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Jeschurun · 1895-01-25 · 4 (25.1.1895) · p. Seite 50

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Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
4 (25.1.1895)
Date
1895-01-25
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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Seite 50. Jefchurun. Nr. 4. zu verdanken haben. Geniß ist diese Ursache nur in den reinen Quellen unserer erhabenen Gesetze zu finden, zu deren Träger Israel berufen, und das sich bis in die letzte Faser des jüdischen Herzens, ohne daß inan sich dessen auch immer wahrhaft bewußt ist, tief inkarniert und Wurzel gefaßt, und so auf das Herz und Gemüt, auf den Geist und das Leben Israels den wohlthätigften Einfluß ausgeübt. Was selbst in dem zivilisiertesten Staate nur durch die Furcht vor dem Polizeistocke abgehalten und verhindert werden kann, wird von ihm schon aus heiliger Scheu vor dem hiinmlischen Gesetz nicht begangen werden. Ist cs nicht auch die Liebe znm Gesetze, die ihm gewisse Begriffe von Recht und Biederkeit lehrt, die andern nur auf andere Weise und beiläufig auch selbst da noch vergebens beigebracht werden? Scheint es fast unglaublich, so steht sie doch da, die erfreuliche Wahrheit, daß nicht gar selten ein „Handelsjude" sich zur heiligen Aufgabe macht, den zehnten Teil feiner müh- und sparsam erworbenen paar Groschen zu guten frommen Zwecken zu verwenden, ohne sich in das Wissen so hoch verstiegen zu haben, umdieTeutung des,, Asser bisch’wilschetiss’ascher“*) zu kennen. — Ein Zehnteil des Hausierererwerbes auf dem Altar der Wohlthätigkeit dargebracht, ist wahrlich ein Dpfer, das dem jüdischen Herzen Ehre macht. Ist es nun eine Selbsthudelei, wenn wir von uns sagen: „Die Binder Israels sind barmherzig?" Kann die böse Zunge des Neides uns dieses Lob absprechen? Wenn auch hier und da, und jetzt wohl öfter und mehr denn sonst, — was wir mit Schmerz gestehen müssen, — gar manche auf dieses Prädikat nicht mehr Anspruch machen können, so stehen sie doch noch inliner als vereinzelte Ausnahmen da, im allgemeinen ist Israel das alte Israel noch: es besitzt noch Tugenden, die man an anderen Stellen vergebens suchen würde, es hat seinen bessern Sinn noch immer nicht eingebüßt. Möge er nimmer erlöschen in den „oberen" und den „unteren" Ständen! Zur DiSMtatiou iu Erfurt. Jnbezug aus die Kriegstaktik im antisenritischen HeereSlager ist wiederum eine Neuerung zu verzeichnen, die einer besonderen Erwägung wert erscheint. Wo jetzt irgend eine Abwehr von Juden auf die oft perfiden und noch viel öfter verleumderischen Angriffe seitens der antisemitischen Lügenfabrik erfolgt, da kann man sicher sein, in der kürzesten Frist diese Abwehr zu einem Angriffe auf das Ehristentum umgestempelt zu sehen. Der Grund für ein solches Vorgehen liegt auf der Hand. Die Antisemiten sind in ihrem Namen wie in ihrem Treiben ebensowenig deutsch wie christlich, oder beides genau in demselben Maße wie ihr Name. Für die breite Masse des Volkes ist es indes nötig ein Aushängeschild zu haben, das nach außen lockt, nach innen deckt, d. h. das ihm, indem es seinem National- und Pietätsgefühle schmeichelt, die selbstsüchtigen Triebfedern dieser traurigen *) TaS Gebot, den Besitz zu „vcrzehnten", d. h. ein Zehntel desselben wohlthätigen Zwecken zu widmen, beginnt mit den Worten: „Asser teasser“ (verzehntcn sollst Tu u. s. w.)". Unsere alten Lehrer, die ein gutes, durch den Charakter der hebräischen Sprache unschwer gegebenes Wortspiel sich nicht leicht entgehen ließen, bemerken hierzu: „Assei- — verzehntcn sollst Du — „bisch'wil schetiss-ascher“ — auf daß Du reich würdest. Geschäftsleute verbirgt. So möchten die letzteren um jeden Preis in den Juden das Gefühl für die Erhabenheit des Judentums vernichten, indem sie fortwährend mit einer bodenlosen Unwissenheit und Dreistigkeit cynisch von den Grundsätzen dieses Bekenntnisses reden, dabei aber sich fuchswild geberden, wenn ihnen nachgcwiescn wird, daß die Grundlchren des EhristentumS sich bis auf den Glauben an seinen Stifter als Propheten, vollständig mit denen des Judentums decken, wie denn das „Alte Testament" nach Luthers eigenen Worten das Fundament für das neue bildet, ohne das es gleichsam in der Luft schwebe. Auch der „Jeschurun" weiß von dieser neuesten antisemitischen Taktik ein Liedchen zu singen. Neuerdings ist, wie in unserem Blatte bereits kurz angedeutet wurde, der gleiche Fall in Erfurt cingetreten, wo Herr Rabbiner Dr. Salzberger in ebenso schneidiger wie überzeugender Weise die Herren abführte, um selbstverständlich von ihnen nun als derjenige denunziert zu werden, der das Ehristentuni angreife. Der Polemik lag die Thatsache zu Grunde, daß ein dort gebildeter Verein zur Bekämpfung der Unsittlichkeit die Juden ostentativ ausgeschlossen hat. Herr Salzberger hatte dagegen im „Allgemeinen Anzeiger" eine Erklärung erlassen, die dem „Thüringer Volksblatt" die Gelegenheit gab, auch einmal sein polemisches Licht leuchten zu lassen. Aus der Erwiderung des Herrn Dr. Salzbergcr, mögen die folgenden Stellen hier ihren Platz finden, um zu zeigen, in welcher Weife von dem „Thür. Volksbl." und seinen Anhängern in „Ehristentum" gemacht wird. Herr Dr. Salzberger schreibt u. a.: „Wenn ein anschwellcnder Fluß die Dämme zu durchbrechen droht, dann wird man nicht durch Paragraphen bestimmen, wer Hilfe leisten darf; man wird vielmehr soviel kräftige Hände als irgend möglich aufbieten, um das verderbliche Element abzuwehrcn. Unsittlichkeil ist für jede Gesellschaft eine so große Gefahr, daß zu deren Bekämpfung sich alle irgend verfügbaren Kräfte vereinigen müssen. Man erteilt uns den Rat, wir Juden mögen doch auch einen solchen Verein und zwar auf dem Boden der mosaischen Sittlichkeit, gründen. Bei einem solchen Vereine würde, dafür bürge ich, eben auf Grund der mosaischen Sittlichkeit, die betreffende Satzung lauten: Mitglied des Vereins kann jeder unbescholtene Einwohner Erfurts und der Umgegend werden. Also, weil cs im § 2 heißt: „Der Verein steht auf dem Boden der christlichen Sittlichkeit," darum hat man die Juden nicht zulchfcn können. Wenn das Wort „christlich" nicht in antijüdischem Sinne, sondern in seiner erhabenen ethischen Bedeutung verstanden wird, dann kann es kein Hindernis für die Aufnahme von Juden fein, welche sich doch zu denselben Moralsätzcn bekennen, wie ihre christlichen Mitbürger. Das Hindernis liegt nicht in der Tendenz des Vereins, sondern nur in den Vorurteilen seiner Begründer, die jede Gemeinschaft mit Juden perhorreszieren und deren Sittlichkeit so gering anschlagen, daß sie sich von ihrer Mitarbeiterschaft keinerlei Forderung versprechen. Diese meine Annahme bestätigt vollauf die wegwerfende Art, in welcher sich das „Thür. Volksbl." über die Sittengesetze und das sittliche Leben der Juden ausgelassen. „Da es sich aber" — so heißt es daselbst — „bei Bekämpfung der Unsittlichkcit gerade um die Sünden des sechsten (7.) Gebotes handelt, das dem jüdischen Mitbürger so äußerst' weile Grenzen gestattet, durfte Herr Dr. Salzbergcr sich wohl nicht so beleidigt gebühren re." Aber wo in aller Welt findet

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