Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 3 (18.1.1895)
- Date
- 1895-01-18
- Page
- Seite 37 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 3. Jefchuvun. Seite 37. Verstand und Geist völlig einbrachte, was sie an natürlicher Gutmütigkeit und angeborener Koquetterie weniger besaß. Kalt und berechnet genoß sie die Gegenwart und pflegte zu sagen: „Nach mir die Sündflut" — aber, nach Varnhagens Zeugnis,/„so fröhlich und anmutsvoll, daß man ihren Ausspruch augenblicklich mit unterschrieben hätte." Henriette Herz und andere Personen von oberflächlichem Urteil hielten dies für Leichtsinn, Varnhagen und Rahel aber wußten sie besser zu beurteilen. Sie besaß in der That einen festen, entschiedenen Willen und verstand es, sich Geltung und Achtung zu verschaffen. Im Alter von fünfzehn Jahren und ohne Vorwissen ihrer Eltern, ließ sie sich taufen, um sich den so sehr ersehnten Eingang in die christlichen aristokratischen Kreise zu erleichtern. Gerade ihr freimütiger, naiver Egoismus übte eine mächtige Anziehungskraft auf die Männer. Goethe, den Fünfzigen nahe, als er sie (1797) kennen lernte, verbarg den so sehr lebhaften Eindruck nicht, den Marianne Meyer aus ihn machte, und dreizehn Jahre später, in Teplitz im Bade, klagt Gentz: „Er hat nur Augen für sie und sie ist die einzige Person, mit der er wirklich zusammen ist." Das diplomatische Korps in Berlin schien sich in Wahrheit um ihren Besitz zu streiten. Gras Goßler, kurfürstlich sächsischer Gesandter, hätte sie ganz sicher geheiratet, wäre nicht seine unvertilgbare Voreingenommenheit gegen die „Judenheit" gewesen. Gras Christian von Bernstoff, damals Attache der dänischen Gesandtschaft, später preußischer Minister, war zum Rasendwerden in sie verliebt und es bedurfte des energischen Dazwischentretens seines Vaters, um die Heirat zu hindern. Kaum war der alte Graf tot, als der Verliebte hineilte, Mariannen seine Hand anzubieten. Zu spät! Er kam gerade am Tage ihrer Hochzeit mit einem andern Diplomaten, dem Fürsten von Reuß (aus dem souveränen Hause dieses Namens), damals österreichischer Gesandter an: Berliner Hofe, mit dem sie jedoch, wie man sagte, schon mehrere Jahre insgeheim verehelicht war. Der Fürst lebte nicht lange und 1799 verließ seine junge Witwe, Frau v. Eybenberg (welchen Namen das Fürst Reußsche Haus ihr oktroyiert hatte), Berlin, um sich in Wien heimlich niederzulassen. An beiden Höfen war sie mit den ersten Damen liiert und die schöne Jüdin verkehrte mit den Prinzessinnenvon Kurland, mit den Familien Ligne und Clary auf ganz gleichem Fuße. Trotz des Beispiels ihrer Schwester, welche beifällig aufgenommene Novellen, Dramen, Journalartikel (meist französisch) schrieb und trotz des Andringens ihrer literarischen Freunde wollte sie sich nie dazu verstehen, als Schriftstellerin aufzutreten. Beide Schwestern blieben nicht für immer in ihrer glänzenden Lage. Frau v. Grotthniß lebte in noch ziemlich behaglicher Mittelmäßigkeit, nachdem der Krieg ihren Mann ruiniert hatte. Die Witwe des Fürsten Reuß, die immer dem Genuß der Gegenwart gelebt hatte, verlor unversehens nach der Schlacht von Außerlitz ihr ganzes Vermögen, und sie, die in Luxus erzogen, an den Umgang mit den höchsten Herrschaften gewöhnt war, sollte noch vor ihrem frühen Tode (1811) mit Trauer und Verbitterung die Armut kennen lernen und die Verlassenheit, die in der Regel eine Folge derselben ist. Mit den Frauen von Grotthniß und von Eybenberg fast zu gleicher Zeit vertauschten zwei andere junge Jüdinnen die Tochter des reichen Banquiers Jtzig, nachdem auch sie vornehme Heiraten gemacht hatten, die Ufer der Spree mit denen der Donau. Der Adel, der preußische mindestens. war damals eben weit „vorurteilsfreier", als der Bürgerstand. Seitdem ist das grade Gegenteil eingetreten. Heute ist der Mittelstand von dem Geist des religiösen Jndifferentismus durchdrungen, den die klassischen Schriftsteller der Nation predigten, und die Aristokratie ist leider von dem 1806 bis 1815 eingeschlagenen edlen Weg abgewichen und zu denen ihres Standes und ihrer Kaste zurückgekehrt. Sei dem, wie ihm wolle: Vater Jtzig, der als kleiner Pfänderverleiher sich in Berlin .etabliert hatte, fand keine Schwierigkeiten, seine zwölf Kinder, von denen freilich jedes ein bedeutendes Vermögen und eine glänzende Erziehung hatte, in der vornehmen Welt unterzubringen, seine jüngste Tochter Cä cilie, zur Baronin Esheles geworden, wurde einigermaßen verdunkelt durch ihre ältere Schwester, die schöne Fanny von Arnstein, die selbst nur eine kurze Zeit in Schatten gestellt wurde von Frau von Eybenburg. Die schöne Fanny war geistreich, lebhaft, sprach alle neueren Sprachen mit Leichtigkeit und Eleganz, brachte von Berlin die Geistesfreiheit, die Friedrich II. und Lessing und Mendelssohn eingebürgert hatten, mit nach Wien; ihr Haus war, mit Varnhagen zu reden, „ein Missionsposten des modernen Geistes." Der Fürst Karl von Lichtenstein sah die schöne Preußin und bot ihr seine Hand an. — Die Baronin Arnstein war kurz vorher Witwe geworden. Sie schlug das Anerbieten aus, — weil es mit der Zumutung verbunden war, der jüdischen Religion zu entsagen. Ein (weltlicher) Domherr, Baron v. Weichs, ward gleichwohl eifersüchtig auf den Fürsten, forderte ihn und tötete ihn im Duell. Ganz Wien bezeugte bei dieser Gelegenheit der schönen Witwe sein Mitgefühl und seine Hochachtung. Sie aber bewahrte lange das Andenken dieser Liebe, welcher sie die Religion ihrer Väter nicht hatte zum Opfer bringen wollen. An jedem Jahrestage des unglücklichen Duells schloß sie sich in Einsamkeit und Dunkelheit zum Gebet ein. Fortan lebte sie nur der Mildthätigkeit und Erziehung ihrer Tochter, und so werden wir sie 1813 wieder finden. Für jetzt — sie hatte eben Berlin verlassen, — tröstete sich die Hauptstadt in den Salons ihrer älteren Schwester, Frau Sara Levy, die nach dem Tode ihres Vaters Jtzig und bis nach der Schlacht von Jena ihr Haus dem Adel und den Schöngeistern der Mark Brandenburg offen hielt. Doch war dies mehr ein französisches, als ein deutsche- Haus; hier wurde nur die Sprache Voltaires geredet und Franzosen waren die Stammgäste: Mirabeau, Graf Dilly, Frau v. Genlis, die Stael. Um Deutschen zu begegnen, müssen wir uns zu Rahel Lev in begeben, welche die wahre Sonne des Berliner Himmels und die Seele der Gesellschaft war; dort, in diesem andern Judenhause, viel bescheidener als die Salons der Cohen, Ephraim, Meyer und Jtzig, werden wir alles finden, was die Stadt der Intelligenz an nicht immer vornehmen, aber bedeutenden Männern von 1689—1818 aufzuweisen hat. Doch um die Seiten der Zeit, ihre hervorragenden Denker und Dichter in ungeschminktester Weise zu sehen, müßten wir uns vorher noch zu einer andern Glaubensgenossin, einer Nebenbuhlerin der berühmten Rahel, zu Henriette Herz begeben. Henriette Herz (geboren 1764) war in den strengsten jüdischen Glaubenssätzen erzogen. Ihr Vater, der Arzt Dr. Lem os, portugiesischen Ursprungs, hatte eine französische Jüdin geheiratet und führte eine jener Musterehen, wie sie eben unter Juden nicht selten sind. Beide Gatten wetteiferten in der strengen Beobachtung der jüdischen Satzungen,