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Jeschurun · 1895-01-18 · 3 (18.1.1895) · p. Seite 34

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
3 (18.1.1895)
Date
1895-01-18
Page
Seite 34 (sequence 2)
Language
German
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T'f h ' Seite 34. e f 4 u r « tt. Nr. 3. \i\ i- : i 1 I Ein jüdisches Ufrciusliaus in Örrliit. Von I- Mansbache r. Die Gleichgiltigkeit in religiösen Dingen ist eine viel gekannte und viel genannte und noch viel mehr beklagte Krankheit in Israel. Von Kirchlichkeit soll hier ganz abgesehen werden; sie setzt bestimmte "Neigungen voraus und ist die starke Seite der "Nichtjuden in der Gegenwart auch gerade nicht. Anders dagegen liegt die Sache, wenn inan sich vergegenwärtigt, daß Jahre lang den Beschimpfungen imb Verunglimpsungen des jüdischen Bekennütisses von antisemitischer Seite mit einem Gleichmute begegnet wurde, der dem denkenden und lebhaft fühlenden Israeliten die Schamröte ins Gesicht treiben muß. Erst als die Schmach des Jahrhunderts begann eine für das praktische Leben fühlbare Gefahr zu werden, da schrie man nach Abhilfe und verlegte man sich daraus, energisch sich zur Wehr zu setzen und durch die verschiedensten Mittel den größten Feind im eigenen Lager, den Jndifferentismus zu bekämpfen. Ueberzeugt davon, daß die Interesselosigkeit die Unwissenheit zur Mutter hat, ging man zunächst daran, durch Belehrung auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte den Sinn für jüdisches Sein und Wesen neu zu beleben. Diesem Streben ist Die Entstehung der jüdischen Litteraturvereine zu verdanken, die an vielen Orten unseres Vaterlandes zum Segen wirken. Man kann diesen Vereinen nur sympathisch gegenüberstehen, da sie, wie gesagt, heilbringend thätig sind, ohne indes davon überzeugt zu sein, daß ihre Wirksamkeit allein dem Uebel zu steuern vermöge. Der Sinn für die Geschichte ist mit dem Sinn für Kunst und "Wissenschaft als eng verbunden nicht überall ztl finden und nur da zn Hanse, wo der allgenieine Bildungsgang den Boden dafür gelockert hat. Die breite Masse dürste auf die Dauer durch diese Art der Heranziehung für die Interessen der jüdischen Gemeinde nicht zu gewinnen sein, wenn nicht noch andere Faktoren ihr thatkrästig zu Hilfe kommen. Wer in unserer Zeit Menschen für bestimmte Ziele gewinnen will, der fasse sie ganz, d. h. nach der Seite des Gemütes ebenso wie nach derjenigen des Geistes. Die Belehrung durch wissenschaftliche Vorträge re. ist ein einseitiges Vorgehen, für das nicht ein jeder zu gewinnen ist, wenn nicht noch die sonstigeit Zugmittel geselligen Vergnügens, der Erholung rc. locken? Warum aber diese Mittel verschmähen, wenn dadurch das Ziel, für das Judentum kräftiger zu wirken, erreicht werden kann? Ist doch gar häufig der Einfluß der frohen Stunde der Boden gewesen, dem die gute Dhat, namentlich da, wo Selbstüberwindung dazu gehörte, entsprang. Diese Erwägungen sind es, welche dahin führen, eine Stätte zu gründen, die zunächst als Sammclstätte für die Israeliten dienen, aber nach den beiden angcdeutetcn Richtungen hin durch die Art ihrer Einrichtung zweckdienlich vorbereitet wäre. Man wird mir entgegnen, jüdische Hotels - und Restaurationen, sowie jüdische Klubs, Logen, Vereine?c. gäbe es in Hülle und Fülle, die den obengenannten Zwecken dienen. Einesteils bedeuten diese Vereine .'c. nichts oder kaum mehr als gewöhnliche Vergnügungslokale, und selbst dann, wenn sie diesen Zwecken ausschließlich nicht dienen, so ist ihre Wirksamkeit durch die Standes- und Rang - Gemeinschaft derer, die sich zu der Vereinigung zusammengesellt haben, eng begrenzt. Die Allgemeinheit ist ausgeschlossen und der Nutzen für dieselbe daher fast in dem gleichen Maße. Was uns dringend not thut, das ist ein Ort, der Lehr--, Arbeits- und Erhohlungsstätte zugleich ist und neben dem (leiste auch dein Gemüte zu seinem Rechte verhilst. Ehristlicherseits hat man nach dieser Richtung hin durch Gründung vori Bereinvhäusern zu wirken gesucht, und der Erfolg lehrt, daß trotz der daselbst vielfach vorherrschenden Pietisterei die Lokale frequentiert iverden und nicht allein nach innen, sondern auch nach außen hin segenbringend wirken. Das sollte uns ein Fingerzeig sein, unter Weglassung der dort sich zeigenden Fehler ähnliche Institutionen ins Leben zu rufen. Für Berlin käme demgeuiäß in Betracht ein Haus, das zunüchjt einen ausgedehnten Restaurationsbetrieb habe, um der befcheidensteu Forderung sowohl wie den reichsten Ansprüchen genügen zu können. Int Anschluß daran und in engster Verbindung damit muß gefordert werden: ein größerer Saal für die Abhaltung von Vortrügen, sowie zur Veranstaltung von Disputationen, die allwöchentlich den Glaubensgenossen Gelegenheit zur Belehrung zu bieten Hütten. Kleinere Säle mit Bühne zur Aufführung von Litteraturerzeugnissen für Vereine?e., sowie bei besonderen festlichen Anlässen wären ebenfalls erwünscht, würden auch nebenbei für gottesdienstliche Zwecke aushilfsweise benutzt werden können. Daß aus diese Weise namentlich den jüdischen jjungen Leuten eine Stätte für gesellige Zusainmenkünfte, den älteren ein Ort geistigen Austausches, den jüdischen Vereinen ein Lokal für ihre Bestrebungen geboten werden würde, wie sie es sich wünschen, liegt aus der Hand. "Namentlich aber, und das ist die Haupsache, würde eine Zentralstelle geschaffen werden für jüdische Bestrebungen überhaupt, die gar oft daran scheitern, daß kein passender Ort vorhanden ist, ihnen zum Lichte zu verhelfen. Es ist keinem Zweifel unterworfen, daß eine solche Einrichtung hier in Berlin prosperieren würde, zu der hier die Anregung gegeben sei, verbunden mit dem Wunsche, daß sich recht bald die Stimnten derer erheben, welche dem Gedanken sympathisch gegenüberstehen und zu seiner Verwirklichung beitragen wollen. Ans Arnsiiinl-k-Frikdtling wird uns geschrieben: Was wohl in unserem Kreise wieder „los" ist? — Der Ahlwardt. Glücklich aus Plötzensee wieder angelangt, bereiste nun auch dieser ehrenfeste Reichsbote in den thatenlofen Parlantentsferien feinen getreuen Wahlkreis, um hier vor seinen Wählern Rechenschaft abzulegen über seine „rühmlichst" bekannte parlamentarische Thätigkeit und sie über die „politische Lage" aufzuklären. Das ginge uns freilich weiter gar nichts an — da wir Juden hier in Politik — nichts machen-allein, seine neuesten Hetz-Variationen interessieren unS doch. Diese wollen wir darum hier zum Gaudium unserer lieben Mitleser dieses geschätzten Blattes ein wenig scstnageln. In seinen diesmaligen, endlos langen (2 - 5 stündigen) Ouatschreden spielt sich Ahlwardt nicht bloS vollständig aus seinen „Sozialismus der dummen Seele" aus^ sondern er liefert auch zugleich die besten Beweise dafür. So z. B. haranguierte er feine Zuhörermaffen u. a. mit folgenden Weis-

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