Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 4 (25.1.1895)
- Date
- 1895-01-25
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 4. A efchurrrn. Seite 53. Dienste der schwer angefeindeten jüdischen Sache; die Spitzen der jüdischen Bevölkerung sitzen dort in den Vertretungen der jüdischen Gemeinde. Wie sieht es dagegen in Wien aus?... Hätte ein böses Geschick ein Tisza-Eszlar über uns verhängt, die Verheerungen und Verwüstungen wären unberechenbare und irreparable gewesen; die ungarische Judenschaft hingegen hat diese Pest rasch und gründlich überwunden und sie schon nach wenigen Monden zu einem halbverklungenen Märchen gemacht — und warum? Weil sie alle wie ein Mann in den Kampf gegen die Schändung des jüdischen Namens eintraten. Es gab allerdings eine Zeit — und die ist noch gar nicht lange her — wo auch bei uns die ersten Männer der Stadt in dem Vorstand der Kultusgemeinde saßen. Damals war es die höchste Ambition eines jeden ernst strebenden, zu äußerer Stellung gelangten Mannes, in dieser illustren Gesellschaft als Mitarbeiter ausgenommen zu werden. Als aber zu Ende der siebziger Jahre der innerlich morsche Antisemitismus in Sicht kam, da nahmen die Dinge rasch eine andere Wendung. Die einen fanden den traurigen Mut, gänzlich aus dem Judentum zu verschwinden, die anderen schlichen sich sachte aus der jüdischen Gemeindestube. — Ein Typus der letzteren mag hier mit wenigen Strichen gezeichnet werden. Es war ein Mann in noch jungen Jahren, der es als Jude ziemlich weit gebracht hatte und dem es schmeichelte, einem Kreise, und wäre es auch einem rein jüdischen, wo ein Kuranda, Kompert, Königswarter und andere saßen, angehören zu dürfen. Das war nun recht schön und bequem, solange alles noch glatt ging. Da begann sich der Horizont zu verdüstern, und ein fernes Wetterleuchten verkündete ein nahes Gewitter. Eines Tages wurde unser „Ausnahmsjude" — denn ein solcher war er — von einem christlichen Kollegen folgendermaßen apostrophiert: „Aber, lieber Kollege, was machen Sie denn eigentlich in der Kultusgemeinde? Thun Sie dort etwa Schofar blasen?" Das war offenbar für einen rechten Juden Lu de siede zu viel. Auf sein Verschwinden aus der jüdischen Gemeindestube folgte unmittelbar die Apotheose. Er schwang sich auf den viel umstrittenen Jsolierschemel. Seitdem blickt er mit olympischer Ruhe von der Höhe seiner Ausnahmsjudenschaft hernieder auf die Verheerungen, welche das antisemitische Ungewitter unter seinen im Kampfe gegen dasselbe sich aufreibenden Glaubensgenoffen täglich und stündlich anrichtet. Auf der einen Seite entziehen sich also die Hochvermögenden dem Kampfe, als ob er ihnen gar nicht gelte; auf der andern wieder keucht schwer etwa ein Dutzend schwacher Menschen, welchen neben ihrem Ringen um den Erwerb alle Lasten, alle Führung des Gemeinwesens aufgebürdet werden. Man gehe doch nur die jüdischen Vereine alle durch, und man findet überall dieselben paar abgehetzten Personen an der Arbeit — die aber auch darnach ist. So lange solche Zustände herrschen, so lange man sich nicht allerorten aufrafft, so lange nicht die „Ausnahmsjuden" von der Bildfläche verschwinden, so lange wird und kann es nicht besser werden. Was ist nun zu beginnen? Alle ernsten, charaktervollen jüdischen Männer, gleichviel ob sie auf einer höheren oder niederen Stufe der sozialen Leiter stehen, müssen sich zusammenthun und den eindringlichen, nicht überhörbaren Ruf ergehen lassen; Alle Mann an Bord! Mit Donnerstimme muß er erschallen, daß selbst die Schwerhörigsten ihn vernehmen müffen. Es muß einmal klar zu Tage treten, wer verläßlich, wer zu uns und wer zu unseren Feinden gehört. Wer dann noch zaudert, zurückweicht und sich verkriecht, der hat sich selbst gerichtet, sich selbst gebrandmarkt! Seine von nun ab in Mißkredit gekommene Ausnahmsjudenschaft tilgt ihm die Schmach nimmer weg. Er ließ das Heiligste, was ein Mensch besitzt: seinen Gott, seine Eltern und Geschwister, sich selbst lästern und beschimpfen, ohne sich dabei zu regen, — er ist ein Feigling. Und es ist gut, wenn wir solche mattherzige Menschen aus unserer Mitte ausscheiden. Wenn wir so gereinigt und geeinigt, so würdevoll vertreten dastehen werden, dann wird der innerlich hohle Antisemitismus, diese aus dem mittelalterlichen Grabe ausgestiegene Mumie, die nur von unserer Zerfahrenheit und Zerrissenheit ihr sündhaftes Dasein fristet, in sich zusammenbrechen. Denn Cassius hat recht: „Cäsar wäre kein Wolf, wenn die Römer keine Schafe wären". Dr. Adolf Ikllmrk. Gedenkblatt zum ersten Jahrzeitstage. Von Dr. Julius David, Preßburg. III. An der Hand eines talmudischen Nachrufes habe ich bisher Herrn Dr. Adolf Jellinek als karja wetanja, als Gelehrten und Lehrer, vorgeführt, dessen hohe Bestimmung bereits das Wunderkind verriet. In noch viel größerem Maße gilt von ihm das andere preisende Wort, das man dem alten Talmudweisen nachsendete: u-paitan we-darschan, ein Dichter und Redner. Dichter und Redner sind verwandte Seelen, indem beide die Darstellung der Ideale und die Begeisterung für dieselben zur Aufgabe haben, beide mit schöpferischem Geiste, mit kräftig-frischer Phantasie und mit reichem Gemüte arbeiten müssen. Das unermeßliche Reich beider ist der Gedanke, ihr geflügeltes Werkzeug das Wort, ihre bewegende Macht die vollendete Form, durch welche sie erregen, erwärmen, erleuchten und der Denk- und Sinnesweise des Menschen die Richtung auf das Schöne, Gute, Edle und Wahre geben. Jellinek war ein rednerischer Dichter oder dichterischer Redner, weil man an seinen Reden nicht nur die Tiefe des Denkers und den Lichtglanz des Idealen, sondern auch die heilige Glut der Phantasie, die fesselnde Form und die gewählteste Sprache des Dichters beobachten kann. Wie die erste öffentliche Verkündigung von Gottes Macht, Größe und Gerechtigkeit, wie die erste für alle Zukunft bestimmte Belehrung über Gottes Walten und Regieren nach der Befreiung Israels aus Egypten in eine Schira, in ein poetisch geformtes und gegliedertes Gewand gekleidet wurde, so daß gleichsam nach einer psalmistischen Metapher, das Rauschen der Gewässer, der Wellenschlag des Roten Meeres mit dem rhytmischen Gotteslied gleichklingend zusammenfiel, so sind Jellinek's Reden rhetorische Poesien, gewaltige Epen oder didaktische Oden, getragen von reichem Inhalt und kräftigem Ausdruck, von edelster Form und höchstem Schwünge, von herrlichem Gleichklang und prächtiger Gewandung, von ge-