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Jeschurun · 1895-01-18 · 3 (18.1.1895) · p. Seite 42

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
3 (18.1.1895)
Date
1895-01-18
Page
Seite 42 (sequence 10)
Language
German
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Seite 42. JeslHurrin. Nr. 3. bemühte sich, ein recht ernstes und gravitätisches Aussehen anznnehmen. „Der Narr kennt mich nicht", spracks er vor sich hin, „und ich komme ihm gerade wie gewünscht, aber die Lust soll ihm bald vergehen, meine Bekanntschaft gemacht zu machen". — Der Besuch lies; nicht lange aus sich warten, denn in kaum einer halben Stunde kehrte Pan Kochanski in den Gasthof zurück, und der Bediente beeilte sich, seine Botschaft an ihn auszurichten, die unser Held, der sich in sehr wcinseliger Laune befand, mit einem stillen Kopfnicken, aber doch sichtlich ersreut anhörle. „Bardze dobrze! doskonaly! (sehr gut! vortrefflich!) nun ist mir die Entjndung erst recht willkommen!" murmelte er vor sich hin. In seinem benebelten Zustande entging ihm das Auffällige, das; der Moskauer Proseffor, den der Fürst eigens komnten lief;, nicht, wie cs sich gehörte, im Schlöffe, sondern einfach im Gasthof abgestiegen sein sollte. — Bald darauf hörte Herr Snwalk an seiner Thüre pochen, rief aus Nussisch ein lautschallendes Herein! und die beiden Männer standen nun einander gegenüber, sich einen Augenblick schweigsam mit seltsamen Blicken messend. Pan Kochanski machte eine etwas verlegene 'Miene und schien nach den richtigen Worten zu suchen, wie er sein außerordentliches Begehren cinleiten sollte, ohne seinem Stolze etwas dabei zu vergeben. Der vermeinte Professor, der inzwischen genügend Zeit gefunden, sich seine Nolle genau nuszudenken, unterbrach jedoch plötzlich seinen Nedestrom ganz barsch und stieß ein paar derbe russische Flüche aus, für die ein „Krcuzbombendonnerwetter" und „Tausendschockschwerenot" nur eilt schwacher Ausdruck wäre. — „Ihre Geschichte ist für ntich Nebensache", fuhr er ihn uitwirsch au, „lassen Sie mich nur das corpus delicti. Ihre Nase befühlen, das Uebrigc können Sie nachher, oder rneinetwegen auch zu Haufe erzählen. Vorwärts denn! Schnell mit der Nase her!" — Und nun packte er mit derber Faust Pan Kochanski's Nase, zog und zerrte sie hiit liub her und zuletzt so gewaltsain in die Höhe, daß dieser laut aufschrie. „Schweig' Jud', und kümmere Dich um nichts", sprach der falsche Professor höhnisch und begann auf's neue Kochanski's 'Nase gehörig zu bearbeiten. Das war unserein Helden denn doch schon zu viel, auch konnte er es nicht länger ertragen, sich Jude schimpfen zu hören. Er riß sich daher schnell los und, den Kopf stolz emporrichtcnd, rief er wütend auS: „Aendern Sie sofort Ihr Benehmen gegen mich, sage ich Ihnen. Sie haben mich meine Erzählung nicht zu Ende führen lassen, sonst hätten Sie gewußt, wen Sie vor sich haben; ich bin nicht der Jude Meperowicz, für den ich hier gelte, ich bin — der Edelmann Pan Kochanski!" — „Und ich", entgegnete ihm der Andere gelaffen, „bin nicht Professor Pirogoff, mein 'Name ist Lnwalk, und bin der Bräutigam Mirjam's. — Ein Honorar für die Behandlung verlange ich von Ihnen nicht, nehmen Sie sie gratis als Lehre an, künftig kein solcher Betrüger, oder, wenn sie es haben wollen, kein solcher Narr zu sein!"- Nach all dem Vorgefallenen gelüstete es Pan Kochanski nicht mehr, auf den wirklichen Pirogoff zu warten. Er hatte der Bitternisse genug erlebt, und voller Wut im Herzen, reiste er noch in derselben Nacht mit Extrapost nach Hanse ab. Aus die gesamte Judenheit hatte er jetzt, mehr als zuvor, einen grimmigen Haß und ging auch seinen Standesgenoffen, denen er es anmerkte, daß sie feine Niederlagen kannten, scheu aus dem 'Wege. Die „Starka" wurde nun endgiltig seine einzige Gesellschaft, bei der er Trost und Freude suchte; und was vielleicht keine Operation vermocht hätte, das gelang ihr: ihn nämlich von der vermeinten Schmach, den ihm die Natur angethan, zu befreien. Er widmete ihr so ganz seine Jeit und trank und trank so ausdauernd und wacker, daß, ehe ein Jahr verstoß, kein Mensch mehr an ihm eine spezisisch jüdische, wohl aber eine richtige — Säufernase wie sie im Buche steht, wahrnehmen konnte. Mit diesem Resultate mußte er sich auch zufrieden geben. Als Herr Suwalk, der unterdeffen der glückliche Gatte Mirjam's geworden, ihm nach einiger Zeit auf einer seiner Geschäftsreisen zufällig begegnete, siel ihm die Veränderung gleich auf, die mit der „jüdischen Nase" vorgegangen war. „Sarin Frank". Im vorigen Jahrhundert bis in das jetzige Jahrhundert hinein lebte in Offenbach eine intereffante Persönlichkeit, Jakob Frank, der Prophet oder auch Polackenfürst genannt. Er lebte dort wie ein Fürst von reichen Geldsendungen, die aus Rußland kamen, mit seiner Tochter Eva, einer „reizenden" Danre. Ueber diesen Frank, welcher nach einem höchst abenteuerlichen Leben der Gründer einer jüdisch - christlichen Sekte der Sohariten war, ist schon viel geschrieben worden. Grätz bezeichnete ihn kurzweg als einen Schwindler und Aufschneider, wogegen andere, wie Ankclein, sich 'Mühe gaben, dem Frank und seiner Eva ein schönes, geheimnisvolles, romanhaftes Mäntelchen umzuhängen und namentlich der Eva die höchsten Verbindungen mit Zaren, Kaisern und Fürsten nachznreden. Thatsache ist allerdings, daß die Eva in Verhältnis zu Kaiser Joses LI. trat, daß die Söhne Franks in der ruffischen Garde dienten, daß Kaiser Alexander 4. Eva 1813 besuchte, vor allem aber, daß der riesige Aufwand, den Frank machte, durch die Geldsendungen bestritten wurde, die zu einer Zeit versiegten, die mit den; Tode der Kaiserin Katharina 11. zusammensiel. Man sah also entweder in Jakob Frank einen russischen Großfürsten, sogar den beseitigten Zaren Peter III. selbst, oder in Eva Frank die Tochter der ruffischen Kaiserin. 'Nunmehr kündet Emil Parazzi in Offenbach, der mit großer Sorgfalt die ihm zugängliche Frank-Litteratur gesammelt hat, in einem Aussatze der Unterhaltungsbeilage der „Offenbachcr Zeitung" an, daß die Lösung des Rätsels in Aussicht stehe. Herr Pirazzi hat nämlich den Besuch eines polnischen Gelehrten erhalten, der sich die Aufhellung des Rätsels zur Lebensaufgabe gemacht hat. Dieser Gelehrte, Dr. Alexander Kraushar, Rechtanwalt in Warschau, hat in Polen, Rußland und Oesterreich schon ein umfangreiches Material gesammelt, und nunmehr führten ihn seine Forschungen and) nach Offenbach. Dr. Kraushar ist im Stande zu beweisen, daß die ungeheueren Summen zur Bestreitung des Offenbacher Aufwands von den Anhängern Franks in Polen stammen, von wo jährlich Millionen ausgeführt wurden. An der Legende von der _ Verwandtschaft der Franks mit dem ruffischen Kaiserhause sei kein wahres Wort. Eva wurde im Oktober 1753 als Jüdin in Rikopolis in der türkischen Donau-Provinz geboren und zweimal getauft: 1760 in Lemberg und 1762 in Lublin. Sie nannte sich Romanowna erst 1316, im Jahre ihres Todes. Kaiser Alexander 1. habe sie aus Neugierde besucht, wie er 1714 in Paris die mystisch-religiösen Zirkel der Frau v. Krüdener, die Stourdza, die Mystiker und Jllu minaten besuchte. Die ganze Frank'sche Sippschaft sei eine Belrügerbande gewesen, aber der Alte war ein kluger 'Mann

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