Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1895-01-18 · 3 (18.1.1895) · p. Seite 38

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
3 (18.1.1895)
Date
1895-01-18
Page
Seite 38 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9610650-9609614-9609658--308-9609664
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seite 38. DescHurrrn. Nr. 8. gaben aber ihrer Tochter eine ausgezeichnete, besonders sprachliche Bildung. Das Theater, das in den jüdischen Häusern Itzig und Cohen eine so bedeutende Rolle spielte, war ihr allerdings untersagt, aber die Komödien, die sie nicht sehen oder spielen durfte, las sie und sie bildete neben den sentimentalen Romanen der Zeit ihre Hauptlektüre. Frühzeitig zog ihre außerordentliche Schönheit die Blicke aller aus sich und im hohen Alter erzählte sie noch von den Komplimenten, welche die königlichen Prinzessinnen, Schwestern Friedrich ll., bei Gelegenheit des Laubhüttenfestes, welches sie mitansehen wollten, an Henriette richteten. Im Alter von 12*.2 Jahren wurde sie Braut des Dr. Marcus Herz; Tr. Lemos, durch einen Schadchen (Ehevermittler) aus die Partie aufmerksam gemacht, lernte seinen Kollegen schätzen und glaubte das Glück seiner Tochter durch diese Heirat zu sichern, welche in ihrem fünfzehnten Jahre vollzogen wurde. Porträts, die von ihr noch existieren, und eine Büste von dem berühmten Schadow, einem Stammgaste ihres Hauses, lasten uns die unvergleichliche Schönheit der „tragischen Muse" ahnen, wie man Henriette mit dem ovalen Gesichte, dem seinen Mund, der griechischen Nase, der hohen Gestalt — sie war so groß wie die Königin Louise selbst — in Berlin nannte, und lasten es uns begreiflich finden, wie sie bis in ihr Alter hinein der Gegenstand der Bewunderung und Anbetung so vieler sein konnte. Wilhelm v. Humboldt, der schöne Karl von La Roche (Sohn von Wielands schöner Freundin Sophie und Onkel Bettimis) der romantische Geistliche Schleiermacher, der berühmte, eben so häßliche als geistreiche, den Frauen gefährliche Graf Mirabean, Ludwig Börne, der noch Knabe war, wurden von ihr angezogen, aber auch in den strengsten Grenzen platonischer Freundschaft gehalten. Ihr Gatte, Dr. Marcus Herz, Plationalist, Kantianer (er hat selbst geschützte philosophische Abhandlungen geschrieben), ein klarer, tiefer, kalter Geist, ließ die Gattin, die er mehr als doppelt an Jahren übertraf, ruhig gewähren. Aus unserer Litteratur- und Sittengeschichte ist der Geist jener überspannt-sentimentalen Zeit (deren Hohenpriester Lavater, ein zweiter Schlegel war) bekannt. Ein „Tugendbund", dessen Stifterin Henriette Herz war, ist ein Vorläufer der Thorheiten der späteren Romantiker geworden. Man duzte sich, schrieb sich gefühlsselige Briefe in hebräischen Lettern, tauschte Ringe und Silhouetten (die unsere Photographie vertreten mußten), und stellte sich die „sittliche Entwickelung und das Glück der Zuneigung" als Ziel. Wilhelm v. Humboldt, noch sehr jung allerdings, spielte im Bunde die Hauptrolle; Sara und Marianne Meper, sehr junge Mädchen noch; Brcnna de Lamos, Henriettens Schwester; Henriette und Dorothea Mendelssohn/ die geistreichen und edelsinnigen Töchter des Philosophen; Sophie Schubarth, die sich ihrem ersten Manne durch Clemens Brentano (Bettinas Bruder) entführen ließ, gehörten dem Bunde au; auch Therese Heyne verirrte sich kurze Zeit hinein, verließ aber den Bund, um Georg Förster zu heiraten, den berühmten Naturforscher, der als Deputierter von Mainz, unter der Schreckensherrschaft in Paris fein Haupt aufs Schastot legen mußte. Später machte dieser Tugendbund dem „Lesekränzchen" Platz, das bis nach dem Tode des Dr. Markus Herz (1S03) datierte. Es war die unvergeßlich schöne Zeit, wo jede Leipziger Messe ein Drama Schillers oder einen Band von Goethe brachte, die Sterne zweiter (tröste ungerechnet, und man las sich mit Entzücken Meisterwerke laut, und waren es Dramen, mit Rollenverteilung vor. Das aristokratische Element mischte sich bald mit dem litterarischen und artistischen im Salon der Jüdin; Graf Bern stör ff, den wirschon als unglücklichen Liebhaber von Marianne Meper kennen gelernt; Friedrich von Gentz, damals noch begeisterter Anhänger der Revolution, aber schon seiner „Umkehr" sehr nahe; Graf Dohna, Schüler und Freund Schleiermachers, nachheriger Staatsminister, der nach Markus Herz Tode der schönen Henriette seine Hand anbot, die sie ausschlug; Gustav v. Brinkmann, ein ausgezeichneter schwedischer Edelmann, intimer Freund Rahels; Ancillon, der spätere Minister des Aeußeren; Adalbert v. Chamifso, der deutsche Franzose, der sie seine „Souveränin" nannte, und noch viele Berühmtheiten verkehrten hier, ungezogen von der Schönheit und jenem unsäglichen Etwas der vollendeten Hausfrau, die, obgleich sie alle modernen Sprachen mit vollendeter Eleganz sprach und später noch Sanskrit, Türkisch und - Gott steh' mir bei! Malaisch studierte, doch, nach hinterlafsenen Briefen und Memoiren zu urteilen, keine hervorragende Intelligenz, vor allem keine Individualität war. Varnhagen nennt sic mit dem bekannten Goetheschen Worte: „A n e m pf ind e r i n." (Ein drittes Kapitel folgt). Leuilleton. tfilir , in spe. Von Otto Ern st. *) Deutscher Reichstag. 8057. Sitzung vom 12. Dezember 1901. 9 Uhr Vorm. Am Tische des Bundesrates: Reichskanzler Fürst Ahlwardt, Finanzminister Freiherr v. Pickcnbach u. a. Ersterer, mit einer neuen defekten Hose bekleidet, wird dadurch Gegenstand lebhafter Ovationen. Eingegangen ist der Handelsvertrag mit dem jüdischen Freistaat Argentinien. Erster Gegenstand der Tagesordnung: Fortsetzung der Beratung über die Novelle zum Entj udu ngsgesetz. Zunächst nimmt das Wort: Abg. Ehrenmann v. Sonnenschein: Soeben hat mich irgend ein Lump auf den Fuß getreten. Ich möchte daraus schließen, daß trotz aller Ausweisungen sich noch Juden in Deutschland aufhaltcn, denn eine solche Frechheit ist nur einem Juden zuzutrauen. (Bewegung und Lachen.) Ich fordere den hundsföttifchen Hebräer auf — (Abg. Schulze: Ich war es! Wollen Sic etwas von mir, Sie elender Jude? Der Abg. v. Sonnenschein verläßt die Tribüne und eilt auf den Abg. Schulze zu. Es entsteht ein wütender Faustkampf. -Rufe: Hört! Hört!) Bieeprüsident v. Buol-Berenstecher: Ich bitte den Redner nicht zu unterbrechen. «Stürmische Heiterkeit.) Abg. E. v. S. (forlfabrend): Im übrigen stehe ich der Regierungsvorlage sympathisch gegenüber. Meine Herren, es ist " leider nicht zu leugnen, daß, obschon seit langem kein Jude, kein Hebräer, kein Kind Israels «Heiterkeit rechts), kein Itzig (Große Heiterkeit rechts), kein Mansche! (Stürmische Heiterkeit rechts) in Deutschland mehr zn finden ist, die Ent- ' Aachi,„Pasauino", Vcilagc^ um, „Zuschauer", Hamburg. 3201010001020131

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.