Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1895-01-18 · 3 (18.1.1895) · p. Seite 36

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
3 (18.1.1895)
Date
1895-01-18
Page
Seite 36 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9610650-9609614-9609658--306-9609662
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 36. JefcHurun. Nr. 3. welchem täglich Thora und Talmud gelehrt, belehrende wissenschaftliche Vorträge von ihm und anderen vor freiwilligen Besuchern und Studierenden gehalten wurden, und wo — cö sei dies gestattet zu sagen — auch Schreiber dieses seinerzeit mehrere Vorträge hielt. Ich ermähne dies letztere darum, weil es beweist, wie der große Lehrer bestrebt war, seine Jünger, denen er die Fähigkeit zutraute, für die Oeffentlichkcit und für ihren eigenen künftigen Berus vorzubereiten. Es wäre zu wünschen, daß in jeder größeren Gemeinde, ein solches Bet-Ha-Midrasch ins Leben zu rufen möglich wäre. Es wäre dies auch ganz nach dem Geiste des Judentums, da ja nach vielen Aussprüchen unsrer Weisen ein jüdisches Lehrhaus für eine jüdische Gemeinde und zur Erhaltung des Judentums wichtiger, dringender und heilsamer ist, als manche Wohlthätigkeitsanstalt. Heißt ja die erste der drei Säulen des Judentums: Thora! Durch jene Lehrstätte hat Dr. JeUinek viel Kenntnis verbreitet, wurden viele Laien, wenn sie auch früher keine Ahnung von der Ideenwelt des Judentums und von seinen wissenschaftliche« Gängen hatten, mit Erfolg in dieselben eingeführt und eingeweiht und deren Interesse für das heilige Schrifttum geweckt. Auf dem Katheder glänzte erst recht seine Weisheit, seine Gelehrsamkeit, sein Geist und auch sein Witz, und er zeigte sich als der wahre Kohelet — limmed daatli en ha-am we-izzen we-chikker, — der das Volk gründlich belehrte, der alles sein erwog, tief dachte und forschte, oder wie Jbn Esra erklärt: we-chikker: liora derochiin lo-om lachkor bo-hem ha-chochma, — der sich bewährte als einer, der dem Wiffenden und Unwissenden die Wege zeigte, die Mittel angab, wie die jüdische Weisheit, die jüdische Lehre, die jüdische Wisienschast erforscht, ergründet und erkannt werden soll. Dadurch hat er den Glanz des Studimns der Thora, der seit den historischen Ehachme Wina, seit den „Weisen Wiens" aus den früheren Jahrhunderten verloren gegangen ist, wieder hergestellt. — Es wäre von bedeutendem Interesse und Werte gewesen, wie viele dieser seiner mündlichen Vorträge aus dem Midrasch und über die Rhetorik in der Bibel schriftlich ausgezeichnet und der Vergessenheit entrisien worden wären, da sie eine große Menge tresilichcr Gedanken, geistreicher Bemerkungen, scharfsinniger Apercus, anleitender Winke, methodischer und hodogetischer Regeln enthielten. Besonders schöpferisch war er auf einem litterarischen Gebiete, das bis aus ihn fast unbeachtet und wenig durchforscht blieb. Ich spreche hier nicht von seinen mit seltener Ausdauer durchgeführten und feinfühlende Zusätze aufweisendcn bibliographischen Arbeiten, die ein wahres Arsenal geistigen Rüstzeuges für die Juden eröffnen, sondern von der kabbalistischen Litteratur. Er war ein anerkannter, unbestrittener Kenner und Meister der Kabbala, lieber die größten Kabbalisten, wie Rachmanides, Mose de Leon, Abulafia, Schem-Tob, Luria und andere brachte er neue und Helle Ausschlüsse, und steigerte die Bedeutung und den Wert der kabbalistischen Bücher dadurch, indem er zeigte, daß dieselben trotz der darin vorwaltendcn, mit unserer Verstandesauffassung nicht übereinstimmenden Theorien doch kostbare Gedanken und Lehrsätze enthalten, die in jeder Zeit als gangbare Münzen ausgegcben werden können, und daß sie trotz ihres dunklen Gepräges und ihres mystischen Inhaltes doch durch die religiösen Empfindungen und Gefühle, die aus diesen Büchern sprechen, für die Rätsel des Lebens und die psychischen Züge des Menscheninnern oft eine befriedigendere Lösung und erhebendere Momente bringen, als der stolze Bau des philosophischen Denkens und das künstlerische Gefüge theologischer Grübeleien. Man kann daher auf den Heimgegangenen jene Erzählung anwenden, die in der Rachgcschichte des Auszuges aus Egypten sich findet. — Die Israeliten, heißt cs, wandcrten drei Tage in der Wüste und fanden kein Wasser, und als sic endlich aus eine Duelle stießen, da war sie marah, bitter und ungenießbar; Gott aber zeigte dem Moses ein Holz, das dieser ins Wasser warf, welches dadurch süß geworden. Die Hagadisten erklären: Unter „Waffer" verstehe man hier die Worte der „Thora", die in der heiligen Schrift oft mit Wasser verglichen wird. Die Israeliten also fanden keine Thora, lebten ohne die Stütze der religiösen Belehrung, und dies war für sie ein großer Mangel und von großem Schaden, indem sie dadurch, gleichsam wie ein Mensch, der in der Wüste ohne Wasser ist, in ihrer neuen Lage sich nicht zurecht finden konnten und allerlei Fährlichkeiten und Irrungen ausgesetzt waren. — Dies wäre ein anschauliches Bild für die Schaffensweise Jellinek's auf dem letztberührten Terrain besonders und hinsichtlich seiner jüdisch-theologischen Aufklärungen und Belehrungen überhaupt. Auch das Israel unserer Zeit war noch in vielen Punkten ohne vollkommenes Verständnis der Gotteslehre, ohne genügende Kenntnis mancher Teile der jüdischen Wisienschast und der geschichtlichen Erscheinungen — wa-jorehu Adonai ez. Da kam Dr. JeUinek mit seinem Wunderholz, mit seinem Baume der Erkenntnis, den er angepslanzt im Garten der jüdischen Litteratur, da kam er mit seinem gottbegnadeten, aushellenden und durchdringenden Geiste und machte das angenehm, zugänglich, nutzbar und verständlich, was vor ihm gleichsam herbe, unnahbar, unverwertet, dunkel und unverständlich erschien. Somit habe ich den gottseligen Dr. Adolf Jellinek als karja we-tanja, als Gelehrten und Lehrer gezeichnet: ich will ihn in den folgenden Artikeln als paitan we-darschan, als Dichter und Prediger vorsühren. Aber schon aus der bisherigen Darstellung ersieht jeder, daß der vor Jahresfrist Hingschiedene ein selten großer Geist, eine Leuchte und Zierde des Judentums mar, und kaß er in seiner Liebe zur Thora und dem jüdischen Schrifttum Großes, Verdienstvolles und Unvergängliches geleistet hat. In dieser Liebe zur Thora soll er unser ewiges Vorbild sein, daß wir das Studium derselben pflegen und fördern, die Geschichte unseres Volkes erforschen, die Denkmäler unseres Schrifttums hervorziehen und unserer Zeit als Zeugnis, als leuchtendes Pharos des jüdischen Geistes hinstellen. Wir müffen von ihm lernen: en ozzi ela thora, unsere Stärke, unser Lied, unsere Weisheit ist die Thora, der wehende Gottesgeist in der Thora, und als sein Vermächtnis dürfen und sollen _ mir das Leitprinzip übernehmen: In der Thora ruht unsere Kraft, durch sie allein können und werden wir siegen, mit ihr sind wir nie verloren. Sie iubrn van önlin zu Ende des vorigen und Anfang des jetzigen Jahrhunderts. Von V. Simon, Posen. II. Roch schöner und anziehender als Frau v. Grotthniß war ihre jüngere Schwester Marianne, die durch mehr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.