diese Erinnerung war durchaus keine angenehme. Es traten hundert Fälle ein, wo die jüdische Zugehörigkeit dieser ganz und gar außer dem Rahmen religiöser Verpflichtung lebenden Familie derselben in der peinlichsten Weise zur Erkenntnis gebracht wurde und sie schließlich bei dem Worte Heines stehen ließ, daß das Judentum „ein Unglück" sei. Unter solchem Einfluß wurde Ludwig groß. Er kannte das Judentum nur dem Namen nach, er kannte es nur aus den Angriffen, die es erfuhr, aus den Vorwürfen, die man ihm machte und die er bei seinem Vater nichts von dem Ausgesprochenen sah und erfuhr, so schloß er daraus, daß das jüdische Volk nur das Angriffsobjekt für die Menschensorte bilde, die von Mißgunst erfüllt und vom bösartigen Neide angekränkelt war. In eben der Weise wie sein Unwille, seine Entrüstung darüber stieg, empfand er aber auch das Unrecht, das darin lag, dieser bedauernswerten Minderheit in der Zeit ihrer Bedrückung und Verfolgung fern zu treten, und glaubte sich selbst eines solchen Verstoßes gegen das Rechte anklagen zu müffen. Solche Gedanken kamen ihm freilich erst in neuerer Zeit. Er wurde als siebenjähriges Kind getauft und nahm diesen Wechsel in der Konfession mit der Gleichgiltigkeit hin, wie man einen Rock mit dem andern vertauscht. Sein Vater sagte damals zu ihm, daß es für seine Zukunft von entschiedenem Vorteil sei, er glaubte es, und hatte durchaus keine Veranlassung, über den mit ihm vorgenommenen Akt Betrachtungen anzustellen. Er lebte wie er früher gelebt, sah auch seine Eltern und Geschwister in gewohnter Weise den Umgang mit ihm fortsetzen und vergaß mitunter ganz und gar daran, daß er nicht mehr zu den Juden gehöre. In diesem Augenblick wurde er wieder einmal daran erinnert; was er dabei empfand, haben wir anzudeuten versucht. Er war ein gutes Kind und hätte um alles in der Welt seinen Vater nicht in der freudigen Erwartung gestört, die er in seine, Ludwigs Zukunft, setzte; allein er konnte sich dennoch nicht enthalten die Worte auszusprechen: „Wie dank-