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Jeschurun · 1895-01-25 · 4 (25.1.1895) · p. Seite 54

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
4 (25.1.1895)
Date
1895-01-25
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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Seite 54. JefcHurun. Nr. 4. hobener Sprache und angenehm rauschendem Flusse, mit innerer Begeisterung von dem Lehrer vorgetragen, Begeisterung nach außen heworrusend, sich einwurzelnd in Herz und Geist des Hörers, sich festsetzend in seinen Willen und sein Denken, ihn mächtig ergreifend, erschütternd, bestimmend und bezwingend. Wenn daher Rabbi Abuha erklärt: Das Wort Gottes an Moses: „Ich werde dich lehren, was du reden sollst", heiße: „Mein Wort wird in deinem Munde ein Pfeil sein", so glich auch Jellinek's Rede in und aus seinem Munde durch den gewaltigen Flug, die wunderbare Fassung, die zielsichere Tendenz und die überaus tresiliche Vortragsweise dem dahinfliegenden Pfeile, weittragend, Schwierigkeiten überwindend, sicher treffend, alle Seelenlinien des Hörers und alle Fibern seines Herzens durchziehend und im ganzen tief und eindringlich wirkend. Das Wort Paitan hat aber hier noch einen anderen Sinn. In alter und mittelalterlicher Zeit nannte man denjenigen einen Psiitan, der in dichterischer Begabung und religiösem Drange Erbauungsgebete verfaßte und sie für gewiffe Tage in die gewöhnlichen Gebete als Piutim einschaltete. Das waren, sozusagen, betende Paitanim. Der Prediger von Wien war ein lehrender Pazetail, xaitan wedarschan, dem als Redner ein poetisches Gemüt und eine poetische Auffaffungsweise eigen war und seinen religiösen Reden den schönsten Glanz, den größten Reiz und die köstlichste Anmut verlieh. Dadurch vor allem, nämlich durch die kunstgerechte Formschönheit, mit der ein überaus geift- und gedankenvoller Gehalt sich paarte, gewann er den Ruhm, als erster Kanzclredner des Judentums zu gellen, begründete er eine neue Schule für die religiöse Rede, zeigte ihr neue Wege und Richtungen, und ist für die Art und Weise der öffentlichen religiösen Belehrung vorbildlich und mustergebend geworden für alle Zeiten, wenn nicht etwa auch in diesen! Punkte Mode und Geschmack sich ändern und in eine andere Richtung sich verlieren. Roch mehr! Für ihn war das Bestreben und Bemühen um die anziehende Gefälligkeit, Annehmlichkeit und Klarheit des gottesdienstlichen Vortrages jüdische Satzung und religiöses Gebot; er brachte Beweise, daß die heilige Schrift nicht blos Wahrheiten verkündet, sondern auch darstellende Schönheiten ausweist, daß sie nicht nur den ewig wahren Inhalt des reinsten Gottesglaubens, sondern auch die mustcrgiltigeu Formen des ewig Schönen, die vollendetesten Vorbilder der Redekunst in sich berge. Er sagte sich, wie Rabbi Akiba zu dem Schiraverse: „Das ist mein Gott, ich will ihn verherrlichen", das heiße: Ich will Gottes Lob in gewinnender Schönheit und erhabenen Sätzen verkünden. E-esse lo mikdasch noeli, wie Gottes Heiligtum und deffen Gerätschaften schön, herrlich, des hehren Drtes und des höhcrn Zweckes würdig erscheinen müffen, so daß das Auge gern daraus ruht, so muß Gottes Wort aus dem Munde des von 'ihm gesandten Lehrers als reiner Geist mit Form, als Wahrheit in der Hülle der Schönheit, gleichsam als Goldsrucht aus silberglänzcuder Schale sich offenarcn, wirken und die Erreichung dieses Zweckes dem Lehrberuf zur Vorschrift werden. Eben darum aber, weil es ihm religiöse Pflicht schien, Gottes Wort nicht in häßlicher Regellosigkeit der frühem, alten Darfchanmethode, sondern in wohlgestalteter Form wicderzugeben, weil ihm die äußere Gestaltung der Predigt ebenso wichtig wie der innere Kern war, wollte er nie unvorbereitet sprechen, hat er stets solche Zumutungen zurückgewiesen, und hat, wie er überhaupt eine außerordentliche Emsigkeit im Studieren besaß, sehr viel Fleiß, Zeit und Mühe aus diesen Mittelpunkt seines Schaffens, die Predigt, verwendet. Aus diesem Grunde auch bestieg er, wie er sich einst mir gegenüber ausdrückte, stets die Kanzel bp-emah be-waat, beresseth h\, mit Zagen, Bangen, Angst, Schrecken, Furcht und Zittern, und hat sogar, wie er eimnal sagte, an manchen seiner Reden ini Kopse ein Jahr gearbeitet und darüber nachgedacht, bis er das Thema historisch, agadisch, psychologisch und rhetorisch sich zurechtgclegt und erschöpft gefunden, wie ja auch ein berühmter Dichter des Altertums von jeden! echten poetischen Werke fordert, daß es erst nach neun Jahren sorgfältiger Durchprüfung das Tageslicht erblicke. Dann stand aber sein geistiges Gebilde da vollendet, festgefügt, unangreifbar, tadellos, Bewunderung erregend, Herz und Geist erfreuend und erg nickend. So stand es da gleich den zwei Säulen, die den Israeliten nach ihrem Auszuge aus Egypten und in der Wüste vorangingen, gleich dem amud he-anan, der Wolkensüule, führend, psadweisend, hochragend, Beipflichtung und Zustiunnung erzwingend, und wie der amud ha-esch, wie die Fcuersüule, leuchtend und erleuchtend, Glaubenswürme weckend und verbreitend, aus der geistigen Finsternis befreiend., dnrchzuckend, zündend und überzeugend. Man!nuß Jelliuek in seinen groß angelegten Predigten, in seiner Kraft- und Glanzperiode gehört haben, um zu erkennen, daß hier ein Gottesbote, ein Jünger aus der alten Prophetenschule, ein von höherer Macht gesandter Glaubcnsverkünder steht, daß ein Mann dasteht, den gleich dein Propheten JcsaiaS ein hiuunlischer Seraph uinschwcbt, ihm die Hand ans dein Haupte halteud, den Mund ihm berührend, die Glut der hochaustodernden Rede aus die Zunge legend und zu ihn! sprechend: leoli we omarta lo-oni ha-zeh, gehe hin und sprich zu diesem Volke, lehre und belehre Israel, ich habe dich von der Wiege aus dazu erkoren! vir Iiidr» itott ökrlin zu Ende des vorigen und Anfang des jetzigen Jahrhunderts. Von P. Limori, Posen. III. "Natürlich suchten alle Fremden von Bedeutung, die nach Berlin kamen, die schöne „Henriette" zu sehen. Da^ waren ü. a. der Freund der Frau von Stad, der Vcrsaffer des „Luther", Zacharias Werner, Träumer und Lebemann zugleich, mit den langen und buschigen Augenbrauen, unordentlichen Haaren und brauner Haut, die nach dein Rasieren zu lechzen schien, er hatte sich eben zuin dritten, jedoch nicht zum letzten Mal scheiden lasten und stach noch gar im Sündenpsuhl, aus dein er nachher unter so großen! Aussehen sich retten sollte (er trat bekanntlich ebenfalls zum Katholizismus über); der aus der Kutte gesprungene Feßler, Verfasser des „Mark Aurel", abwechselnd Mönch und Spinozist, Lehrer und Freimaurer, russischer Proseffor und deutscher Dramaturg, Vcrsaffer inehrcrer jetzt vcrgeffener, damals viel gelesener Romane, zum Protestantismus übergetreten, ver heiratet und wieder nicht, geschieden und wieder verheiratet,

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