Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 4 (25.1.1895)
- Date
- 1895-01-25
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 4. I e f ch rr r u n. Seite 55. Gründer eines mystischen Ordens, und endlich Günstling des Günstlings Bischofswerder, Jean Paul, der Herzallerliebste aller Berliner Damen, schlug am Abend sein Hauptquartier hier auf, und selbst Schiller besuchte bei seinem Berliner Aufenthalte Henriettens Haus oft und gerne. Durch den Grafen Dohna wurde (1794) eine andere Berühmtheit, der damals 26jährige Schleiermacher, bei Henrietten eingeführt, mit welcher der romantische Geistliche eine jener gefühlsseligen hypersentimentalen Freundschaften knüpfte, die der Zeit eigentümlich waren. Nicht jedermann glaubte an den Platonismus des Pastors mit der schönen Jüdin, Vorgesetzte und die mit ihni unter Herrenhutern ausgewachsene Schwester skandalisierten sich, wogegen das spottsüchtige Berliner Publikum den Kontrast belächelte zwischen der^ hohen Gestalt der tragischen Bluse und dem feinen Kopf des Pfarrers, den er auf einem kleinen, schwächlichen, etwas mißgestalteten Körper trug, wenn man das Männchen am Anne der hohen „tragischen Bluse" hängen sah. Das Verhältnis, das, nach dem uns überkommenen Briefivechsel ein wirklich platonisches war, dauerte, bis der allzu gefühlvolle Prediger Stolp in Pommern mit Berlin vertauschte. Bei Henrietten traf Schleiermacher zum ersten Male das nachherige Haupt der Romantiker, Friedrich Schlegel, mit dem bald eine intime Freundschaft ihn verband. Auch Schlegel, von kräftigem gesundem Körperbau, mit seinem blassen charakteristischen Gesicht und ganz schwarzem, kurzgeschnittenen Haar, ohne Puder und Frisur, war Stammgast Henriettens und hatte das Glück, auf ihre vertraute Freundin, die exaltierte und unglückliche Dorothea Beit, einen tiefen Eindruck zu machen. Dorothea Beit war die schon mehrmals genannte Tochter Mendelssohns, die von ihrem Vater die sorgfältigste Erziehung erhalten hatte. Bei hohen Geistesanlagen hatte ne früher schon sich ein eigenes Urteil über die Menschen, die Dinge und die Bücher gebildet und ihr (unvollendeter) Ronlan „Florentin" übertrifft alles, was Schlegel selbst geschrieben hat. Nach der bei uns in Deutschland herrschenden Sitte, hatte ihr Vater ihr Freiheit in der Wahl ihrer Lektüre gelassen, und sie hatte sich vorzüglich auf die der Zeitrichtung und dem herrschenden Geschmacke entsprechenden sentimentalen Romane geworfen. Ihre von Natur schon lebhafte Phantasie hatte sich dadurch noch mehr entflammt und sie sah in sich schon eine solche sentimentale Romanheldin, eine Clarissa, eine Julie, als Vater Mendelssohn die kaum Sechszehnjährige, ohne sie selbst zu befragen, an einen jüdischen Banquier verheiratete, der alle möglichen Eigenschaften hatte, nur nicht die eines Romanhelden. Veit war in der That weder sehr jung, noch sehr schön, noch glänzenden Geistes, seine große Herzensgüte und sein klarer gesunder Verstand konnten sich nur mit der Zeit bewähren und machten vorerst auf das romantische junge Mädchen keinen Eindruck. Sie hielt sich für „unverstanden", sie fühlte eine Leere, die sie nicht auszufüllen vermochte und die sie unglücklich machte. Doch blieb die Ehe ^friedlich und ruhig bis zum Tage, wo Dorothea den kaum 25jährigen, schon berühmten Friedrich Schlegel sah,^ der soeben in Reinhardt's „Deutschland" den beiden Fürsten der deutschen Litteratur Schiller und Göthe (letzterem in seinem Schwager Schlosser, später erst persönlich) den Fehdehandschuh hingeworfen hatte. Dorothea, sieben Jahre älter als Friedrich, wurde von ihm bezaubert. Sie verließ das eheliche Haus, unr mit ihm zu leben, und man beschuldigte Henriette Herz, dabei die Hand im Spiele gehabt zu haben. Die Welt schrie über Skandal; die Freunde waren nachsichtiger. Für sie und Schleiernmcher, der Mann Gottes sprach es aus, war die Heirat zwischen Veit und Dorothea eine „Entweihung der Ehe". „Alan ließ", schrieb Henriette weiter, „man ließ nur diejenige Ehe als eine wahre gelten, wo Herz und Geist der beiden Ehegatten ihre volle Befriedigung suchen.. und die Trennung jeder anderen, rein als äußerlich betrachteten Ehe wurde als eine Wohlthat, ja noch mehr, als eine Notwendigkeit für beide Ehegatten angesehen." Sonderbare Welt, sonderbare Sitten! — Man fand es sogar eigen und übertrieben, daß Veit anfangs seine Kinder der untreuen Gattin nicht lassen wollte! — Die beiden Liebenden verließen Berlin, unr sich in Jena bei Friedrich's Bruder August Wilhelm Schlegel niederzulassen, welcher die reizende und viel umworbene Tochter des Professors Michaelis geheiratet hatte. Aber kaum war das flüchtige Paar angekomnren, als August Wilhelm sich von seiner jungen schönen Frau scheiden ließ, damit diese frei würde, um sich mit Freund Schelling zu vermählen, wadurch jedoch — man staune! — die freundschaftlichen Beziehungen der beiden Ehegatten nicht im mindesten unterbrochen wurden. Friedrich und Dorothea mußten nun ihren Stab weitersetzen. Fichte, der sittenstrenge, judenfeindliche Fichte, der seine Stellung in Jena seinen Ansichten und feinem Drange nach Freiheit geopfert hatte, Fichte empfahl sie von Berlin aus einer Frau in Jena. „Das Lob einer Jüdin aus meinen: Munde kann seltsam scheinen, aber diese Frau hat nreine Ueberzeugung, es könne von dieser Nation nichts gutes kommen, zerstört ... Sie ist mit Schlegel nicht verheiratet, und kann es nie werden, da sie sich nicht taufen lassen will. Abgesehen vom Gehässigen dieses Aktes für einen ehrlichen Menschen, hat sie noch eine Mutter, der sie dadurch den Dolch in's Herz stoßen würde". Die Hindernisse wurden gleichwohl gehoben: Veit benahm sich auf die edelste Weise gegen Dorothea, willigte in die Scheidung, ließ ihr die Kinder, setzte ihr eine Pension aus, unterstützte sie später in dem Elend, in das sie bald nach ihrer Heirat mit Schlegel verfiel, und wachte über die Mutter seiner Kinder, welche ganz ausgezeichnete Menschen wurden und ihrer Mutter sehr anhänglich blieben. Mitlerweil war Dorothea's Mutter, Mendelsohn's Witwe, ihrem Gatten in's Grab gefolgt. Friedrich und Dorothea verbanden sich vor dem Gesetze und führten ein vagabundierendes Leben in Jena, Weimar, Dresden, Praris, Eöln, Bonn und Wien, wo sie unter ungeheurem Aufsehen zum Katholizismus übertraten. Wir werden sie auf unseren! Wege mehr als einmal wiederfinden. Friedrich nahm auch in die neue Religion seine epikuräischen, lüderlichen Gewohnheiten mit hinüber und verkündete sie sogar in seinem seltsamen, unsittlichen, übrigens pedantischen und langweiligen Romane „Lueinde" der erstaunten Welt als ein System, als ein Programm der neuen Schule, das unter dem Vorwände eines Krieges gegen Vorurteile, die gemeinste Sinnlichkeit predigte, vergötterte. Wir werden uns hüten, vor den keuschen Ohren unserer Leser aus diesem jetzt vergessenen Evangelium der Lüderlichkeit zu zitieren — dem jede wirklich poetische Ader fehlt und das nie in's deutsche Volk gedrungen ist. Selbst Dorothea war empört und stieß einen Schnierzensschrei aus: „Es wird mir bald kalt, bald heiß um's Herz", schrieb sie an Schleiermacher, „wenn ich an die^Herauswenden des Innern denke; ich erröte bei dem Gedanken, daß das, was so vertraut, so geheim, so heilig war, nun den Blicken aller Neugierigen, aller Feinde, bloßgelegt ist". (Ein viertes Kapitel folgt.)