Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 3 (18.1.1895)
- Date
- 1895-01-18
- Page
- Seite 44 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9610650-9609614-9609658--314-9609670- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 44. JefcHurrin. Nr. 3. treten. Bei der Ausschnßwahl wurden unter neun Ausschußmitgliedern vier Juden gewählt; einer wurde zum Vize- Präsidcnten, ein anderer zum Schriftführer ernannt. Solche Vorfälle wären noch vor ganz kurzer Zeit in Rumänien unmöglich gewesen. Man sieht, es wird Licht in den „dunkelsten" Ländern! * Juden von Bessarabien. Bekanntlich entriß Rußland nach dem russisch-türkischen Kriege von 1S77—71} dem türkischen Reiche die ehemalige rumänische Provinz Bessarabien. Seit undenklichen Jetten waren die Inden in zaylreichen Städten der Provinz wohnhaft. Als sie infolge der Abtretung Bessarabiens an Rußland ihre Rechte als rumänische ttnterthanen verloren hatten, konnten ne den Schutz?)iumäniens nicht mehr anrufen; andererseits weigerte sich Rußland, sie als russische Unterthanen anzuerkennen. In verschiedenen Malen wandten sich die Inden Bessarabiens an den Senat und baten ihn, ihre Lage zu regeln. Ser Senat bat soeben über ihr Schicksal durch Veröffentlichung eines Ukases des folgenden entschieden: Durch keiierlichen Nkas vom!l. Oktober kK7K nach der Besitzergreifung des südlichen Teiles der Provinz Benarabien verölst ntiicbt wurde, ist verordnet worden, daß von allen Bewohnern der Eid der Treue für Rußland geleistet werden sollte und daß jedem Einwohner, der seine Rechte als rumänischer Unterthan bewahren wollte ein Aufschub von drei Jahren beivilligt würde. Tie Meinung des Treueides in ein Akt, durch welchen jeder fremde Unterthan zum russischen Unterthan wird. Infolge dessen sind alle Juden des ann-klierten (Gebietes taußer denjenigen, welche mit Auslandspässen vergeben sind), sofern sie vor der Besitzergreifung in die Bevöilerungslisten eingetragen und, ferner ihre in diese Listen eingetragenen oder nicht eingetragenen Familienmitglieder, die Juden, welche vor der Annektierung Jmmobilien-Eigentum erworben haben, sowie endlich diejenigen, die zwar diese beiden letzteren Bedingungen nicht erfüllen, beweisen können, daß sie den annektierten Bezirk immer bewohnt haben, als russische Juden anerkannt worden und müssen dieselben ans ihrer Sielte belassen. Tie Provinzial- Bebörden Bessarabiens find daher beauftragt worden, Listen der in der annektierten Gegend heimischen Juden einznrichren und ihnen alle Rechte rustncher Bürger, die mit deir die russischen Juden betreuenden Gesetzen und Verordnungen vereinbar sind, einzuräurnen. * 8. Ans Paris schreibt man uns: Ter Trepfuß- Zwischensall wurde von einem hiesigen antisemitischen Blatte als günstige Gelegenheit zu einer skandalösen Verleumdung ergriffen. Tas Blättlein versichert, daß infolge der Uebersübrung des .Hauptmanns Dreistus; „der geheime Groß- Kabal des Judentunis" aus Rache eine Reihe von . . . . Ritualmorden anu.ordnet hat, die am kommenden Pastafeste heimlich ihren Anfang nehmen, und deren Tpser ausschließlich Kinder sein sollen. Um ein solches Unglück abzuwenden, müsse man, nue das ehrenwerte Anlifemilenorgan betont, die Juden vollständig vernichten. Tie „Archives Jsraelites" fordern die Regierung auf, die Juden gegen derartige freche Aufreizungen zu Gewaluhaten zu schützen und die Gesetze von IMS und 18S1 in Kraft zu setzen, welche denjenigen/ der durch Erregung von Laß gegen irgend eine Klasse von Bürgern den öffentlichen Frieden stört, mit den strengsten Strafen bedrohen. — Ter Sondergoltesdienit, der zum Besten der jüdischen Gemeindeschulen am ersten Chanukkatage in der Synagoge aus der Siegesftraße (Rue de la Yietoire) stattfand, und die bei dieser Gelegenheit veranstaltete Geldsammlung hatte fast 40 OOO Franken eingebracht. * v. Fast jedermann weiß, daß der Premierminister von (England der Schwiegersohn Lord Rothschilds ist. Aber nicht jedermann weiß, daß der neue Generalanwalt von England, Mr. Frank Lockwood, der Schwiegersohn des Herrn Solis Schwab in Hamburg in, der ein reicher jüdischer Großhändler war. Es scheint sich mit dem englischen Adel so zu verhalten wie mit jenem Könige von Spanien, unter dessen Regierung das Edikt erlassen wurde, daß jeder Jude einen roten Hut tragen müsse. Eines Morgens brachte der Hofnarr zwei rote Hüte zu Sr. Majestät. „Mas willst Tu mit diesen beiden Hütend" fragte der König. „Daraus der Hofnarr: „Majestät, einer ist für mich und einer — für Sie." Gemeinde, Synagoge und Schule. * Berliner Nachrichten. Eine ebenso einfache wie erhebende Feier war es, welche Vorstand und Repräsentanten der hiesigen jüdischen Gemeinde zu Ehren ihres Vorsitzenden, des Herrn Justizrat Sie-zmund Me per im LitzungSfaale der letztgenannten Körperschaft am letzten Sonntage veranstaltet hatten. Ter sonst der ernsten Arbeit geweihte Raum war zum Festlokal umgewandeit rrnd glänzte im Schmucke grüner Blattgewächse, zwischen denen eine Zierlich geschiuückle und feierlich gestimmte Schar von Gästen hin und her flutete. An der hufeisenförmigen Tafel hatten die Vertreter der Gemeinde Platz genoinrnen und vor derselben waren auch die Herren Rabbiner irr evrpore vertreten. Galt es doch dem ersten Vorstebel der ersten und bedeutendsten Gemeinde des deutschen Vaterlandes zu beglückwünschen, der an diesem Tage auf fünfundzwanzig Jahre seiner Ehrenamtstbätigkeit zurückblickte, und nstihrend dieser langen Zeit die ihin gewordene schwere und verantwortungsvolle Aufgabe in schönster Meise gelost hat. Ter Lynagogenchor eröffnete die Feier mit einem stimmungsvollen Gesänge, nach dessen Erledigung Herr I a c ob p namens des Vorstandes das Mort ergrist, um in inhaltsvollen Morten, den Jubilar zu feiern, auf feine Verdienste hinzuweisen und ihm neben dem herzlichsten Tanke die innigsten Glückwünsche des Vorstandes darzubringen. Man habe, so ungefähr führte der Redner aus, die Arbeitsstätte zum Festraum umgewandelt, weil heute hier die Arbeit gestiert werden solle, trene hingebungsvolle und selbstlose Arbeit durch fünfundzwanzig Jabre hindurch. In allen Zweigen der jüdischen Gemeinde sei die Thätigkeit des Jubilars zu erkennen, sowohl bei der Verwaltung im großen, wie bei den zahlreichen Anstalten der Gemeinde, im Gottesdienste und in den Institutionen, die außerdem der- Bildung und Belehrung dienen, überall habe er mit ged schickter Hand eingegrisfen und seine überlegene Kraft un reiche Erfahrung in den Dienst der Gemeinde gestellt. Das Gefühl sei dadurch erwidert worden, daß das Steuer der Gemeinde von sicherer und weiser Hand geleitet wurde, die namentlich das Band der Eintracht und des Friedens trotz der oft einander widerstrebenden Meinungen zu festigen verstanden, das alle diejenigen umschlinge, welchen die Leitung der Gemeinde obliege. Sein — des Redners — Mansch fei, daß der Jubilar noch recht lange seines Amtes walte und daß die Gemeinde stets Männer finde, die ihm ähnlich seien. —. Rach den von Beifall begleiteten Morten des Herrn Jaeoby, erhob sich der Vorsitzende der Repräsentanten-