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Jeschurun · 1895-01-11 · 2 (11.1.1895) · p. Seite 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
Seite 29 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 2. Jeschurirrr. Seite 29. — Die im Aufblühen begriffene Religionsschule, welche unter der bewährten Leitung des Herrn Rabbiners Ellenbogen und des Hauptlehrers H. Michaelis in der Gemeindeschule, Hirtenstraße sich beffndet, giebt ein außerordentliches Zeugnis dafür, daß der Sinn für das Ideale sich im Judentum stets rege zu erhalten weiß. Ohne irgend einen pekuniären Vorteil wirken die genannten Herren an derselben und wird mit der größten Gewissenhaftigkeit gearbeitet. Der Lehrplan basiert hauptsächlich auf die Beibringung des Hebräischen, welches nun einmal die unerläßliche Bedingung eines sich vertiefenden erziehlichen Religionsunterrichts bleibt. Außerdem wird der Jugendgottesdienst alternierend von den Lehrern abgehalten, so daß auch hierin der stete Kontakt mit den Kindern erhalten ist. Der Unterrichtsstoff ist so verteilt, daß die größte Schülerzahl mit den hauptsächlichsten hebräischen Schriften des heiligen Buches bekannt gemacht wird und das Siddur, als das Schwerere, weil Neuhebräisch in der zweiten Reihe stehen kann. — Das Schwerere zuletzt — das Leichte zuerst — ein Hauptgrundgesetz der Pädagogik, wird dadurch eingehalten. So wird die Religionsschule bei ihren bedeutenden Leistungen einen Aufschwung nehmen, welcher einen Beweis liefert, daß — wie bei der Chanukkafeier hervorgehoben worden, daß die Lichtlein immer zunehmen sollen — auch der alte Spruch wieder zu Ehren kommen wird: „Talmud Thora keneged kullom,“ „Die Gotteslehre geht über alles." —8. — Einer der rührigsten Vereine unserer Gemeinde scheint der Humanitäts-Bereine „Gewul tauw“ zu sein. Unter der Leitung seines Vorsitzenden, Herrn Gustav Michaelis, entwickelt er sich immer mehr und zählt jetzt mehr denn 800 Mitglieder. Der Verein hat auch seit kurzem sein eigenes Zeitungsorgan, das den Titel des Vereins führt und nicht ohne journalistische Gewandtheit von einer Redaktionskommission geleitet wird. Trotz dieser „Konkurrenz" wünschen wir dem Vereine das beste Gedeihen. — Die ordentliche Generalversammlung desselben findet am 23. d. M. abends 8 Uhr in Dräsels Festsälen (Reue Friedrichstr. 35) und am 6. Februar in Kellers Festsälen (Köpnickerstraße 96/97) das erste diesjährige Winter-Vergnügen zum besten der Witwen- Unterftützungskaffe statt. — Ein Referat über Tendenz und Erfolg des Vereins wäre uns sehr willkommen. * Aus den Litteratur-Vereinen. In Königsberg beging der Verein am letzten Sonnabend unter lebhafter Beteiligung von Mitgliedern und Gästen sein viertes Stiftungs¬ und zugleich Chanukafest. Der Vorsitzende, Herr Professor Dr. Saalschütz, eröffnete das Fest mit einer Ansprache, welche in ein Hoch auf den Verein ausklang. Herr Rabbiner Dr. Bamberger toaste auf den Vorstand, während andere Redner in ihren Trinkjprüchen der Begründer des Vereins re. gedachten. Daneben suchten gemeinsame Lieder mit bestem Erfolge die Stimmung zu erhöhen, Herr Kantor Birnbaum riß die Zuhörerschaft zu jubelndem Beifall hin und Herr oaud. med. Wasbutzki wußte sich mit seinen Liedervorträgen gleichfalls den einmütigsten Applaus zu erringen. Der rührige Verein hält alle Dienstage Sitzungen ab, in denen wissenschaftliche Vorträge gehalten werden und bei denen Gäste stets willkommen sind. — Den ersten Vortrag in dem neu begründeten Verein in Ratibor hielt Herr Direktor Dr. Adler aus Berlin über: „Die Juden in Deutschland zur Zeit der Krenzzüge." Anknüpfend an die wissenschaftlichen Forschungen Robert Hönigers zeichnete Redner an der Hand der zeitgenössischen Quellen die Jahrhunderte, welche den Inhalt seines Themas begrenzten. Die ersten Niederlassungen der Juden in Deutschland, die bis in die Römerzeit zurückgehen, sind an: Rhein zu suchen. Der Vortragende schilderte die Verdienste der deutschen Juden um den Weltverkehr, ihre Treue gegen Kaiser und Reich, ihren Waffendienst in Krieg und Schlacht, ihr friedliches Verhältnis zu den anderen Religionen und ihr inniges Familienleben. Abschweifende Horden der Kreuzzüge ändern dieses Friedensglück. Mit der Objektivität des Forschers entrollte der Redner düstere, blutige Blätter. Jene Horden hatten mit der Menschenliebe eines Gottfried von Bouillon nichts gemein und von der sittlichen Hoheit eines Papstes Gregor VII. verspürten sie keinen Hauch. Ergreifend waren die Bilder, die der Redner aus jenen Tagen zeichnete. Der zügellose Fanatisums der mordenden Scharen, der Opfermut der zu Tausenden fallenden Juden, der lichtvolle Charakter des edlen Erzbischofs Rnthard von Mainz und der unbeugsame Gerechtigkeitssinn des deutschen Kaisers Heinrich IV. Mit der Mahnung, zum Väterglauben, zur Menschenliebe und zmn Vaterland zu halten und diese Güter auch in dem jungen Verein zu pflegen, schloß der Redner seinen Vortrag. — In Hamburg sprach Rabbiner Dr. Werner aus Danzig über „Ethik des Talmuds", — in Prag Herr Dr. Karpeles aus Berlin über: „Glaubenstreue und Glaubenswechsel im Judentum". *v Dr. David Rosin. In Breslau starb am 31. Dezember Dr. phil. David Rosin, der früher lange Zeit im Berliner Schuldienste stand. Rosin, einer der hervorragendsten Pfleger des rabbinischen Schrifttums in der Gegenwart, wurde 1823 in Rosenberg in Oberschlesien geboren. Seine erste Bildung hatte Bibel und Talmud zur Grundlage. Das gebräuchliche Schulwissen erwarb er sich später am Elisabethgymnasium zu Breslau. Seine Studien, die der Philosophie, der klassischen und orientalischen Philologie galten, machte Rosin von 1846 bis 1851 in Berlin. 'Nachdem er zum Doktor promoviert und die Lehramtsprüfung abgelegt hatte, wurde Rosin Lehrer an der jüdischen Gemeindeschule zu Berlin. Später erhielt er noch eine Lehrerstelle an der hiesigen Lehrerbildungsanstalt. 1866 folgte Rosin einem Ruse an die jüdisch-theologische Lehranstalt zu Breslau, an der er bis zu seinem Lebensende wirkte. Von Rosins selbständigen Schriften ist zeitlich die erste die Erklärung eines Kompendiums der jüdischen Gesetzeskunde, die 1866 erschien. Ihr folgte 1871 eine bedeutsame Untersuchung über die Ethik des Maimonides. Rosin giebt darin an erster Stelle einen Ueberblick über die ethischen Lehren des Maimonides mit besonderer Berücksichtigung dessen, was Maimonides aus jüdischen Quellen geschöpft hat. Seinen besonderen Wert aber erhält Rosins Schrift durch ben Nachweis der Abhängigkeit des Maimonides an erster Stelle von Aristoteles und im weiteren von arabischen Philosophen wie Alfarabi, ibn Sina, Gazzali, Abu Bekr. Während der folgenden Jahre galt Rosins Arbeit dem Studium des Bibel- Exegeten Rabbi Samuel ben Meir, genannt Raschbam. Er sammelte zunächst alle Angaben über dessen Leben, und vereinigte diese mit einer Charakteristik von Raschbams litterarischem Schaffen zu dem Buche „Rabbi Samuel ben Meir als Schriftsteller" (1880). Das Buch, das wegen seiner vielen Anweisungen altfranzösischer Worte (Raschbam, um 1080 geboren, lebte in Nordsrankreich) auch der romanischen

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