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Jeschurun · 1895-01-11 · 2 (11.1.1895) · p. Seite 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
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Sette 18. JefrHurrin. Nr. 2. Regel auch aller tieferen Bildung bar sind, und das was ihnen nicht einmal unbequem ist, nur unbequem scheint, abwersen zu können vermeinen, wie man ein unbequemes Kleidungsstück abwirst, sei kein Wort verloren. Das sind die feigen, niedrig gesinnten Ueberläufer, um die wirklich nicht schade ist, welke Blätter, die absallen. So lange sie Juden waren, und als Juden das große Wort führen wollten, brachten sic uns Schande, denn nur sie zogen uns den Vorwurf der Arroganz und der Vordringlichkeit zu. Eine solche Sippe arroganter Burschen soll sich in Wien an der Universität znsammengesunden haben. Sie gründeten eine Burschenschaft, und weil sie keine geborene Christen in ihre Mitte bekommen konnten, durchaus aber Christen haben wollten, ließen sie sich taufen. Vereinzelt trifft man solche Juden auch außerhalb der Universität, sie nennen und gerieten sich als Antisemiten, doch die Antisemiten kommen ihnen bei weitem nicht an Arroganz gleich. Das Taufwasi'er schwemmt sie endlich vom Judentum hinweg, und wir bedauern nur, daß es nicht schon früher geschehen ist, denn sie sind uns nur hinderlich. Zehn brave Juden können oft nicht gut machen, was einer dieser Art verdirbt. Leugnen läßt es sich jedoch nicht, daß oft auch Juden die Taufe annehmen, die uns zur Ehre hätten gereichen können. Sie besitzen vielleicht alle Tugenden, nur nicht Mut und Stärke. Sie erscheinen mir wie die Gefallenen im Kampfe, denn wir haben einen großen Kampf zu führen, den Kampf um die volle Anerkennung, und jeder Kampf kostet Opfer, die Täuflinge - das sind unsere Opfer. Je schwächer an Charakter ein Mann ist, desto leichter unterliegt er. Die Waffe, die ihn niederstreckt, ist zumeist der Ehrgeiz. Ach, diese Gefallenen wollen wir nicht schmähen, sie haben ja mit ihrem Gewissen in stiller Stunde heiß gerungen und sind — unterlegen. Ich habe Mitleid mit ihnen, denn was sie auch im Leben erlangen können, die Freude darüber ist keine ungetrübte, die schwache Stunde, in der sie unterlegen sind, wirft einen düstern Schatten über ihr ganzes zukünftiges Leben. Allen menschlichen Begriffen von Moral und Ehre widerspricht es eben, die Fahne während des Kampfes zu verlassen. Da das Judentum mitten im Kampfe steht, noch dazu der numerisch Schwächere ist, so daß einer gegen hundert zu kämpfen hat, verlangen Moral und Ehre, daß man der Fahne, der man durch Vorsehung oder Zufall der Geburt zugeteilt ist, treu bleibe. Wir haben uns unsere Religion nicht gewählt, so wenig wie unsere Eltern, aber unsere Treue gehört beiden. Uebcr diese Forderung hilft kein Sophismus hinweg, die Stimme des Gewissens wird sich immer gegen jeden Schlußtrug auflehnen. Man könnte vielleicht einwenden, daß es doch auch Leute geben mag, die aus innerer Ueberzeugung die Taufe annehmen, wahrscheinlicher aber ist es, daß niemand diesen Einwand erheben wird, da wir nicht Gelegenheit haben, eine solche Ueberzeugung auf ihre Wahrheit hin zu prüfen, nur Gott vermag ins Herz zu schauen. Doch selbst angenommen, daß jemand eine solche Ueberzeugung in Wahrheit hätte, sie würde das Verlassen der Glaubensgenossenschaft durchaus nicht rechtfertigen. Wodurch könnte eine solche Ueberzeugung denn entstehen? Doch nur dadurch, daß sich einer sagen würde: meine Religion ist nicht vollkommen, während die andere die Vollkommenheit erreicht hat. Dann aber ist es Pflicht eines Menschen, an der Vervollkommnung seiner Religion zu denken, nach Verhältnis seiner Kraft und in seinem Kreise das Seinige zn thun, damit die Fehler verschwinden, damit auch seine Religion das Ziel erreiche. Aber, wie gesagt, ich glaube nicht, daß ein denkender Jude die Ueberzeugung von der Inferiorität seiner Religion einer andern gegenüber hege, oder auch nur meint, daß das Judentum beute aus einer tiefem Entwicklungsstufe als eine andere Religion stehe. Wir müssen auch die Ansicht jener berücksichtigen, welche ohne Sympathie für irgend eine positive Religion, jeder gleich giltig gegenüberstehen, und den Juden raten, allesamt an einem Tage die Konfession der Mitbürger anzunehmen, mit einem Wort, sie raten die Massentause an. Dann, meinen sie, könnte von einer Untreue gegen die kämpfenden Genossen nicht mehr die Rede sein, und alle Bedrückung und Geringschätzung, die man als Jude zu erleiden bat, würde plötzlich aufbören. Wer diesen Rat giebt, vergißt, daß die Religion den allermeisten Juden innigste und heiligste Herzenssache ist, die man nicht für alle Reichtümer und Herrlichkeiten der Welt ausgiebt, und die man nur umso heißer liebt, je mehr sie angegriffen wird. Aber abgesehen davon, daß die Ausführung dieses Rates wegen seiner Verwerflichkeit und seiner Roheit unmöglich ist, würde den Juden die Massentause nur 'Rachteile und keinen einzigen Vorteil bringen. Das Judentum hat auch ein Kapitel in der Geschichte, das von Massentaufen handelt. Wir wissen, daß in Spanien Massentaufen erzwungen wurden; die Folge dieser Massentaufen war die Inquisition, die gegen die Reuchristen, die Marannen, tausendmal ärger wütete, als gegen die Juden. Etwas Achnliches, wenn auch keine neue Inquisition mit ihren Kerkern, Folterkammern und Scheiterhaufen, käme als Folge neuer Massentaufen noch heute vor. Die getauften Juden wären wieder eine abgeschlossene und von der alten christlichen Gesellschaft ausgeschlossene Masse, die ärger verfolgt würde als die Juden, es bliebe ihnen nichts übrig als auszuwandcrn und in der Fremde wieder das Judentum anzunehmcn. Dabei würde ihnen ein gerechter Vorwurf nicht erspart bleiben. Alan würde, wenn alle Juden oder die Mehrzahl derselben sich taufen ließen, sagen: Sehet nur, welch' niedriggesinntes, idealloses Volk ihr seid, ihr haltet die schönste Religion, ihr wäret Bewahrer des reinsten Gottesglaubens, Fortsetzcr der ruhmvollsten Geschichte und habt dies alles um ein Linsengericht, um irdischer Vorteile willen ausgegeben. Alle eure Märtyrer opferten vergebens ihr Blut, eure gewaltigen Propheten haben umsonst gepredigt, eure Sänger haben umsonst die ergreifenden Lieder angcstimmt, ihr verdient die höchste Verachtung, und sie soll euch zuteil werden, wir wollen mit euch fernerhin keinerlei Gemeinschaft haben. Eine solche Aechtung wäre ärger, als alle Oualen der Inquisition. So ist es augenscheinlich, daß wir uns das Judentum, welches mir uns nicht selbst gegeben haben, auch nicht selbst durch Wasser am Taufbecken abwaschen können. Kraft unserer Geburt, als Kinder jüdischer Eltern, haben wir Pflichten auf Erden zu erfüllen, der Einzelne wie die Gesamtheit, und es kommt garnicht inbetracht, daß der Zufall der Geburt etwas Aeußerliches, nicht unserem freien Willen Entstammendes ist, denn alle unsere Pflichten entstammen solchen Zufälligkeiten, den äußern Verhältnissen. Tie Pflicht ist ein kategorischer Imperativ, dem gegenüber jede dialektische Kunst stumpfe Waffen führt.

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