Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 2 (11.1.1895)
- Date
- 1895-01-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2. 1895. Berlin, den U. Januar. 4. Jahrgang. Herausgeber: A. 4evm, Wertin. sraelitische Wochenschrift. Bezugspreis: viertetjährt. 2 Mk. Erscheint an jedem Areitag. Bezugspreis für das Anstand: Wk. 2,50. Zu beziehen durch die Post unsere Expedition oder den Buchhandel. Redaktion und Vertag: Z»r. Kamöurgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 $Pf., nehmen alle Annoneen-Expeditionen sow^e unser Bureau entgegen. Inhalt: Judentaufen. Von Dr. S. Stern. Das alte Lied. Die Not unsrer Kulturbeamten. 1. Von M. B. Die Synode in Baden. Von B- Kahn. Dr. Adolf Jellinek. I. Von Dr- Julius David. Berliner Juden. Von V. Simon. Eine jüd. Nase. Von S. N. Margulies. Alexander in Judäa. Der Judenturm. Wochenchronik. — Kalender. — Anzeigen. — Iildenlanskn. Von Rabb. Dr- Simon Stern, Saaz. Eine Religionsgenossenschaft, die, wie die jüdische, mit Jahrtausenden rechnet, ist alt genug, um das horazische nil admirari gründlich gelernt zu haben. Sie hat schon so viel erlebt, daß sie kein Ereignis leicht aus dem Gleichmut bringen könnte, und oft ist ihr ein Ereignis, das durch alle Blätter läuft, nicht einmal interessant genug, um besonders hervorgehoben zu werden. Was ist auch daran, daß wieder einmal der Sohn eines reichen, Baron gewordenen Juden, dem Judentum den Rücken gekehrt hat und sich taufen ließ? Das geschah so oft und so häufig, und hat uns mit dem Gedanken längst vertraut gemacht, daß die vielen Millionen regelmäßig zum Abfall führen. Wir wissen es, daß das Geld den Menschen nicht veredelt, daß großer Reichtum korrumpierend wirkt, daß sich nur auserlesene, überaus charaktervolle Menschen inmitten ungezählter Schätze auch den Idealismus bewahren, und daß das Gold immer, selten aber der Idealismus vom Vater aus den Sohn übergeht. Wir sind mit jenem Gliede des Baron Königwarterschen Hauses fertig, dessen Taufe ja nur wegen der Nebenumstände bemerkenswert ist. Zunächst weil sie eine Million kosten soll, sonst pflegt eine Taufe billiger, ja sogar einträglich zu sein, dann auch darum, weil er mehr als eine Million verloren hat, nämlich die Möglichkeit, eine solche Stellung einzunehmen, wie sie sein Vater eingenommen hat. Barone giebt es genug in Oesterreich, Hermann Königswarter ist der letzten einer; reiche Leute giebt es genug auf Erden, und mehr ist Baron Köniswarter auch nicht, sein Vater war aber ein jüdischer, eben wegen seiner Gesetzestreue hochangesehener Baron, auf den die Juden stolz waren. Der Vater, Baron Moriz Königswarter, hat seiner Familie Ruhm und Glanz gebracht; der Sohn, Baron Hermann Königswarter, wird die ererbten Reichtümer genießen, er verzichtete darauf, seinem Leben irgendwelche Bedeutung zu geben, und da man darauf nicht gerne verzichtet, fällt uns sicherlich sein Abfall leichter als ihm. Es ist auch der einzelne Fall ganz belanglos, denn unsere Religion ist weder auf Reichtum noch aus hohe soziale Stellung einzelner Bekenner angewiesen, wir streben die Anerkennung des Judentums und der Juden an, das ist unsere weltgeschichtliche Aufgabe, das von uns ersehnte Ziel. Was nützt es uns, wenn ein Einzelner einen Titel oder einen Orden erlangt; was nützt es uns, wenn ein Einzelner große, Neid erregende Reichtümer sammelt? Neben den wenigen Hofjuden leben die Millionen verachteter Juden, neben den wenigen jüdischen Millionären, die Millionen in den Staub getretener Armen, und selbst den in Sammt und Seide gekleideten, Diners veranstaltenden Börsenbcuonen wird offen und hinterrücks ihr Judentum auch von denen oft fühlbar gemacht, die ihre Salons bevölkern und der Kunst ihrer Köche alle Ehre erweisen. Die jüdischen Millionäre leisten uns in der Regel sehr wenig, sie haben andere Sorgen und Schmerzen als den Ruhm ihrer Religion und die Erhebung ihrer Glaubensgenossen. Nur wenige bildeten, wie Montefiore, Baron Hirsch, einige Rothschilds und selbst noch der verstorbene Baron Königswarter, eine nicht genug zu rühmende Ausnahme. Die andern aber — ein von ihnen veranstaltetes Diner kostet mehr als ihre Opfer auf dein Altar jüdischer Nächstenliebe. Den Ruhm, den die jüdische Wohlthätigkeit erlangt hat, haben nicht die Reichen erworben, Reiche wie Samuel-Ha Nagid und Mordachai Meisel waren in allen Zeiten höchst selten. Wenn ein reicher Jude sich taufen läßt, meinen wir am allerwenigsten dem Gelde eine Thräne nach; wir bedauern mehr den Verlust eines rechtschaffen strebenden Mannes, der als Beamter, oder als Offizier oder als Docent in die Höhe kommen will und den zukünftigen Erfolgen als erstes Opfer sein Gewissen darbringen muß, ein wahres sacrifizio del inteUetto. Ueber jene Leichtfertigen und Uebermütigen die von des Lebens Ernst keine Ahnung besitzen, in der