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Jeschurun · 1895-01-25 · 4 (25.1.1895) · p. [Seite]

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Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
4 (25.1.1895)
Date
1895-01-25
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Nr. 4. 1895. Berlin, den 25. Januar. 4. Jahrgang. kjerausgeber: A. ^evin, Z3erNn. sraelitische Wochenschrift. Bezugspreis: viertekjährk. 2 WK. Erscheint an jedem Areitag. Bezugspreis für das Anstand: WK. 2,50. Zu beziehen durch die Post unsere Expedition oder den Buchhandel. Redaktion und Vertag: Hr. Kamkurgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 Rsi, nehmen alle Annoncen-Expeditiouen sowie unser Bureau entgegen. Inhalt: Unsre Proletarier. Zur Disputation in Erfurt. Der Ausnahmsjude. Von Dr- M- Friedländer. Dr- Adolf Jellinek. Hl. Von Dr- Julius David. Berliner Juden. III. Von V. Simon. Etwas vom bibl. Geschichtsunterricht. Von M- Abraham. Des Vaters Schuld- Von Moritz Scherbel. Bischof Bauer. Wochenchronik. — Kalender. — Anzeigen. — Unlttk „Prolttarin". Börne sagt irgendwo: „Verworfene Juden sind nicht schlechteren Herzens als verworfene Christen, und sie haben einen Vorzug: sie sind besseren Geistes". Ob wir dem großen Menschenkenner beistimmen und ob es überhaupt Wahrheit ist, daß der eine vor dem andern im Geiste etwas zuvor habe, das bleibe unerörtert. Unbestrittene Wahrheit hingegen bleibt es immerhin, daß der gemeinere Jude den auf gleicher Bildungsstufe und unter gleich ungünstigen Verhältnissen stehenden Nichtjuden in seiner Denkungsweise überragt. Das Wort „gemeiner Jude" gebrauchen wir hier im Geiste der verstoßenen Ghettosprache und wollen damit keinen anderen bezeichnen, als jenes Mitglied des „vierten Standes", das in zivilisierten Ländern kaum mehr anzutreffen, in den slavischcn jedoch viel vertreten ist, — den sogenannten Proletarier, dem es von Hause aus an aller Bildung fehlt, dem jede Gelegenheit abgeschnitten, sich der bessern Gesellschaft nähern zu können, der in der Hütte drückender Armut geboren und im tiefsten Elende erzogen worden, der, um sein ärmliches Leben zu fristen, in der Regel nichts anderes zu unternehmen versteht, als mit dem leeren Sacke, mit leerer Hand, aber nüt vollem Herzen Jahr aus, Jahr ein mit seinem „Nichts zu handeln?" und mit nichts weiter als mit diesem himmelschreienden „Nichts zu handeln?" von einem Hause zum andern zu laufen, oder nicht selten auch gejagt zu werden; — der mit dem drückenden schmerzvollen Bewußtsein jeder Aussicht, jeder Hoffnung auf Verbesserung seiner Umstände bar zu sein, hinaustritt aus seiner kaum bewohnbaren Stube des tiefen Elends mit der einen Bitte im Herzen und auf der Zunge, der liebe Gott möge ihm eine „Mezioh" bescheren. Dieses Bild giebt uns den „gemeinen" Juden, aber dieser Jude denkt. — Sein Sorgen schon bekundet sein Denken. — Der in ähnlichen Verhältnissen, obschon noch immer nicht in den allzuerbärmlichen unserer Proletarier lebende Christ kennt die Sorgen für den einen Tag nur; er will heute leben und arbeitet heute; für ihn ist das Morgen eine späte Zukunft erst, und Thoren nur werden die sichere Gegenwart der so fernen unsicheren Zukunft opfern; sie genießen das Heute nicht selten auch zum Ueberdruß. Anders der „gemeine" Jude. Er sorgt nicht blos für das Heute, für ihn giebt es auch ein Morgen, hat die Zeit eine weitere Ausdehnung; er mißt sie nach Wochen, nach Jahren und kennt den Genuß zum Ueberdrusse kaum dem Namen nach. Seine Sorge beschränkt sich nicht auf sein selbstisches Ich; er denkt, daß er nicht allein stehe auf Gottes großem Erdboden, in ihm lebt der Gedanke auch für die, die treu mit ihm den zehrenden Kummer teilen, und für die, die ihn „Vater" nennen: — er sorgt für Weib und Kind. Nicht zu den Gemeinen mehr, zu den verworfensten, deren wir. Gottlob, doch nur wenige zählen, müßte er gehören, wenn er nicht auch schon die edlere Sorge trüge, seinen Kindern eine bessere Erziehung geben zu wollen, als er sie genossen. Es bleibt immer zum Staunen, und zu unserem Lobe sei es gesagt, es ist dies jüdischer Charakter, daß sebst die drückendste Not beim Juden nur in den seltensten Fällen hierin Schranken zu setzen imstande gewesen. — „Mein Kind soll das nicht werden, was ich leider sein muß!" so spricht gewöhnlich der Proletarier; er will sein Kind glücklicher wissen, als er ist; — er denkt also für sein Kind. So könnten wir unfern „gemeinen" Juden, in allen den freien geräumigen, engen, schmalen Straßen, in den lichten und dunklen Gassen allen, die er zu durchlaufen hat, und in den unzähligen dunklen Durchhäusern auf Um-, vielleicht gar Unwegen begleiten, und wir würden ihn denkend finden. Bei dieser Betrachtung müssen wir unwillkürlich auf unfern eigenen Wert etwas aufmerksamer werden, und gewissermaßen einige Selbstachtung für uns gewinnen, die wir seit kurzem aus unerlaubter Bescheidenheit oder — sonderbarerweise! — aus übermäßigem Stolze nicht zu beanspruchen uns getrauen, und endlich haben wir auf die Endursache zu sehen, der wir von jeher die beftiedigende Selbstachtung

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