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Jeschurun · 1895-01-18 · 3 (18.1.1895) · p. Seite 41

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
3 (18.1.1895)
Date
1895-01-18
Page
Seite 41 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 3. Jescyirrrrn. Seite 41. nur Entsetzen und Abscheu hervor. Er ließ sich aber nicht so leicht abschrecken; er meinte noch einen letzten Trumpf ausspielen zu müssen, indem er ihr seinen wahren Namen und Stand offenbarte; damit glaubte er der schlichten, jüdischen Wirtstochter unfehlbar zu imponieren. Er richtete den Kopf hoch auf, gab seinem Schnurbart den richtigen Schwung und sagte mit theatralischem Pathos: ich bin nicht Maperowicz, ich bin, holde Mirjam, ein Kavalier und Edelmann; Pan Kochanski ist es, der hier vor dir steht und dir das Geständnis seiner Liebe offenbart. — Was er von dem jungen Mädchen, das von dieser unerwarteten Scene und von dieser Sprache auf's tiefste empört war, zu hören bekam, war für seine Eitelkeit ein herber Schlag. Jetzt verlor er aber gänzlich seine Fassung, trat dicht an sie heran und breitete seine Arme aus, um sie mit Gewalt an sich zu ziehen; sie wehrte sich mit aller Kraft und wollte aus den: Zimmer entfliehen, er hielt sie jedoch fest und versperrte ihr den Weg. — In diesem Augenblick ging plötzlich die Thür auf und der Bediente, der eine Depesche überbrachte, erschien als rettender Engel aus der Schwelle. Mirjam benutzte diesen günstigen Moment und huschte mit dem Boten, dem sie das Telegramm abnahm, zugleich durch die freigewordene Thüre hinaus, nachdem sie noch einen Blick tiefster Verachtung auf den schamlosen Angreifer warf. Dieser, der nun sein Spiel als verloren ansah, gab es aus, sie weiter zu verfolgen, und nachdem er noch eine Weile allein blieb, stürzte er aus dem Hause und durchmaß mit schnellen Schritten mehrere Straßen, bis er ans Ende des Städtchens an langte, wo er querfeldein planlos durch Aecker und Fluren wanderte, kehrte aber, da er für die Natur keine große Schwärmerei besaß, bald um und in ein aus seinem Wege liegendes Wirtshaus ein. Hier gelang es ihm schnell bei Wein und Punsch, den er sich reichlich einschenken ließ, seinen Aerger über die letzten Vorfälle und die erlittene Niederlage zu verschlucken. Unterdessen saß Mirjam in der Stube, in der sie sich einschloß, den Kopf auf den Arm gestützt, in großer Gemütswallung über die eben erlebten Szenen. Die hellen Thränen rannen ihr über die Wangen und ein Beben ging durch ihren ganzen Körper; sie gedachte mit Grauen des Mannes, bcr sich ihr auf einmal in seiner ganzen Niederträchtigkeit zeigte und mit allen im Hause ein schamloses Spiel trieb. Mehrere Stunden mochte sie so in einsamem Dahinbrüten zugebracht haben, sie war zu erregt, um zu irgend einer Beschäftigung zu greifen, und wünschte nur sehnsüchtig bie_ endliche Rückker der Eltern herbei, da ihr vor dem Alleinsein im Hause gar bange war. Sie vergaß die Depesche, die unerbrochen neben ihr lag. Hätte jic den Inhalt derselben nur geahnt, wie srendig überrascht wäre |ic jetzt bei dem Nöllen eines Wagens aufgesprungen, der sich dem Hause näherte, dessen Geräusch ihrem Dhre aber völlig entging, da sie ganz von ihren Gedanken absorbiert dasaß. Die Depesche war nämlich von keinem andern, als von ihrem Bräutigam, deu eine längere Geschäftsreise unvermutet in diese Gegend führte, und der von einer der letzten Bahnstationen sein baldiges Eintreffen anzeigte. So kam es, daß der Gast, ^dessen Botschaft nicht zur Kenntnis gelängte, wie aus den Flügeln der Liebe, wenn man mit dem Dichter sprechen wollte, in Wirklichkeit aber in leichtein Wagen mit einem paar kräftigen Pferden vor dem Hause der Braut hielt und ausstieg, ohne daß sich jemand von der: Angehörigen zu seinem Empfange einsand. Zweimal hatte es bereits an der Thüre des Zimmers, in das sich Mirjam eingeschlossen, gepocht, -die Angst hielt sie jedoch zurück, zu öffnen, oder auch nur einen Laut von sich zu geben. Mußte sie ja noch immer auf einen neuen Angriff jenes widrigen Menschen gefaßt sein! Da hörte sie sich aber bei ihrem Namen rufen und erkannte die Stimme ihres Verlobten, die, wie vielleicht noch nie, mit so wonnevollem Klang ihr Dhr berührte. Zuerst mochte sie an die Neberraschung gar nicht glauben, und es schien ihr, als wäre sie in einein Traum befangen; als sich aber der Ruf wiederholte, da war sie schon mit einem Sprung bei der Thüre, drehte hastig das Schloß mit und — in den Armen lagen sich die Verlobten. Dem liebenden Bräutigam konnte die schlecht verhehlte Aufregung, in der sich seine Braut befand, nicht entgehen, und als er seinen Blick auf ihre noch von Thränen geröteten Augen richtete, merkte er bald, daß ihr etwas außergewöhnliches begegnet sein mußte. Sie noch zärtlicher an sich drückend, forschte er behutsam nach der Ursache ihrer Gemütsbewegung, bis sie ihrem Herzen Luft machte und ihm gesenkten Blickes das Vorgefallene erzählte. Mit gespannter Aufmerksamkeit horte er ihr zu und ballte krampfhaft die Fäuste, als hätte er jenen Ruchlosen vor sich, der sein Teuerstes und Heiligstes anzutasten wagte. Als jedoch das Mädchen zu Ende ihrer Enthüllungen jenen Mann mit seinem wirklichen Namen nannte, da heiterten sich seine Mienen allmählich auf und seine Mundwinkel verzogen sich zu einem eigentümlichen Lächeln. Man merkte es ihm an, daß er den Vorfall nicht mehr so ernst auffaßte, wie noch wenige Augenblicke zuvor. „So . . . der ist es, Kochanski ... der Nasenmann!? dessen Geschichte kenne ich, da ich jetzt gerade in seinem Wohnorte war, und vermute auch den Zweck seines Hierseins. Beruhige Dich, meine Mirjam, die Geschichte ist zu drollig, wenn es wahr ist, was man sich dort über seine geheimnisvolle Reise ins Dhr zischelt. Ließ er nicht vor Euch einmal ein Wort fallen von dem verunglückten Kniaz . . . und von der Berufung Pirogoff's zu ihm? — „Ja", meinte Mirjam, „fast scheint mir, daß er etwas derartiges äußerte, ich schenkte aber der Sache weiter keine Ausinerksamkeit. Doch nun mußt Du mir sagen, was Du mit Deiner Fräste bezweckst." — „Das will ich Dir später ganz genau erklären", erwiderte ihr Bräutigam, ihr die Wange, streichelnd und sein Lachen verbergend. „Vorerst aber muß ich Dich verlassen und mein Zimmer aufsuchen, um etwas Toilette zu machen, ich erzähle Dir hernach alles". — Mit einer raschen Umarmung trennte er sich jetzt von seiner Braut, und gleich darauf erdröhnten die Schritte des kräftigen Mannes auf der Treppe, die zu den Zimmern des oberen Stockes führten. Er nahm von einem derselben Besitz, schellte nach dem Bedienten, der seine Sachen hinaufbrachte und nachdem er von ihm einige Erkundigungen über das Treiben des Pseudo-Meyerowicz eingezogen, befahl er ihm mit strenger Miene, vor diesem seine Ankunft zu verschweigen, ihm aber zugleich, wie er ihn nur zu seheil bekäme, die Mitteilung zu machen, daß Professor Pirogoff vor einigen Stunden hier eingekehrt sei. Die genaue Befolgung dieses Auftrages schärfte er dem an Intrigen in dieser Familie nicht gewöhnten Bedienten ganz besonders ein und deutete ihm an, daß er für Herrn Meyerowicz als Professor Pirogoff gelten wolle, und daß er jenen sofort zu ihm zu führen habe, sobald er äußern sollte, daß er ihn zu sprechen wünsche. — Mirjam's Bräutigam, Herr Suwalk mit Namen, wechselte jetzt rasch seine Kleider, ordnete mit besonderer Sorgfalt vor dem Spiegel seinen wohlgeivachsenen, echt russischen Bart und

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