Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 2 (11.1.1895)
- Date
- 1895-01-11
- Page
- Seite 27 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 2. Jescyirrrrn. Seite 27. jt 4/ äf* des sechsten Tausends. Es sei seine Seele eingebunden im Buche des Lebens." 2. (Jan. 1425). „Hier ist beigesetzt die ehrbare Frau, Frau Freude, Tochter des Herrn Abraham, des Priesters, welche begraben wurde am 3. Tage, sieben Tage im Monat Tebeth des Jahres 185 nach der Zählung im sechsten Tausend. Es sei ihre Seele" u. s. w. 3. (August 1438). „Hier ist beigesetzt der ehrbare Mann, Herr Ephraim, Sohn des Herrn Abraham, mit seinen drei Töchtern, eine an seiner Seite, und zwei zu seinen Füßen, am 2. Tage des Neumonds Ab, des Jahres 199 nach der Zählung im sechsten Tausend. Es sei ihre Seele" u. s. w. 4. (Januar 1439). „Diesen Stein habe ich gesetzt als Denkmal dem Manne, dem Vater, meinem Erzieher, Herrn Salomo, Sohne des Herrn Isaak, gesegneten Andenkens, welcher hier begraben ist am 1. Tage, dem vierundzwanzigsten Tage des Monats Tebeth und des Jahres 5199 nach der Zählung des sechsten Tausend. Es sei seine Seele" u. s. w. Im Jahre 1546 wurde es den Juden vom Rate untersagt, noch weiter hier zu beerdigen, und 1558 wurde der gesamte Platz den Tuchmachern für ihre Zwecke in Pacht gegeben. Der Judenturm war, wie noch heute zu ersehen, ganz besonders fest. 1484 wird er der „Zwinger am Judenkirchhofe" genannt. Seine Besätzung für den Kriegsfall schwankte zwischen 4 und 7 Mann. Die Ausrüstung bestand aus einer eisernen Steinbüchse mit drei Kammern, einer kupfernen Steinbüchse, einer Tarrasbüchse sowie 3 Hackenbüchsen. Im Jahre 1540 hatte der Judenturm 2 Stein- und 6 Hackenbüchsen, die von 6 Mann bedient wurden. Der Rühmen mit seinen Umgebungen ist also ein in unserer Stadtgeschichte ganz besonders hervorragender Punkt. M, Wochen-(Lhronik. Bürgerliche Verhältnisse. . *fr. Die antisemitischen Radaugesellen im niederösterreichischen Landtag haben neulich wieder die üblichen Skandalszenen aufgeführt. Anläßlich des Antrages gegen die Erhöhung der Verpflegungsgebühr in den Wiener Spitälern sagte der Antisemit Gregorig u. a.: „Wir hoffen, daß einmal die Judengüter von Staatswegen eingezogen werden. Die Wiener Universität ist heute ein an einem Nothnagel hängendes Mauscholeum." (Alter „Witz!" Red.) Der Rektor der Wiener Universität, Professor Müller, ein katholischer Priester, wies die Angriffe des Vorredners aus die Universität sowie die antisemitischen Auslassungen sehr scharf zurück und berief sich aus das Urteil Dantes und des Thomas von Aquino über die Juden. Wenn er auch als Lehrer Spinoza bekämpfe, so neige er sich doch vor diesem großen Geiste und diesem edlen Menschen. Den Mathematiker Jacobi könne man nicht aus der Geschichte der Wissenschaft streichen, blos weil er Jude sei Die Antisemiten begleiteten die Rede mit höhnischen Zurufen, Schneider rief: „Der wird Ehrenrabbiner". Lueger erwiderte, der Rektor schließe die Augen vor den Zuständen an der Wiener Universität; an der medizinischen Fakultät seien über die Hälfte der Studenten Juden, und es herrsche ein Kliquenwesen, daß Christen gar nicht auskommen können. Müller: „Beweisen Sie es!" Lueger: „Traurig, wenn ein Rektor sich zum Verteidiger des Judentums aufwirft und ein katholischer Priester den Beifall der Judenliberalen sucht!" Die Antiseniiten brachen in einen Beifallssturm aus, in den auch die Gallerien einstimmten. Der Landmarschall rief den Antisemiten zu: „Benehmen Sie sich anständig!" woraus langanhaltender Tumult folgte. Man hörte Pfuirufe und Schimpfworte. Schließlich erhielt Lueger einen Ordnungsuf. *g. Auswanderung aus Rußland. Aus Wilna wird uns geschrieben: Die Auswanderung von Juden aus den litthauischen Gouvernements dauert unaufhaltsam fort. Dieselben rekrutieren sich fast ausschließlich aus den ärmeren Klassen und gehen, von dem Konnte des Barons Hirsch unterstützt, nach Argentinien. Der Baron hat in diesem Lande einen Ingenieur namens Lapin angestellt, der zugleich ein tüchtiger Landwirt ist und sich mit der Organisation jüdischer Kolonien und der Unterweisung der eingewanderten Juden in der Landwirtschaft befassen soll. Derselbe bezieht von dem Baron Hirsch ein Jahresgehalt von 25.000 Francs. In diesen Tagen sind ungefähr 120 jüdische Familien aus dem Gouvernement Grodno über Libau an Bord gegangen, um jenseits des Ozeans ihr Glück zu suchen. Im April füllen sich zahlreiche Partien auf den Weg nach Amerika begeben. * Das Organ des russischen Kriegsministeriums „Rußki Invalid", hat vor kurzem das endgiltige Ergebnis der am 30. September 1894 geschlossenen Rekrutierungs-Arbeiten publiziert. Man ersieht daraus, daß von 734 342 jungen Leuten, welche für die Assentierung ausgelost waren, sich 573935 Christen, 40 994 Juden, 24113 Muhamedaner und 1 047 Heiden befinden. Dre Zahl der ausgehobenen Rekruten betrug 257 674, darunter 16 216 Juden. Bei der Aufrufung fehlten 750 Christen, 2 894 Juden, 588 Muhamedaner und 94 Heiden. Die Zahl der aus irgend einem gesetzlichen Grunde vom Dienst befreiten Rekruten beträgt 8,5 pCt. für die Heiden, 5,7 pCt. für die Muhamedaner, 3,6 pCt. für die Christen. Unter Hinweis auf diese Ziffern stimmen nun die Antiseniiten ihr altes Lied an, daß die Juden sich mit allen Mitteln vom Militärdienst frei zu machen suchen. Wenn man indessen obige Zahlen näher untersucht, findet man: 1. daß das Verhältnis der zur Rekrutierung einberufenen Juden 2,58 pCt. der gesamten Einberufenen beträgt, wogegen die Juden kaum 4 pCt. der Gesamtbevölkerung des Reiches ausmachen; 2. daß die Zahl der inkorporierten 6,3 pCt. beträgt, anstatt 4 pCt.; 3. daß die Zahl derjenigen Juden, denen der Militärdienst erlaffen wird, eine geringere ist, als bei den Rekruten anderer Konseslionen. Dies dürfte wohl in den Augen jedes Unbefangenen eine ausreichende Antwort auf die gegen unsere Glaubensgenossen erhobenen Vorwürfe sein. Indessen bleibt das enorme Verhätnis der beim Appell fehlenden jüdischen Jünglinge (2 894 bei einer Gesamtzahl von 4 326) immerhin auffallend, aber die Erklärung ist schon hundertmal gegeben worden: jene angeblichen „Defizite" sind thatsächlich fiktive, d. h. in Wirklichkeit gar nicht vorhanden, sonder durch die leichtfertige Führung der jüdischen Matrikel-Listen entstanden, in denen Leute figurierten, welche längst gestorben, verzogen oder ausgewandert sind, aber trotzdem in den Listen stehen blieben. Es wäre darum an der Zeit, die früher vergebens unternomntenen Versuche wieder aufzunehmen, auf .1