Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 4 (25.1.1895)
- Date
- 1895-01-25
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 56. $efc$urun. Nr. 4. Mas vom biblischen Geschichtsunterrichte. Von M. Abraham, Ketlwig. Wenn es schon eine Eigenart der Menschennatur ist, das von den Vätern Ererbte zu behandeln, so entspricht es besonders der konservativ-stabilen Richtung des Judentums, dem Althergebrachten eine größere Pietät entgegenzubringen. „Ich tadle nicht gerne, was innner dem Menschen Für unschädliche Triebe die gute Mutter Natur gab." Aber den Auswüchsen, die jede, besonders aber diese 'Neigung im Gefolge hat, müssen wir entgegenarbeiten. Einerseits die Pietät vor dem Worte der Schrift, andererseits das Bestreben, aus Gründen des Wohlbehagens und der Bequemlichkeit in dem einmal ausgetretenen Geleise weiterzutreten, haben es allgemach zu stände gebracht, unseren biblischen Geschichtsunterricht in den Formen festzulegen, die er annahm, als man ihn vor Jahrzehnten in die damals aufgekommencn jüdischen Religionsschulen einführte. Besonders gilt dies bezüglich der Stof f aus wähl. Die allgemeinen Grundsätze, die bez. der Stossauswahl für ein Schulbuch maßgebend sind, kennt jeder seminarischgeschulte Leser des Jeschurun; bei der biblischen Geschichte nehmen einige aber ganz besondere Gestalt an. In einem Werk, das für Männer der Wissenschaft bestimmt ist, brauchen die Förderungen bezügl. der Satzkonstruktion und des Ausdrucks nicht so hoch gespannt zu werden, als bei einem Buche für die Volksschule; in jenem erregt ein verunglückter Ausdruck vielleicht Anstoß, schadet aber sonst nichts, in diesem kann ein ungenauer, mißzuverstehender Ausdruck die beste Mahnung zu Nichte machen. Doppelt streng müssen wir diese Forderung stellen, da sich unsere Geschichtsbücher gewöhnlich sklavisch an den biblischen Ausdruck zu binden pflegen. — Die heilige Schrift enthält vieles, was für die Dhren eines Kindes nicht paßt. Da es nicht immer möglich ist, derartiges in einer Form wicderzugeben, die alles Anstößige verliert, so muß es weggelaffen werden. — Ich erwähnte es oben schon, daß ich es als einen Vorzug betrachte, wenn ein Geschichtsbuch es vermeidet, die Erzählungen in wortgetreuer Uebersetzung zu geben. 'Nur in einer freien Uebertragung, die sich nicht knechtisch an das Wort, sondern an den Geist und Inhalt des Satzes bindet, läßt sich die Reinheit und Kindlichkeit der Sprache wahren, die für ein Geschichtsbuch für Kinder unerläßlich sind. Auch dem guten Geschmack wird in einer solchen eher Rechnung getragen. Außer diesen sprechen zwei weitere Gesichtspunkte für eine freie Uebersetzung. Bei einer wortgetreuen lasten sich grammatikalische und stilistische Fehler nicht vermeiden; *) solche aber, sowie auch *) Folgende Fehler entnehme ich einem unserer gebräuchlichsten Geschichtsbücher: „Dorum will ich sie vertilgen m i t der Erde.„ „Das Weib fab, daß der Baum erwünscht zum Versrändigwcroen." tzTas soll ein Sliiib verstehen!) „Wenn ein Prophet unter euch in, so thue ich, der Ewige, mich in Erscheinungen i h m kund .... Nicht also m ein Unecht M o s e s , in meinem ganzen Hanse in er bewährt." „Da verbrannte alles: Garbenhaufen, Weinberge und Olivengärte n." „Saul schlug die Amalckiter und verbannte (?) alles Volk mit der Schärte des Schwertes." „Was in denn dieses Geschrei von Scharen und Rindern, das ich höre?" unbestimmte Ausdrücke dürfen in einem Schulbuchc nicht Vorkommen. — Die Geschichten sollen nicht nur gelesen, sondern auch gelernt werden. Der Lehrer schließt nun seine Erzählung den Worten des Buches an; und folgerichtig lernt das Kind dieselben gern auswendig. Zum Auswendiglernen eignet sich jedoch nur ein Stil, der ausgedehnte Satzgefüge sowie auch Härten der Sprache vermeidend, sich leicht unl^ gefällig liest und ohne große Schwierigkeit sich dem Gedächtnis einprägt. — Kehren wir nach dieser kurzen, aber notwendigen Abweichung zu unserem Thema zurück. Mancher Leser wird da staunen, wenn ich sage, daß neben dem Lehrer auch der Gelehrte ein Wörtchen mitzureden hat bei der Sichtung des geschichtlichen Stoffes. Wir wollen unseren Kindern durchaus keine Gelehrtheiten zum Lernen geben. Aber mau wird mir beipflichten, wenn ich die Wissenschaft insofern mitstimmcn lasse, als man unbedingt fordern muß, daß alle Fragen, welche wissenschaftlich noch ungelöst sind, in der biblischen Geschichte nicht als bereits gelöst erscheinen dürfen. „In einem Schulbuche darf nur Sicheres stehen, sonst ist Gefahr vorhanden, daß man das Kind einen Irrtum als Wahrheit lernen läßt und ihm für die Zukunft das richtige Verständnis verbaut." Eine offene Frage — die wissenschaftlich bisher noch ungelöst geblieben — ist es z. B., ob sich die Erde nach dem „Werde" des Allmächtigen unversehens mit dem herrlichsten Pflanzenteppich bedeckte und die eine Hälfte der Erde im schönsten Blütenschmuck prangte, während die andere der Gaben des Herbstes sich erfreute, oder ob die Ausführung des Schöpferwortes einen längeren Zeitraum erforderte und sich erst allmählich alles entwickelte; offene Fragen finden sich auch in der biblischen Geographie und Zeitrechnung; es ist daher ganz am Platze, wenn die Wissenschaft vom Verfasser einer biblischen Geschichte eine gewisse Vorsicht verlangt. — Betrachten wir uns einmal an der Hand dieser eben festgestellten Grundsätze die Geschichtsbücher, die in der Mehrzahl unserer Religionsschulen eingeführt sind. Von einer zweckentsprechenden Stossauswahl ist da überhaupt keine Rede. — (Daß manche gar zu anstößige Geschichte keine Aufnahme gefunden — ist weniger eine pädagogische als sittenpolizeiliche Maßregel.) — Auch ich hege hohe Achtung vor dem Worte der Schrift und denke mit Jean Paul: „Nicht durch Lehrsätze, sondern durch die Geschichten der Bibel keimt lebendige Religion aus;" aber gehen wir nicht zu weit und sagen, was biblisch — ist gleichsam für das ErziehungSwcrk im Voraus sanktioniert. Zugegeben, daß die Bibel das beste Handbuch zur Erziehung der Menschheit, zur Hinleitung zu ihrem göttlichen Urquell ist; für die Erziehung unserer Kleinen bedarf ihr Inhalt, besonders ihr geschichtlicher, einer doppelten Sichtung — nach seiner Tiefe und Breite. Als wenn cs so sein müßte, beginnt jedes biblische Geschichtsbuch und gewöhnlich auch der Geschichtsunterricht der Unterstufe mit der Erzählung der Erschaffung der Welt. Nicht wahr, es würde ein Unsinn scheinen, wenn man den geographischen Unterricht damit beginnen wollte, daß man den Kindern erzählt, wie die Erde entstanden sei? Und hier läge doch ein solcher Anfang viel näher als beim Religions- „Ta erftarb ihm das Herz im t'eibc, und er ward zu Stein. <?>" „Und man kaufte d i e Maß ztcrnmehl um einen Schekel." „Er rottete das heidnische Unwesen (?) aus." „Am neunten Tage des vierten Monats wurde die Stadt vom Feinde durchbrochen. (?)"