Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 2 (11.1.1895)
- Date
- 1895-01-11
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- -1 -i-ftr-'-'iirTn-|ii~»nTi"~ir'¥TniW_i I1 r Seite 20. Jeschrrrrrn. Nr. 2. waren es bis zur Zeit des allgemeinen sittlichen Umschwunges der neueren Zeit, welche in Befolgung mit der Muttermilch eiugesogenen Vorurteile den Juden gegenüber in Todfeindschaft sich verhielten und ihnen das elementarste Recht, das selbst dem Verbrecher noch gewährleistet wird, das Recht der Existenz versagten, und es ist ein Wunder, daß diejenigen nicht zum Schandfleck der Menschheit geworden, denen inan das Los der Parias zuerteilt hatte. Und diese Menschen, die nur höchst vereinzelt in jener schrecklichen Lage ihrem Umnute einmal Ausdruck geben, sie sollten jetzt im Hasse gegen ihr Vaterland dahinleben? Wer das behauptet, der soll die Beweise erbringen oder er ist ein schamloser Lügner und sei er zehnmal Professor der Wissenschaften, mit denen er nach der Probe niemals Staat machen kann. — Ebenso unerwiesen ist die zweite Behauptung von der besonderen Moral der Juden, die ihre Quelle in der Lehre vom „auserwählten Volke" haben sott. Diese Lehre ist eine solche nur bei Herrn v. Boenigk und seiner Gesinnungsgenosien vom Kreuze. Als Bibelsatz findet sich der Gedanke allerdings im alten Testamente, das ja vom Christentum adoptiert ist, wodurch das letztere auch ihn für sich reklamierte, wie denn der Satz von der „allein seligmachenden Kirche," der in christlichen Büchern nicht gar so selten ist, unreine Umkleidung des altbiblischen Gedankens bildet. Erfunden jedoch ist der Beisatz, daß das jüdische Volk über alle und alles zu herrschen habe. Eine solche Lehre findet sich in den jüdischen Schriften nicht, wenn auch zugegeben werden kann, daß der Gedanke von der Ausbreitung des Gottesglaubens, mit der „der Ewige als König der ganzen Welt" ideell verbunden erscheint, von Voreingenommenheit oder Bosheit in dem Boenigkschen Sinne ausgedehnt werden kann. Wenn dann ein in antisemitischen Blättern viel ventilierter Satz - des „Jeschurun" als gegen das Christentum gerichtet und als eine erstaunliche Dreistigkeit diesem gegenüber hingestellt wird, so zeugt dies nur davon, wie verrannt man auf jener Seite in dem Gedanken ist, den man jüdifcherseits als dreisten Angriff kennzeichnet. Die „Kreuzztg." hätte klüger gehandelt, den „fast vergessenen" Satz Bruno Bauers nicht wieder auszugraben, nach dem schon „die Existenz des Judentums eine beleidigende Thatsache für das religiöse Auge des Christen sei". Was hätte sie wohl gesagt, wenn ein ähnlicher Gedanke mit der Spitze gegen de^ Christentum gerichtet, von einem Juden geäußert worden wäre? — Dieser Satz beleidigt die Würde und das Ansehen des Christentums in gleicher Weise, denn es unterlegt ihm einen Haß, gegen den wir es glauben in Schutz nehmen zu müssen. Haß und Bosheit sind die Triebfedern der antisemitischen Heldenthaten, denen der Artikel der Krcuzzeitung sich ebenbürtig erweist. Die Moral der Juden ist genau dieselbe, wie die der übrigen Landcsangehörigen. Daß die Juden in Worten und Thaten zeigen, daß sie sich nicht fügen wollen der Moral des christlichen Staates deutscher Ration, ist Unsinn und Verdrehung zugleich. Die Moral hat mit dem Christentum ebensowenig zu thun, wie mit dem Judentum, und wer behauptet, daß die Juden nach einer von den Sitten des Landes abweichenden Weife leben und handeln, der sagt eben die Unwahrheit, ob bewußt oder unbewußt. Was allein mir wollen, das ist, daß man uns unser Recht lasse, als Bürger des Staates, als Kinder des Vaterlandes in Frieden zu leben und daß wir in der Anhänglichkeit an unsrer Konfession denselben Schutz genießen wie die nichtjüdischen Mitbürger, der uns in ausreichendem Maße nicht zuteil wird. Das wird nun wieder als ein dreistes Verlangen hingestellt werden, zumal als wir ja nach einem anderen antisemitischen Blatte überhaupt auch keine Konfession sein sollen. Darüber jedoch in einem späteren Artikel. M. Dir Notlagk unfttrr Kiilluslimnitrii. 1. Wenn es wahr ist, daß Deutschland durch seine allgemein verbreitete Bildung dem russischen Reiche den Vorrang abläust, so nimmt es Wunder, daß die Stellung der russischen Kultusbeamten eine so geachtete und gesicherte ist, wie inan sie in den kleinen und mittleren deutschen Gemeinden kaum findet. Von glaubwürdiger Seite wird nämlich versichert, daß es in den jüdischen Gemeinden Rußlands nicht selten vorkomnit, daß dort der Kantor ein ganzes Leben lang amtiert, vorausgesetzt, daß er sich kein Verbrechen oder eine ehrenrührige Handlung zu Schulden kommen läßt. Anders liegen die Verhältnisse oft bei uns, wo der Kantor meist aus drei Jahre ausgenommen wird. Häufiger Stellenwechsel und zahlreiche Kündigltugen sind in manchen Gemeinden die Folge dieser kurzen AnitSperiode zum Nachteile der Gemeinden und besonders der Kultusbeamten. Lebenslängliche Anstellung beziehungsweise erträgliche Versorgung bei cintretcnder Dienstunsähigkeit des Mannes, der als Kantor, Lehrer rc. oft der einzige, immer der wichtigste Beamte der jüdischen Gemeinde ist, gehören zu den rühmlichen Ausnahmen. — Bekannt sind die Erlebnisse des Kantors in X., der trotz seiner Beliebtheit nach 20 jähriger treuer Arbeit, wegen eines neuen Vorgesetzten seiner Stelle enthoben wurde und sich zum Schutze gegen die äußerste Rot mit einer kleinen, wenig einträglichen Stelle begnügen mußte. Ist ein aus solche Weise Entlassener nicht zu bedauern? — In einer andern Gemeinde fungierte ein Beamter in der Eigenschaft eines Kantors, Lehrers und Schochet zur Zufriedenheit der Gemeindcmitglieder zehn Jahre lang. Ter Betreffende besitzt kein Vermögen, aber eine aus neun Köpfen bestehende Familie. Da wird dem nichts Ahnenden das Amt gekündigt, weil er sich eine unangenehme Aeußerung betreffs des Bruders eines Vorgesetzten zu thun erlaubt hat. Ein junger, lediger Herr hat schon die Stelle des unglücklichen Vorbeters inne. Mittlerweil steht der entlassene Beamte ratlos da. Betteln oder stehlen kann und will er nicht. Wird er endlich zur Probe aus eine Stelle berufen, mangelt's ihm an Reisegeld. Denn er hat während feiner zehnjährigen, arbeitsreichen Dienstzeit nicht einmal so viel ersparen können, um 50 Mark Reisegeld verauslagen zu können. Er ist jedenfalls gezwungen, die erste Stelle, welcher Art sic auch sein mag, die sich eben darbietet, anzunchmen. Sind das gesunde Verhältnisse? Wie steht es da um die Wahrheit des Satzes „B'ne jisroel rachainonim hem“, die Kinder Israels sind barmherzig? — Ein anderer Kantor, Vater von fünf Kindern, wurde nach dreijähriger, treuer Amtsführung mittels eines höflichen, eingeschriebenen Brieses seines Amtes enthoben, der folgenden Wortlaut hatte: „Teilen Ihnen hierdurch ergebenst mit, daß Ihnen heute von dem Vorstande und den Repräsentanten einstimmig gekündigt worden ist". Man stelle sich den Schreck des überraschten Familienvaters vor, der in *