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Jeschurun · 1895-01-04 · 1 (4.1.1895) · p. Seite 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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M Seite 14. AefcHurun. Nr. 1. sämtliche Eltern und Vormünder in der Ueberzeugung von der Wichtigkeit und Notwendigkeit eines geordneten regelmäßigen Religionsunterrichtes ihre Binder und Pflegebefohlenen zum ordnungsmäßigen Besuche des Religionsunterrichtes aus eigenem Antriebe anhielten, so kann es doch den gesetzlichen Bestimmungen gegenüber schlechterdings nicht ihrer Willkür überlassen bleiben, ob sie die ihnen obliegende Pflicht erfüllen wollen. Vielmehr ist nötigenfalls nach den in der Schulordnung (§ 22) getroffenen Bestimmungen ungesäumt zu verfahren." Dieser Paragraph bestimmt, daß über die nicht gerechtfertigten Schulversäumnisse der Schulvorstand am Ende jedes Monats eine Liste bei der Obrigkeit einzureichen hat, und daß die erkannten Strafgelder der jüdischen Schulkaffe zusallen. *w Der jüngste Chasan der Welt. Wunderkind! — Viclmißbrauchtes Wort für allerlei unzulängliche Frühreife, welche von elterlicher Eitelkeit oder Habgier herangezüchtet wird. Es giebt heutzutage nur Wunderkinder und ein Kind, das keines wäre, das wäre erst das rechte — Wunderkind. Mit all' dem hat der 11jährige Junge nichts zu schaffen, von dem wir jetzt erzählen wollen. Der Korrespondent eines Wiener Blattes hatte Gelegenheit, ihn im privaten Kreise in Wien zu hören, und muß staunend von dem großen, musikalischen Talent berichten, das sich in ihm offenbart. Josef ist das Söhnchen des Chasans Rafael Rosenblatt aus Sadagora und selbst schon ein fertiger Chasan. Aber kein gewöhnlicher, sondern ein außerordentlicher, ein hinreißender Chasan. Sein Gedächtnis ist ftupend, seine musikalische Sicherheit erstaunlich. Er kann heute schon fast alles, was sich in seinem Fache lernen läßt, und vieles, das sich nicht lernen läßt, das angeboren sein muß. In den Wirrgängen der orientalischen Melodik, in ihren weit verzweigten Koloraturen findet er sich ohne je zu schwanken zurecht. Sein Vortrag zeigt nicht eine Spur von Drill, nichts Eingepauktes, nichts Altkluges — Has Bttrschlein singt mit Geschmack, mit eindringendem Verständnis in die heiligen Tertesworte — mit innigstem Gefühle! Wir können uns wohl denken, daß er an hohen Festtagen in weihevollen Momenten eine große Gemeinde bis zu Thränen rühren kann. Seine Stimme hat Kraft und guten Klang, das mezza voce behandelt er in polnischer Art, Kops- und Gaumentöne desgleichen. Sein jüngeres Brüderchen assistiert ihm ganz geschickt und der Vater desgleichen. Wir zweifeln nicht an der großen Zukunft des Knaben, wenn derselbe zum weiteren Studium an- und vom frühzeitigen Broterwerb abgehalten werden kann. * Hier und dort. Eine Abordnung des Arbeiter-Bildungs- Vereins in Worms überreichte Hrn. Lehrer Rothschild ein prächtig ausgeführtes Gedenkblatt in schöner Umrahmung als Zeichen des Dankes sür die dem Verein durch seine wiederholten Vorträge in uneigennützigster Weise geleisteten Dienste. — Man schreibt uns aus Preutz. Ltargard: Hierselbst verschied Dienstag den 25. Dezember nachts nach kurzem Krankenlager im Alter von 73 Zähren Hr. Rabb. Dr. Brann. Um dem verewigten Kollegen die letzte Ehre zu erweisen, waren außer seinem Bruder, dem greisen und ehrwürdigen Hrn. Rabb. Brann-Schneidcmühl, die Herren Rabb-TDr. Grabowski-Könitz, Z anowitz-Dirschau und Pick-Marienburg erschienen. Donnerstag Nachmittag um 5 Uhr fand in der stimmungsvoll geschmückten Synagoge die Trauerfeierlichkeit statt. Nachdem Hr. Kantor R a b b i n o w i c z die entsprechenden Gebete vorgetragen, hielt als intimer Freund des Heimgegangenen Hr. Dr. Grabowski die Trauerrede. Zn beredter Weise entwarf er ein lebenswahres Bild von dem Entschlafenen, der als Seelsorger wie als Mensch durch seine edlen Geistesnnd Herzensgaben und durch seine unermüdliche Pflichttreue eine segensreiche Wirksamkeit entfaltete und so ein ehrendes, unvergeßliches Andenken in allen Kreisen, besonders in seiner Gemeinde, deren religiöser Führer er 32 Jahre lang war, sich gesichert. Hierauf widmete Hr. Rabb. Braun mit thränenerstickter Stimme seinem Heimgegangenen Bruder einige Worte, die alle Herzen auss tiefste erschütterten. Alsdann erfolgte die Ueberführung der Leiche nach dem Bahnhofe, um in Neumarkt (Schlesien), wo die Gattin des Verewigten ruht, beigcsetzt zu werden. — Hr. Dr. Ludwig R o s e n t h a l, bisher Prediger in Spandau, ist zum Rabb. an der Klaussynagoge in Mannheim ernannt. Hr. Tr. R. ist Schüler des Berliner Rabb.-Seminars. — Hr. Lehrer Grünwald ist von Nenstadt i. Od. nach Langen versetzt. — In Ratibor und in Stolp sind Litteratur-Vereine begründet worden. — In den beiden Strafanstalten des Großherzogtums Hessen, Marienschloß «nd Zellengefängnis Butzbach, befinden sich zusammen 500 Sträflinge, darunter 7 Juden, unter ihnen aber kein einziger wegen Meineides. Nun bilden die Juden des Landes 3W>/o der Einwohnerschaft. Nach diesem ziemlich genauen Prozentsatz dürften es noch einmal so viel jüdische Sträflinge sein. Und dieses günstige Prozentverhältnis besteht schon seit sehr, sehr lange! — Die „Israelitische Wochenschrift" in Magdeburg hat zu erscheinen aufgehört. — Man schreibt uns aus Bendorf a. R. Bei dem gestrigen Neujahrs- Anschießen setzte sich ein (antisemitischer) (V) Held unser Gotteshaus zum Ziele- Kurz vor zwölf Uhr ertönte ein, wahrscheinlich von Dynamit herrührendcr „Donner" ähnlicher Schall. Als Leute die Straße, in der die Synagoge liegt, betraten, bemerkten sie, daß an allen vier Frontfenstern eine große Anzahl Scheiben zertrümmert war. Auf die sofort erfolgte Anzeige begab sich der Hr. Bürgermeister nebst dem Synagogen-Vorstand an den Ort der ruchlosen That und stellten den Thatbestand fest. Hoffentlich gelingt es bald, des Thäters habhaft zu werden und ihm die verdiente Strafe zuteil werden zu lassen. — Es giebt Leute, vor denen in ihrer verblendeten Wut auch Heiligtümer vor Attentaten nicht sicher sind. Wohin soll das noch führend! — Man schreibt uns aus der Rheinprovinz: In der nächsten Zeit gedenke ich, Ihnen über die bekannte Regierungsverfügung in Betreff der 6 monatlichen Kündigungsfrist und über die vorher nachzustehende Genehmigung der Regierung näheres zu berichten- Wir haben nämlich aus verschiedenen Orten diesbezüglich Gesuche an die Regierung in Trier gemacht. Heute teile ich nun noch mit, daß, wie ich gehört habe, sich eine Gemeinde (Osann, Kreis Wittlich, Reg. Bez. Trier) vor kurzem zur Annahme obiger Min. - Verf. bequemen mußte, da die Regierung ohne diesen Passus den Vertrag nicht genehmigte. So muß es kommen! — In der Sitzung des östr. Abgeordnetenhauses gelangte der Antrag Dr. Byk, den Juden in Galizien, die den Sabbat feiern, von der nunmehr gesetzlichen Sonntagsheiligung Ausnahme zu gewähren, mit einem Zusatzantrag, dasselbe auch auf die jüdischen Bewohner der Bukowina auszudehnen, mit 95 gegen 34 Stimmen zur Annahme. Auch das Herrenhaus nahm diesen Antrag mit großer Majorität entgegen.. — In dem Berichte, welchen der ungarische Kultus- und Unterrichtsminister über den Stand des Unterrichtswesens während des Schuljahres 1893/94 dem Reichstage vorgelcgt hat, findet sich auf Seite 16 folgender Passus: „Der Pariser Einwohner Baron Moritz von Hirsch hat für kulturelle Zwecke Ungarns, sür dessen Arme und für die durch Elementarschäden betroffenen Einwohner im Wege der Frau David Bischitz den Betrag von 1,500,00 Gulden verwendet." — Ter soeben erschienene Jahresbericht d^r „Jewish Colonisation Association“ für das Jahr 1894 bekundet cin:n erfreulichen Fort-

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