Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 2 (11.1.1895)
- Date
- 1895-01-11
- Page
- Seite 25 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 2. JescHurun. Seite 25. der Name Nikolay Pirogofs, erster Chirurg in Moskau und nachmaliger Professor in St. Petersburg. Die Zeitungen brachten in ihren Spalten langatnüge Artikel über die unglaublichsten Operationen, die er aussührte, und setzten mit ihren Berichten alle Welt in Erstaunen. Waren auch die ihm nacherzählten Wunder zum Teil übertrieben, so verdiente seine außerordentliche Geschicklichkeit auf diesem noch so neuen Gebiete wirklich alles Lob, und man hatte es hier in der That mit einer phänomenalen Erscheinung zu thun. Pirogoff galt in Rußland als der größte Anatom seiner Zeit und als der Erfinder einer neuen Methode, mittels welcher er jedes Defekt des menschlichen Körpers: Hände, Füße und auch Nasen künstlich ersetzen konnte. Der Ruf dieses großen Chirurgen kam auch zu Ohren Pan Kochanskis, und er sah darin einen Wink des Schicksals, bei dem genialen Operateur - in seiner Bedrängnis Hilfe zu suchen. Es fiel wie ein; plötzlicher Lichtstrahl in sein betrübtes Gemüt und zeigte ihm 4 den Weg, den er einschlagen mußte, um sich von seinem Leid j für immer zu befreien. Er folgerte recht logisch, daß es für einen Pirogofs, dem es vortrefflich gelang, ganz neue Rasen herzustellen, ein Leichtes sein müßte, eine vorhandene und sogar^ stark entwickelte Nase ein wenig umzumodeln. Der Wunsch, der der Vater des Gedankens ist, leitete ihn auf diese Idee und wiegte ihn in der Hoffnung eines glücklichen Ausganges. 'Sein Entschluß stand daher auch fest: hier wollte er ein für allemal sein Heil versuchen, und er schreckte 1 uur^ noch vor den bedeutenden Kosten zurück, die die weite Reise nach Moskau erforderte. Ein polnischer Schlachziz t' kann, ob er reich oder auch arm ist, eben nicht wie der erste > beste Kaufmann reisen; er muß Extrapost oder Bahn erster ßlaffe nöhmen und mit dem Gelde überall um sich werfen. | ihm aber ein an sich unglücklicher Zufall unerwartet f ju Hilfe. Ein reicher Kniaz (Fürst) in Wolhynien, dessen i Ostt nur eine Tagereise von dem finnigen entfernt lag, war % auf der Jagd durch einen Sturz vom Pferde verunglückt, L und es hieß, daß Pirogoff zu ihni berufen wurde. Das war r ja oie beste Gelegenheit, aus billige Weise zu diesen! Manne W gelangen und die durfte er sich nicht entschlüpfen lassen. V soar es aber auch darum zu thun, jedes Aussehen zu T vermeiden, und er forschte daher im stillen nach, um zu er- 'v C1I' an welchem Tage der große Chirurge in jenem Orte 7A emtreffen sollte. Das gelang ihm aber nicht, denn man F am Fürstenhofe absichtlich ein Geheimnis daraus zu machen, wahrscheinlich, damit man es verhindere, daß Pirogoff, % bcm em so großer Ruf voraneilte, von aller Welt überlaufen % löcioc. Pan Kochanski, überaus glücklich über die Möglichkeit, l.n. kurzem sein Ziel zu erreichen, hielt es unter allen Um- | standen für zweckmäßig, auf der Stelle nach X. auszu- M und sich in der Nähe des Hofes einzuquartieren, um M gleich auf dem Posten zu sein, sobald der ersehnte Besuch aus Moskau, sein rettender Engel, eintreffen würde. Daß ‘ ™an einem Pan Kochanski eine Ausnahme machen und Ä ^^§Eüt gewähren wird, daran zweifelte er nicht. Also: £ gedacht, gethan, und eines schönen Morgens, kaum daß der Tag zu grauen begann, wurde der beste „Tarantas" und die feurigsten Rosse aus dem Stalle gezogen und, dank einiger sehr kräftigen Züge, die Stepanko, der Kutscher, aus einer großen Schnapsflasche that, ging es mit rasender Schnelligkeit nach X-, das noch in derselben flacht erreicht wurde. R Dieser Ort, ein richtiges ruffisches Nest, besaß mehrere schmutzige, für Bauern und Volk bestimmte. Einkehrhäuser, und nur ein einziges, von einem Juden gehalten, hatte ein gewisses vornehmes Aussehen, welches beim auch von den Reisenden der besseren Klasse benutzt wurde. Natürlich gedachte Pan Kochanski, in diesem sein Absteigequartier zu nehmen. Die Fahrt ging vortrefflich vonstatten, nach langer Zeit fühlte sich unser Held wieder in guter Laune, was sich zum Teil auch davon herschrieb, daß man auf der Reise, wie üblich, vor vielen Wirtshäusern Halt machte, und Herr und Knecht überall den ausgeschenkten Getränken nach Gebühr die Ehre erwiesen. Während des Rüttelns und Schüttelns auf den ungeebneten, holprigen Wegen, kan: Pan Kochanski auch auf einen guten Einfall, von dem er sich einen köstlichen Spaß versprach. Wie jeder polnische Edelmann, der viel Verkehr mit Juden hat, war er in ihren Sitten und Gebräuchen recht bewandert und liebte es zuweilen ihre Sprache, die er völlig beherrschte, nachzuahmen. Spielen wir einmal den Juden, sprach er zu sich, noch habe ich ja leider. meine unglückliche Physiognomie, so wollen nur denn probieren, roie' wir uns in dieser Rolle ausnehmen werden. Wer weiß, wie lange es mir bestimmt ist, in diesem langweiligen Neste, in dem ich niemand kenne, zuzubringen und die Aussichten auf ein förmliches Einsiedlerleben, ohne Pharao, oder sonstiges jeu, sind wahrlich nicht sehr verlockend. Vielleicht bringt mir diese Verstellung im Hause eines Juden einen angenehmen Zeitvertreib. Und Kochanski beschloß, sich den Namen Meyerowicz beizulegen und sich als jüdischer Kaufmann aus Warschau bei seinem Wirte einzusühren. Er spann den schönen Plan in seinem Gehirn noch weiter aus und lachte über seinen eignen drolligen Einfall so hell auf, daß Stepanko, - der Leibkutscher, sich von seinem Sitze umwandte und ihn verwundert ansab. — Volle virzehn Tage sind verflossen, seitdem unser Held in bester Stimmung in D. eintraf. Er hatte sich richtig im „Warschauer Hof" — diesen Namen führte das erwähnte Einkehrhaus — einquartiert und dem Wirte, Reb Mordachaj Jurborg, in seiner angenommenen Rolle vorgestellt. Die Verstellung gelang ihm meisterhaft und gewährte ihm die Genugthuung, sich von seinem Gastgeber ohne Argwohn als Glaubensgenossen betrachtet zu sehen. Er machte sich kein Gewissen daraus, harmlose Leute hinters Licht zu führen und freute sich auf den gelungenen Streich, den er ausgeheckt und aus die mutmaßlichen Begegnisse, die sich daran knüpfen würden, die er später, gehörig ausgeputzt, zu Hause bei einer schäumenden^ Bowle zum Besten zu geben gedachte. Ein gelungener Kerl, ein famoser Spaßvogel, dieser Kochansky! hörte er schon im Geiste die ganze Tischrunde, alle die «Iris und ckis wie aus einem Munde ausrufen. — Unterdessen erkundigte er sich täglich im Schlosse, wie es mit dem Besuche ^Pirogoff's stehe. Wer aber sobald nicht kam, war dieser. Es geht mit dem Messias wie mit allem, was man herbeiwünscht, es läßt inuner auf sich warten. Inzwischen versuchte er, nun die Zeit nützlich auszufüllen, als richtiger Ton Juan mit einer hübschen Kammerzofe des Kniaz eine Liebelei anzuknüpfen, die jedoch keinen Erfolg hatte und seiner Eitelkeit einen kleinen Schlag versetzte. Darüber tröstete er sich aber jetzt leichter; konnte doch noch immer seine Nase für die Niederlage verantwortlich gemacht werden, und diesem Nebel sollte ja höchst wahrscheinlich bald abgeholfen werden. Bessere Aussichten aus ein galantes Abenteuer schienen sich ihm aber im Gasthose selber, wo er einen Magnet von noch größerer Anziehungskraft entdeckte, zu eröffnen. Reb