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Jeschurun · 1895-01-11 · 2 (11.1.1895) · p. Seite 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
Seite 19 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2. A e f ch rr rH. Seite 19. Die Sache hat aber noch eine andere Seite: Ist es überhaupt richtig, daß die Juden, wenige Ausnahmen abgerechnet, gar solch großen Schalen durch ihre Religion haben? Wahr ist es, daß die Juden gesellschaftlich zurückgedrängt sind und alle Folgen dieser Zsrückdrängung zu erdulden haben. Das ist doch noch nicht das größte Unglück. Dafür hält man nicht mit Unrecht die Juden für befähigter ihren Weg zu machen; dafür ist es Thatsache, daß die Sterblichkeit unter ihnen eine geringere ist, daß ihr Familienleben geordneter und ihre Familienfreuden — die höchsten, die man auf Erden genießen kann — größere sind. Die Zurückdrängung aus der Gesellschaft hat sie einerseits geweckter, nüchterner und strebsamer, anderseits gemütstiefer und herzlicher gemacht. Der soziale Druck war ein Erziehungsmittel, das vielen guten Eigenschaften förderlich war. Wir wollen dabei gar nicht leugnen, daß die Bedrückung, unter der wir lebten, manch Herrliches und Edles verkümmern ließ, und uns tiefe Spuren eingegraben hat, die zu verwischen großer Anstrengung bedarf. Daran wollen wir es nicht fehlen lassen, und wenn man uns seit nahezu fünfzehn Jahren Hindernisse in den Weg legt, wenn man versucht uns wieder in ein Ghetto zu sperren, wollen wir darob nicht verzweifeln, denn der ganze Antisemitismus ist ja nichts als das letzte Aufbäumen der Reaktion. Es wäre auch gar zu wunderbar gewesen, wenn die seit 48 besiegte Reaktion, die so mächtig war, sich ganz einfach ohne Widerstand ergeben und die Waffen gestreckt hätte. Die Reaktion ist noch heute mächtig, aber der Fortschritt noch mächtiger, und darum ist für die Kultur und Zivilisation keine Gefahr vorhanden. Einige Blüten werden geknickt, einige Pflanzungen werden zerstört, mehr vermag die Reaktion nichts, so lärmend sie sich auch gebärdet. Bis jetzt hat uns der Antisemitismus noch wenig Schaden gethan, er verzögert den Fortschritt, das ist der größte Schaden, den wir von ihm haben. Uebrigens ist auch in der ganzen reaktionären Bewegung mehr Mache als ehrliche Ueberzeugung, denn die Führer der Reaktion sind ja gar nicht reaktionär aus Ueberzeugung, sondern aus Opportunität, und die Minister, die der Reaktion Dienste leisten, thun es nur mit Widerstreben. So herrscht nicht die Reaktion, sondern die Lüge, und die Lüge hat kurze Beine. Vorläufig gefällt es den politischen Wortführern eine fromme Miene scheinheilig anzulegen, aber fromm wird die Welt dadurch nicht. Was wäre das auch für Frömmigkeit, die ihre Begeisterung aus Wirtshausreden holt. Die Welt wird dieser Täuschung und dieses Selbstbetruges müde werden und nach wahrer Frömmigkeit begehren, nach einem Glauben, der den Geist erleuchtet und vorurteilsfrei macht. Dann hört die Reaktion auf, und hoffentlich wird sie dann für immer besiegt sein, wenigstens insofern als sie in Form des Religionshaffes auftritt. Ob wir das erleben werden? Vielleicht, vielleicht auch nicht, aber ein gutes Stück zum ersehnten Ziele haben wir erreicht. Unendlich besser ist es geworden, und die Bewahrung der Treue unendlich leichter. Die Opfer, die wir noch zu bringen haben, werden wir leichten Herzens bringen, um uns und unfern Kindern den guten Namen zn bewahren. Wir werden ruhig ausharren und die Taufe einiger Treulosen oder Schwachen wird uns nicht wankend machen, denn es ist so sicher wie eine mathematische Wahrheit, daß wir allen Haß und alle Feindschaft überdauern werden. Wir stehen an der Seite derer, die für Kultur und Fortschritt kämpfen, und darum ist unser Sieg, d. i. unsere gesellschaftliche Anerkennung unausbleiblich. Mögen auch viele Liberale nur Scheinliberale sein, selbst die liberale Partei ihre hohen Prinzipien feige und unehrlich verkaufen, der Liberalismus selbst ist dadurch nicht tot, nicht einmal scheintot, an Stelle der einen Partei rückt eine neue, die unter anderem Namen die liberalen Prinzipien ehrlich vertritt. Dort wird unser Platz sein, wenn diese Partei auch anfangs nur wenige Vertreter im Parlamente besitzen wird. Das alte M. Man schreibt uns: Die antisemitische Internationale hat auf dem Gebiete der Fälschungen und der in dieses Gebiet einschlagenden Erfindung fast in jedem Jahre besondere Neuheiten aufzuweisen. In dem einen Jahre ist es der Ritualmord, in dem anderen die Verschwörung der Juden gegen die christliche Gesellschaft zur Erzielung eines jüdischen Königtums in Deutschland, im dritten der jüdische Meineid, als dessen Referent Herr Thomas Leuß demnächst mit prachtvollen Illustrationen hervortreten wird, und endlich der jüdische Wucherer, neben dem seine antisemitischen Kollegen vollständig in den Erdboden versinken. Wohl um die durch unliebsame Vorgänge der letzten Zeit etwas in Mißkredit geratenen Aktien der Gesellschaft wieder höher zu bringen, tritt die letztere jetzt mit zwei Patentlügen auf den Weltmarkt, nämlich einmal mit der Behauptung, die Juden besitzen eine der deutschen entgegengesetzte Moral und zweitens, das Judentum ist keine Konfession. Die Kreuzzeitung ist es, welche die erste Patent- Erfindung mit ihrem Segen in die Welt hinaus schickt, indem sie eine Schrift des Professors der Staatswissenschaften, Freiherrn von B oenigk, einer längeren Besprechung unterzieht und ihren eignen Senf dazuzuthun nicht vergißt. Der vorgenannte Freiherr soll die Frage erörtert haben, was der deutsche Staat und die deutsche Gesellschaft inbezug auf Religion von den Juden zu verlangen haben. „Sollen sie ihre alten feindlichen (!) Ideen weiter bergen dürfen, sollen sie zum Christentum übertreten?" Frhr. v. Boenigk verlangt von den Juden, nach der „Krz-Ztg.", nicht den Uebertritt zum Christentum. Nur muß nach seiner Ansicht die dem fremden Glauben entsprechende Moral der allgemeinen in Deutschland herrschenden konform, und darf ihr nicht entgegengesetzt sein. Entgegengesetzt sei aber die Lehre vom „auserwählten Volke," welches über alle und alles zu herrschen berufen sei. Diese Lehre sei von der jüdischen Religion aufzugeben, oder es müssen d^e einsichtigen Juden nach der Meinung des Frhrn. dem jüdischen Glauben entsagen. Frhr. v. Boenigk findet, daß solche Bewegung bereits in lebhaftem Gange sei und verweist auf das Reform-Judentum. Die Krz-Ztg. läßt sich zu dem letzten Satze wie folgt aus: „Ob die Moral des letzteren bereits mit der christlich-deutschen Moral völlig im Einklänge steht, muß füglich bezweifelt werden. Thatsache ist, daß verbreitete jüdische Fachblätter gerade in letzter Zeit sich wieder erstaunlich dreiste Aeußerungen über das Christentum sich erlaubt haben." Und nun muß natürlich der „Jeschurun" herhalten. Ahnt der geneigte Leser, wieviel Unwahrheit, Haß und Bosheit hier in einem einzigen Gedanken zusammen, gedrängt liegen? Seit wann denn leben die Juden in alten feindlichen Ideen? Ist der Schatten eines Beweises für diese unerhört dreiste Behauptung erbracht worden? Christen

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