Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1895-01-11 · 2 (11.1.1895) · p. Seite 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
Seite 24 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9610650-9609614-9609641--293-9609649
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 24. 5«fc$urutt. Nr. 5. Buch aus einer Strafe in die andere getragen hatte. Fast ebensogroß wie die jüdische, war die christliche Ausschließlichkeit und es waren die Vorurteile gegen die Juden stärker, als der Wille des (übrigens thatsächlich selbst gegen die Juden intoleranten) Königs, der erklärt hatte: „In meinem Lande kann jeder nach seiner Fa^on selig werden." — „In diesem sogenannten Lande der Toleranz," schrieb Mendelssohn damals, „lebe ich der Toleranz wegen abgeschlosien, und wage es nur, dann und wann abends, einen Spaziergang zu machen. „Papa," ruft die liebe Unschuld, „was schreien uns denn diese Gassenjungen nach? Warum werfen sie uns mit Steinen? Was haben wir ihnen denn gethan? — Ja, lieber^ Papa, sagt ein anderes der Kinder, sie lausen uns in den Straßen nach und schimpfen: Jud', Jud'! Ist es denn eine so große Schande, Jude zu sein? — Ach, ich schlage die Augen nieder und seufze in mir selbst: Menschen, Menschen, wohin ist es doch mit Euch gekommen?" Wir haben es hier nicht mit Mendelssohns philosophischpopulären Schriften zu thun, welche den englischen Deismus zur vorherrschenden Religion aller Gebildeten in Deutschland machten und nickt mit seinem Jerusalem, diesem ersten Programm einer Trennung zwischen Staat und Kirche, bas der große Kant freudig begrüßte als „den Vorläufer einer großen Reform, oer sich langsam entwickeln, aber alle Religionen umfassen würde." Rur die gesellige Stellung, der persönliche Einfluß des jüdischen Philosophen soll nns hier beschäftigen. Bernard, der Inhaber einer großen Seidensabrik, hatte Mendelssohn als Lehrer seiner Kinder schätzen gelernt und ihn als Assoeie in sein Geschäft ausgenommen. Mendelssohn hatte sich verbeiratet und war von einer Familie umgeben, die ihn anbeiete. In immer noch sehr bescheidenen Verhältnissen, öffnete er sein einfaches, aber gastfreies Haus den „Lichtfteunden" und der Verfasser des „Sebaldus Nothantier", Nicolai, der vom Buchhändler zum Schriftsteller geworden war, den Göthe in der „Walpurgisnacht" unter dem Titel „Proctophantasniff" abkonterseit und damit unsterblich gemacht hat, blieb nicht lange der einzige Ehrist, der das Haus besuchte und der im Besitze großen Reichtums, bald die Gastfreiheit der Juden nachahmte und von Zeit zu Zeit die Gelehrten bei sich empffng. In Mendelssohns Haufe ging es nach altväterlich jüdischpatriarchalischer Weise her. Die jüdischen Speisegesetze und der Sabbat wurden aufs strengste beobachtet und seine Frau trug das Sammetband um die Stirne, welche die Haare der jüdischen Gattinnen unsichtbar machen soll; seine Tochter Dorothea verheiratete er nach damaliger jüdischer Sitte mit sechszehn Jahren und ohne sie zu befragen. Der vortreffliche Mann ahnte nicht, daß Dorothea und ihre Schwester Henriette, beide höckst geistreich, aber träumerisch und exaltiert seine Erziehungsgrundsätze nicht rechtfertigend, dereinst fromme und andächtige Katholikinnen werden würden. Mehr und mehr, namentlich jüdische Häuser, ahmten dem Philosophen nach. Die christlichen Orthodoxen, die damals noch unumschränkt herrschen und die modernen Ideen ebenso wie gesellschaftliche Vereine, Putz, Theater und alle Weltsreude verdammten, waren wütend über die gemischte Gesellschaft in der Juden Häuser und hätten gerne den Juden und ihren Töchtern jeden christlichen Umgang nit der Strenge des Gesetzes verboten, wenn es nur gegangen wäre. Anders dackten freilich die jüdischen Frauen, die, um 1770 geboren, aus Mendelssohn's geistigen Eroberungen bereits 'Nutzen gezogen hatten. Sie liebten die Lektüre, und die englischen Romane waren ihr Entzücken. Auch Französisch hatten sie gelernt, und mit wem sollten sie es sprechen, wenn nicht mit den jungen Adeligen, die aus Paris zurückkamen? „Alle Elegants und junge Gelehrten, schreibt Schleiermacher 1798 an seine Schwestern, welche gute Gesellschaft suchen, ohne sich zu großen Zwang anzuthun, lassen sich in diese großen jüdischen Häuser einführen, wo man alle Männer von Talent ausnimmt". Unter diesen jüdischen Salons zeichnete sich durch seinen Luxus und seine Eleganz der des Banquier Cohen aus; man spielte französisches Theater, und die in der französischen Litteratur eine Stelle einnehmende Frau v. Genlis machte sich dort einen ^tarnen als Schauspielerin. „Was wollt Ihr", sagte die geistreiche Französin zu den Bewunderern ihres nicht geahnten Talents, „ich habe ja mein ganzes Leben Komödie gespielt". — Doch war es das Haus des Geheimrats Ephraim, wo die adligen Offiziere und die Gelehrten sich am liebsten versammelten. Einer der häufigsten Besucher, jener Leuchsenring — der Pater Brey Göthe's, der ihm und seiner mysteriösen Kassette eine Stelle in „Dichtung und Wahrheit" (Buch XIII) widmete — und der die Tochter des alten Israeliten gerne geheiratet Hütte. Als dies fehlschlug, ging der deutsche Eagliostro, Mystiker, Charlatan und Abenteurer zugleich, nach Paris, begleitet von einer ändern Israelitin, Fräulein Bielefeld, die ihm und sich selbst, durch eine seltsame Abwechselung zwischen Liebe und Haß, eine lange Hölle bereitete. Adele Cohen, von Leuchsenring befreit, heiratete kurz daraus einen vornehmen preußischen Adligen. Sie war nicht die einzige ihrer Glaubensgenossinnen, die eine glänzende Heirat machte und wurde bald verdunkelt durch die beiden Töchter des Banquier Meyer, dessen Haus an Reichtum und Fröhlichkeit mit dem Eohen's und Ephraim's wetteiferte. Beiden Töchtern, schön, liebenswürdig, unterrichtet, war von früher Jugend eifrig der Hof gemacht worden; Lessing und Harden sollen es versucht haben, der älteren, Sara (geboren 1760), zu gefallen; Göthe fand sie reizend, obgleich böse Zungen ihr nachsagten, daß sie wenig Geist besitze, und stand in lebhaftem Briefwechsel mit ihr; Frau v. Genlis betete sie an und der alte Fürst Ligne, dieser Typus eines philosophischen Edelmannes des 18. Jahrhunderts, mar rein in sie verliebt. Rach einer kurzen, sehr kurzen Konventionsheirat ließ sich Sara lausen, kehrte wieder zum Judentum zurück; heiratete zuletzt Herrn v. Grottniß, einen lievländischen Edelmann, und bald bildete ihr Haus eines der glänzendsten in Berlin. Von gutem, ja vortrefflichem Herzen, besaß sie eine sehr hervorstechende, obgleich unschuldige Koketterie, und nach dem Zeugnisse Rahels (von Varnhagen) eine fast bis zur Narrheit gehende Eitelkeit. (Fortsetzung folgt.) Feuilleton. (finr jüdische Mr. Humoreske von 3. N. Margulie s. (Fortsetzung). Um dieselbe Zeit, wo unsere Erzählung angelangt ist, tauchte in Rußland am Himmel der chirurgischen Welt ein großer Stern aus und machte viel von sich reden. Es war

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.