Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 2 (11.1.1895)
- Date
- 1895-01-11
- Page
- Seite 22 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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.4 Seite 22. JefcHurun. Nr. 2. 5. das Recht der Beschwerde in Betreff der Amtsführung des Oberrats, insbesondere auch bei seiner Aufsicht über die unteren Behörden, die Beamten und des Kirchengut; 6. die Bewilligung der Ausgaben für die allgemeinen kirchlichen Bedürfniffe und der zu deren Deckung nötigen Mitttel, insbesondere der zu erhebenden allgemeinen Kirchensteuer, nach den Vorlagen des Oberrats. 8.m Die von der L-ynode beschloffenen kirchlichen Setzungen (Verordnungen, Vorschriften) erfordern den Beitritt des Oberrats. § 22. Vor dem Schluffe der Synode wird ein aus vier Mitgliedern derselben bestehender Synodalausschuß gebildet. 8 23. Die Mitglieder des Synodalausschuffes nehmen an den Beratungen und Entschließungen des OberratS teil: 1. über Errichtung oder Auflösung von Gemeinden; 2. über Besetzung von Stellen im Oberrat (Administrations- und Religionskonferenz) mit Ausnahme der Stelle des präsidierenden Ministerialkommiffärs; 3. über Entlassung von kirchlichen Beamten und Entziehung der Befähigung zum Rabbineramte; 4. über Angelegenheiten, für welche durch künftige Verordnungen die Mitwirkung des Synodenausschusses erfordet wird. Im Monat Februar d. I. findet die Wahl der weltlichen Abgeordneten zur Synode statt. Sie wird voraussichtlich noch im gleichen Monat zum ersten Male einberufen werden und sofort sehr reichlichen und wichtigen Beratungsstoff vorfinden. Unter anderem bezweckt eine Vorlage das Großh. Oberrats eine erhebliche Bessergestaltung der Gehaltsverhäitniffe gering besoldeter Religionsschullehrer. Ein ausführlicher Entwurf hierüber wird der Synode zur Beratung zugehen. — Mit aufrichtiger Freude begrüßt man die erste Einberufung der Synode; wünschen wir, daß sie nicht nur für die Gemeinden, sondern auch für die Lehrer der Beginn einer neuen Aera werde. Dr. Adolf Itllinel!. Gedenkblatt zum ersten JahrzeitStage. Von Dr. Julius David, Preßburg*). I. Am 20. Tebeth ist ein Jahr um, daß ein großer Geist seiner leiblichen Hülle entflohen, die erste jüdische Gemeinde der österr. Monarchie in große Trauer versetzt worden, daß Dr. Adolf Jellinek gestorben ist. Dieser Tag, der, um mit dem Talmud zu sprechen, auf dem Judentume unserer Zeit so schwer und betrübend lastete, „als wäre die Sonne am Mittage untergegangen", kann und darf nicht erinnerungslos an uns vorüberziehen, soll das jüdische Volk nicht der Pietätlosigkeit gegen seine Größen geziehen werden, und soll es nicht heißen: Tr. Jellinek ist schon vergessen. Da nun nach seinem Tode naturgemäß mehr die Stimme der Klage, der Trauer und des herben Verlustes zu Worte kam, als die umfassende Würdigung des glänzenden Geistes und feiner *) AuS bet „Neuzeit". vielseitigen Schöpfungen und Leistungen, ich sage, da unmittelbar nach seinem Ableben in jüdischen Blättern zumeist nur laut aufschreiende Klagetöne sich Gehör verschaffen konnten, so will ich es heute, da die Zeit das Schmerzgefühl bereits ein wenig zurückgcdrängt hat, versuchen, hier etwas ausführlicher, wenn auch nur in allgemeinen Zügen, von der weiten und breiten geistigen Thätigkeit des Entschlafenen zu sprechen, obgleich es jeder bekennen muß, daß schon das, was von den ehrwürdigen Oberrabbincrn und Predigern Wien's an der Bahre und auf der Kanzel über ihn gesagt wurde, einen wahrhaft tiefsinnigen Blick in die Eigenart und geistige Werkstätte Jellinek's bekundet, und sie soviel Rühmendes und Anerkennendes vorbrachten, als nur Zeit, Ort und Umstände erlaubten. Es ist schwer, ja unmöglich das Können und Wollen, Leben und Schaffen, Wirken und Lehren des unvergeßlichen Meisters Dr. Adolf Jellinek in wenigen kurzen Artikeln, wie sie dem Rahmen einer Wochenschrift angemessen sind, entsprechend darzustellen. Denn weit ausgedehnt waren die Grenzen der Gedankenwelt, die er mit seinem klaren Auge überschaute, mit seinem lichten Geiste siegreich beherrschte; unübersehbar war der Boden, den er mit seinem geistigen Pfluge bearbeitete und dem er die vorzüglichsten Früchte entlockte. Wie der Freund im Hoheliede der schmachtenden Freundin als „Eschkol ha-Kofer“, als reichkörnige Eyperntraube erscheint, unter welchem Bilde der Midrasch einen Mann versteht, in welchem alles Wissen, alles Gute., Edle und Schöne zum prächtigen Schmucke sich vereint, so vereinigten sich in Dr. Jellinek die verschiedensten und farbenprächtigsten Geistesstrahlen in einem Brennpunkte und erzeugte jenes große, Helle und hochflammenge Licht, welches unübertroffen für das ganze Judentum leuchtete. Ja, Jach schehakkol bo, Mikra, Mischna, Talmud, Tosifta wa- Agadoth, er mar ein Mann, dem, wie selten einem, kein Zweig des jüdischen Wissens fremd und ferne lag. Er drang mit feinem Scharfsinn tief ein in die Weisheit der biblischen Schriften, durchsegelte wie der kundigste Steuermann das große Meer des Talmuds, besäete sinnig und ersolgreich die weiten Gefilde der Agada mit den köstlichsten und üppigsten Blüten und Blumen, und mit dieser seiner unvergleichlichen Gelehrsamkeit verband er, um bei unserer Midraschstelle zu bleiben, als „Tosifta", als Zugabe, ein seltenes Maß allgemeiner hoher Bidung, die er durch die Kenntnis aller europäischen Kultursprachen immer mehr bereicherte, und deren Schimmer er stets wieder auf das Judentun, auf die jüdische Wissenschaft und auf den jüdischen Geist zurückfallen ließ, zur Ehre seiner Religion und seines Volkes. Glich nun der Heimgegangene so einem feingeschliffenen Edelstein, der, wie immer man ihn wendet, eine Fülle von Glanz ausstrahlt, wer wollte da heraussinden, welche Seite die schönste, glänzendste und blendendste sei? Wer könnte bei dem genialen Geiste, bei dem Reichtume an Seelenkräften und Leistungen des Dr. Jellinek herausheben, welche derselben die rühmens- und bemunderwerteste sei '< Doch möchte ich in einem Nachrufsworte aus talmudischer Zeit alles zusammengcstellt finden, was fein Können und Wesen ausmacht und bezeichnet. Als nämlich Rabbi Elieser Bar Simeon starb, rief ihm fein Zeitalter den Vers aus Schir-Hasehirim nach: Was ist, das da heraufkömmt aus der Wüste, Rauchsäulen gleich, Wohlgeruch von Myrten und Weihrauch, duftender als alle Würze der Kaufherrn? Ja, so deuteten