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Jeschurun · 1895-01-25 · 4 (25.1.1895) · p. Seite 51

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
4 (25.1.1895)
Date
1895-01-25
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4. AefHirrun. Seite 51. I i * » i i i I t i i | sich auch der geringste Anhalt dafür, daß das sechste (7.) Gebot dem Juden äußerst weite Grenzen gestattet? Kann man gegen Ehebruch noch strenger verfahren, als Levit. 20,10 vorgeschrieben ist? Mit den Worten: „Du seist mir gehe i l i g t re." ehelicht der Israelit sein Weib, und alle biblischen und talmudischen Vorschriften bezüglich der Ehe zielen darauf ab, ihr den Charakter der Reinheit und Heiligkeit zu wahren, sie vor jedem Sündenhauch zu schützen. Wer hier von „äußerst weiten Grenzen" redet, der hat weder von den jüdischen Ehegesetzen noch von dem innigen, keuschen Familienleben der Juden eine blasse Ahnung. Der Schreiber des Artikels „Zur Abwehr" meint, daß ich die Bergpredigt nicht zu kennen scheine oder scheinen will, sonst würde ich nicht gewagt haben, die jüdische Moral mit der christlichen zu vergleichen. Als ich vor vielen Jahren die Bergpredigt zum erstenmale las, freute ich mich innig, die mir vom Alten Testament und vom Talmud her wohlbekannten, erhabenen Gedanken hier wiederzufinden. Ich habe die Predigt seitdem wiederholt gelesen, aber ich konnte mich dabei, besonders in' den letzten Jahren, des wehmütigen Wunsches nicht erwehren: Wenn doch etwas von der hier gepriesenen Friedfertigkeit und Sanftmut in die Herzen derer einziehen wollte, welche so frisch und fröhlich schmähen, hetzen und zu griunnigem Hasse aufstacheln! Andere Blätter, wie die „Deutsche Wacht" in Dresden und die „Deutsche Ostwacht" in Breslau, finden in meiner Behauptung, daß die Gebote der Moral, die das Christentum predigt, von alters her den Juden heilig waren, eine Herabwürdigung der christlichen Religion! Warum soll denn das Judentum, auf dessen Boden so herrliche Blüten göttlicher Moral gediehen sind, nicht noch andere von gleicher Schönheit hervorgebracht haben? Welche Tochter wird sich dadurch gekränkt fühlen, wenn man auch an ihrer Mutter gute Eigenschaften und edle Tugenden rühmt? Die innige Verwandtschaft beider Religionen ist, wenigstens inbezug auf Moral, so augenfällig, daß für den, der sehen will, jeder Beweis überflüssig ist." — Ohne auf diesen Punkt näher eingehen zu wollen, sei hier nur auf das hingewiesen, was den geoffenbarten Religionen als Fundament aller Moral gilt. Hier herrscht zwischen Christentum und Judentuin die vollkommenste, wir können beinahe sagen, die wörtlichste Uebereinstimmung. Nach der bekannten Stelle (Matth. 22, 35—40) richtet ein Schriftgelehrter an Jesus die Frage, welches das vornehmste Gebot sei? Die Antwort lautet: „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst. In diesen zweien Geboten hanget das ganze Gesetz und die Propheten." Wir setzen noch eine andere damit verwandte Stelle her: „Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute thun sollen, das tbut ihr ihnen; das ist das Gesetz und die Propheten." (Das. 7,12.) Diese beiden Sätze von Gottes- und Menschenliebe, nur noch mit Voranstellung des „Höre Israel rc." (Deuter. 6,4) enthalten auch für die Juden die Fundamentallehren ihrer Religion und Moral. Den einen Satz: „Du sollst lieben den Herrn deinen Gott rc." spricht der gläubige Israelit zweimal täglich,^ es ist die Pfostenschrift an der Thüre seines Hauses. Bezüglich des Satzes von der Menschenliebe lassen sich zwei der hervorragendsten Gesetzeslehrer, von welchen der eine, Hillel, kurz vor Ehr. Geburt, und der andere, R. Akiba, einige Dezennien später gelebt, und welche für die Entwickelung des nachbiblischen Judentums von bleibendem Einflüsse gewesen, also vernehmen: Ein Heide kam zu Hillel und sagte zu ihm: „Lehre mich in kürzester Zeit das ganze Gesetz?" Daraus Hillel: „Was du nicht willst, daß es dir geschehe, das thue auch deinem Nächsten nicht, dies ist das ganze Gesetz; alles übrige ist nur Erläuterung." (Babl. Sabbat 31a). Und R. Akiba: „Du sollst deinen Nebenmenschen lieben, wie dich selbst, dies ist der wichtigste Grundsatz der Lehre." (Siphra zu Levit. 19,18). Lassen diese Aussprüche nicht deutlich genug die innige Verwandtschaft zwischen christlicher und jüdischer Moral erkennen? Diese Thatsache ist von berufenen Vertretern des Christentums, von Kirchenvätern, Päpsten, Bischöfen und ausgezeichneten Gelehrten unverhohlen anerkannt worden. Luther, der sich doch, namentlich in seinem Alter, zu den Juden nicht sonderlich freundlich gestellt hat, trug kein Bedenken zu erklären: „Die Synagoge hat die Erstgeburt, denn aus ihr ist Christus kommen, die Apostel und das Wort, und nicht aus den Heiden. Denn das Heil ist aus den Juden. (Joh. 4,22). Darum soll man heutigen Tages die Juden nicht verachten rc." (V. VIII.) In seinem Werke „Vom Geiste der hebräischen Poesie" schreibt Herder in der Einleitung: „Der Grund der Theologie ist die Bibel und der Grund des Neuen Testaments ist das Alte. Unmöglich verstehen wir jenes recht, wenn wir dieses nicht verstehen." Sollte es den Herren, welche die alttestamentliche Moral in so wegwerfendem Tone als eine inferiore bezeichnen, unbekannt sein, mit welcher Ehrfurcht ausgezeichnete Bibelforscher neuerer Zeit von derselben reden? Doch wozu sich erst auf Autoritäten berufen? Sehe ein jeder selber ein und er wird im Neuen Testament selbst diese Ehrfurcht gegen das Alte finden. Was wollen die wenigen Punkte, in denen es ihm widerspricht, bedeuten, gegenüber den unzähligen Stellen, in denen es sich auf dessen Autorität stützt. Eben in dem Kapitel der Bergpredigt ist zu lesen: „Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: Bis daß Himmel und Erde zergehen, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe, noch ein Titel vom Gesetz, bis daß es alles geschehe." Das ist doch sicher keine Zurückweisung, sondern die feierlichste Rechtfertigung des Alten Testaments. Die Moral — nur von dieser reden wir hier — soll nicht blos in trockenen Sätzen gelehrt werden, sondern vor allem in Menschen, die ein ungewöhnliches Maß von sittlicher Kraft erlangt, gleichsam verkörpert erscheinen. Darum führt die Bibel uns eine stattliche Zahl solcher ethisch hochentwickelter Persönlichkeiten vor. Wenn nun diesen biblischen Vorbildern so wenig versittlichende Kraft innewohnte, so würde man sicherlich nicht die gesamte christliche Jugend mit dem Leben der Erzväter und Propheten so wohl vertraut machen." — Nachdem nun Herr Dr. Salzberger gezeigt, in welcher Weise er sich des längeren darüber geäußert, was die Moral im gemeinverständlichen Sinne von allen Menschen fordert, wendet er sich gegen die antisemitischen Hetzer, indem er betont, daß mit Verdächtigungen und Verleumdungen, mit Verdammung und Ausschließung kein Mensch gebessert werde, und fährt dann fort: „Es ist bedauerlich, so viele Worte machen zu müssen, um die einfachste und selbstverständlichste aller Wahrheiten zu erweisen: daß wir Menschen zum Lieben und nicht zum Hassen da sind. Wozu darüber streiten,

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