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Jeschurun · 1895-01-25 · 4 (25.1.1895) · p. Seite 52

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Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
4 (25.1.1895)
Date
1895-01-25
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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Seit<52. JefiHurrrn. Nr. 4. welcher Kanon der bessere, göttlichere sei? Es wird immer ein müßiger, nie zu schlichtender Streit bleiben, wie der um den echten der drei Ringe. Es besitzt jede Religionsgesellschast in ihren heiligen Schriften einen solch reichen Schatz ethischer Lehren, daß, wenn sie nur genau von allen befolgt würden, der Stand der Welt ein vortrefflicher sein müßte. Anstatt also über den Weg, der am ehesten zum Heil führt, zu rechten, betrete ihn lieber ein jeder selber und trage an seinem Teile bei zur Beruhigung der Gemüter und zur Gesundung unserer zerfahrenen politischen und sozialen Verhältniffe; das wäre zweifellos — sittlich. Auf das Sündenregister, wie „Wucher, Spionage, Mädchenhandel, Frauenschändung u. s. w." — mit dem u. s. w." ist vermutlich Kinderabschlachtung gemeint — welches der Verfasser des Artikels den Juden vorhält, näher einzugehen, kann ich mir wohl erlassen. Ich kann mir nicht denken, daß es allzuviel solcher Narren giebt, die sich derlei gruselige Geschichten ausbinden lassen. Wenn einzelne Juden wegen Wucher, Betrug und Unsittlichkeit verurteilt worden sind, wer darf deswegen schon über alle Juden den Stab brechen? Wenn sich irgend ein Jude hcrausnehmen würde, für das Treiben eines Leuß, den doch tausende von Wählern in den Reichstag geschickt haben, damit er daselbst für Recht und Sittlichkeit eintrete, die Kirche verantwortlich zu machen, welch ein Sturm der Entrüstung — und das mit Recht — würde sich darob erheben! Der Prozeß Leuß und der jüngst wegen betrügerischen BankerottS verurteilte Zöllner in Würzburg und hundert andere Prozeffe, welche jahraus jahrein die Gerichte beschäftigen, beweisen nur, daß die Kirche ebensowenig die Macht hat, lauter ehrliche und sittliche Menschen zu erziehen, wie die Synagoge. Darum möchte ich die Herren recht sehr bitten, ehe sie solche schwere Anschuldigungen einer ganzen Religionsgesellschaft entgegenschleudern, sich doch zuvor die Stellen: Matth. 7,3 und Joh. 8,7 anzusehen." Wir können dem mutigen und energischen Vorgehen des Herrn Dr. Salzberger nur Beifall zollen, befürchten aber, daß ihm der Dank dafür in einer Quittung zuteil werde — von „befreundeter" Seite — wie sie dem „Jeschurun" geworden, und sind in der That begierig darauf, wie die unseren Lesern bekannten „Freunde" sich zu den Auslastungen des Herrn Dr. Salzberger stellen werden. M. Der „AiMchiilsjil-c". Ein Ruf aus Wien von Dr. M. F r i e d l ä n d e r. *) Wer von uns kennt ihn nicht, diesen Typus, wer aber hat den Mut, ihn zu kennen? Wir bilden den dunkeln Hintergrund, von welchem er sich glanzvoll abhebt; er aber wirst nicht nur nicht den kleinsten, wohlthuenden Strahl auf uns zurück; uns trifft vielmehr nur sein Schatten, und dieser isi ebenso dick, als tief beschämend. Wir bilden ihm die Leiter, auf deren Sprossen er fein bedächtig emporklimmt. *) In einem Unsre „Großen" überschriebenen Abschnitt, den der Autor selbst als „ein trauriges Kapitel von den Ausnahmsjuden" bezeichnet, geht der in litterarischen Kreiien bekannte Verfasser in der Wiener „Wochenschrift" mit der Indolenz unsrer „oberen Zehntausend" sehr scharf ins Gericht. Ter Autor hat blos die Wiener Verhältnisse im Auge, allein wir sind der Meinung, daß man diele Zeilen auch in Berlin und — anderswo lesen darf. — Red. und ist er hinaufgekommen, dann ist der Lohn: Fußtritte — wir verschwinden hinter ihm im wesenlosen Scheine. Er aber ist der „Ausnahmsjude", und als solchen fördern ihn gern unsere Feinde, um einerseits ihren „Liberalismus" dokumentieren und andererseits desto schärfer die uns angedichteten Fehler und Lasier verurteilen zu dürfen. Man protegiert eifrig den einzelnen, der einem paßt, um die Masten, denen ungleich mehr Moral, Ehrlichkeit und Biederkeit innewohnt, ungestraft verdammen zu können. Dieser einzelne aber läßt sich in seiner nackten Selbstsucht gern die Auszeichnung gefallen, sich mit Freuden zum „Ausnahmtzjuden" promovieren, und belohnt dafür seine Protektoren mit frommem Augenverdrehen, welches sagen will: Wie tief beklage ich etz, daß meine Glaubensgenossen nicht so brav sind, wie ich selbst! Was ein solcher „Einzelne" doch für ein bevorzugtes Wesen ist, und was mir kleinen Leute naiv und selbstlos sind! Wir freuen uns kindlich, ihn von Stufe zu Stufe emporsteigen zu sehen, begleiten seinen Aufstieg mit unseren aufrichtigsten, Wünschen; dabei kommen wir selbst immer tiefer hinunter, und schon im Ghetto angelangt, fällt es uns noch immer nicht ein, ihn zu fragen, ob er sich jemals als Jude seiner Pflicht gegen die Glaubensgenossen erinnert habe, ob er sich deren jemals auch nur erinnern wollte? Und wer hätte mehr Gelegenheit, als er, der ja des Umgangs der Hochmögenden gewürdigt ist, ein wahres und kräftiges Wort für seine täglich und stündlich so unmenschlich angefeindcten und verleumdeten Glaubensgenossen einzulegen? Aber Gott bewahre, der Mann leistet ja schon genug, daß er Jude ist! Wir sonnen uns an seinem Glanze und wärmen uns an seinen Strahlen! . . . Wie schade nur, daß dieser Glanz nur Flecken aus uns wirft, diese Strahlen uns nur anfrösteln. — Dieser „Prachtjude" aber, dessen Bedeutung darin besteht, daß er Jude ist, möchte in seiner Unnahbarkeit noch dafür Anerkennung haben, daß er — im wohlverstandenen eigenen Interesse — Jude ist. — Und warum sollte 'er diese Anerkennung nicht beanspruchen wollen, wenn wir sodemütig, fromm sind, sie ihm freiwillig zu zollen? .... Sehen wir doch einmal nach, wer hier die Abwehr gegen den bleidrückenden Antisemitismus führt, wo sind hier die oberen Zehntausend, um derentwillen eigentlich „der Wilde vor den Mauern tobt", zu finden? Stehen wohl in den vorderen Reihen der Kämpfenden die Spitzen der „weltbeherrschenden" jüdischen Laut« finance? Etwa die bei den Herren Sektions-Chefs und Ministern ein- und ausgehenden jüdischen Geldbarone, Hofräte, Regierungsräte rc.? Mit Nichten! Das sind lauter „Ausnahmsjuden", will sagen, die Tolerierten von anno dazumal, nur fehlt der innere Adel. — Und was haben diese „Prachtjuden" mit der misera plebs contribuens zu schaffen, die nur zu leisten und zu leiden hat! Es scheint, daß es ein angenehmes und gewissermaßen auch erhebendes Bewußtsein ist, bei einem stürmischen Wetter auf dem Jsolierschemel zu stehen und auf die verheerenden Wirkungen zu ihren Füßen in den unteren Schichten niederzuschauen, zumal diese zu dem „Ausnahmsjuden" wie zu einem Fetisch verehrungsvoll emporfchaucn und dieser von ihren Lippen die Worte: morituri te salutamus herunter zu lesen glaubt. — Man blicke dagegen nach Paris, London, Berlin, oder auch nur nach dem benachbarten Budapest. Was die Judenschaften dieser Städte an Intelligenz, Stellung, Einfluß und Reichtum beherbergen, alles steht im

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