Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 1 (4.1.1895)
- Date
- 1895-01-04
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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3 reite 12. JescHirrrrn. Nr. 1. ren Stabten, welche zugleich als Unterrichtsorte erscheinen, benutzt demnach schon aus diesem zunächst äusterlichen Grunde die gebotene Unterrichtsgelegenheit in hervorragender Weise." — vJiad) den kürzlich erfolgten amtlichen Veröffentlichungen waren bei der letzten Volkszählung in Deutschland unter den fremden Staatsangehörigen 27 000 Juden, und zwar 9807 russische, 8803 österreichische, 1700 ungarische, 1340 holländische, 790 englische, 716 französische, 500 schweizerische und nahezu 1500 nordamerikanische Juden. *t Die g ün st ig e Erledigung des Gesetzes über die Sonntagsruhe im österreichischen Reichsrate hat in allen Schichten der beteiligten Bevölkerung die lebhafteste Befriedigung hervorgerufen. Taufende von Familien sahen mit Bangen dem Ausgange der Beratungen entgegen; nicht zu ermessen ist das Elend, das durch eine etwaige Verschärfung der bisher ohnedies nicht zu leichten Bestimmungen heraufbeschworen worden wäre. Alle Anerkennung gebührt deshalb den wackern jüd. Vertretern im Parlamente, insbesondere den Mitgliedern des. Polenklubs, die mutig und standhaft dort eingetreten sind, wo es sich tun eine Lebensfrage der jüdischen Einwohner Galiziens und der Bukowina handelte. Die jüdischen Volksvertreter haben ihre Pflicht in vollstem Maße erfüllt, und es ist ihnen eine große Anzahl von Glückwünschen zugekommen. Insbesondere war Abgeordneter Dr. B y k bei seiner Rückkehr aus Wien Gegenstand einer herzlichen Ovation. Auf dem Bahnhofe wurde er von Abordnungen der israelitischen Handwerker, zahlreichen Studenten und hervorragenden Persönlichkeiten unter Führung des Landtags- Abgeordneten Dr. Goldmann erwartet, welche ihrem Danke und ihrer Anerkennung für das wirksame Eingreifen Byk's in die Debatte über das Gesetz, betreffend die Sonntagsruhe, entsprechenden Ausdruck gaben. *w Die Million des Baron Königswarter. Baron Hermann Königswarter in Wien ist nebst seinen Angehörigen zum Katholizismus übergetreten, will jedoch die Million Mark an verschiedene WohlthätigkeitSanstälten nicht zahlen. Wie wir schon einmal berichtet, bat der verstorbene Baron Moritz K. testamentarisch bestimmt, daß in dem Falle, daß einer seiner Enkel sich taufen lasten sollte — an die Eventualität, daß einer seiner Söhne dem Judentum untreu werden könnte, hatte der^ Verstorbene offenbar nicht gedacht! — aus dem hinterlafsenen Vermögen eine Million Gulden wohlthätigen Zwecken zugewendet werden soll. Run haben Baron Hermann und sein findiger Advokat einen Ausweg entdeckt, vermittels dessen die letztwillige Anordnung des Baron Moritz umgangen werden könnte. Tie Herren benutzten nämlich den Wortlaut des Testaments, wonach die Million bezahlt werden soll, falls ein Enkel „sich taufen läßt." Dieser nunmehr getaufte Enkel aber ist ein kleines Kind, welches sich, wie der schlaue Advokat in dankbarem Einverständnisse mit seinem Klienten herausgefunden hat, gar nicht taufen lassen konnte, weil es keinen eigenen Willen und kein eigenes Urteil hat, sondern welches fein Vater, Baron Hermann Königswarter, hat taufen lassen, ohne es zu fragen. Der Enkel habe sich also nicht taufen lassen, sondern sei getauft worden, und diese sophistische Auslegung einer ganz klaren und ihrem Geiste nach gar nicht mißzuverstehenden letztwilligen Verfügung jenes Mannes, dem Baron Hermann den mühelosen Erhalt einer ungeheuren Erbschaft zu verdanken hat, soll dazu benutzt werden, um das Testament anzufechten und die Auszahlung der Million für wohlthätige Zwecke zu verweigern. — Die gesamte Presse Oesterreichs verurteilt einmütig diesen tollen Streich, in erster Reihe natürlich die antisemitische. *n. Aus Rußland. Der „Wilenski Wiestnik" giebt folgende Einzelheitenüber die Einberufung jüdischer Rekruten aus dem Distrikte Wilna: Die Zahl der jüdischen Rekruten ist schon voll und das Register füllt sich rasch. Die Juden stellten sich so pünktlich zum Dienste, daß nicht nur diejenigen, welche Privilegien des ersten, zweiten oder dritten Grades genossen, vom Militärdienste befreit wurden, sondern auch minder glückliche, die höhere 'Nummern zogen, nicht einrücken mußten. — Das Warschauer statistische Konnte veröffentlicht die Daten, welche sich auf die Bevölkerung der zehn Provinzen im Königreiche Polen beziehen. Aus denselben ist ersichtlich, daß lO1/^ Prozent der Gesamt-Bevölkerung Juden sind. . Von diesen leben 111/2 Prozent in Städten und 2 Prozent in Dörfern. — Eine Epidemie ist in der Umgebung von Wilna unter dem Vieh ausgebrochen. Die Bauern beschuldigten die Juden des „bösen Blicks", und es kam infolge dessen zu blutigen Kämpfen. Die den Juden gehörigen Läden und Häuser wurden geplündert und angezündet; mehrere Juden wurden in die Flammen geworfen; andere sterben unter der Knute oder wurden von den Bauern aufgeknüpft. Die Soldaten schossen gegen die Aufrührer; es gab viele Tote und Schwerverwundete. Die Juden fliehen aus der ganzen Provinz. — Die „Swodiebnaya Gazetta" brachte einen langen Artikel „Reue Leibeigene" über die Lage der Juden in Sibirien. Durch viele Generationen wurden die russischen Juden von verschiedenen Gerichtshöfen und administrativen Obrigkeiten nach Sibirien gesandt, aus allerlei, teils wahren, teils ausgeheckten Gründen. Die Nachkommen dieser Juden sind nun über ganz Sibirien verbreitet und es war ihnen bis jetzt erlaubt sich niederzulassen, wo sie wollten. Einem Befehle der sibirischen Behörden gemäß, müssen sie jetzt jedoch zu den Plätzen zurückkehren, wo ihre Vorfahren ursprünglich sich aufhielten. Die „Gazetta" fügt hinzu, daß es kein russisches Gesetz giebt, welches die Nachkommen der von Rußland Verbannten verhindern könnte, zu wohnen, wo es ihnen gefällt und rügt, daß es der Willkühr der Beamten überlassen ist, mit Menschen wie mit Sklaven umzugehen. Der Schlußsatz dieses warmen Artikels lautet: Es ist die höchste Zeit, solchen Mißbräuchen des Gesetzes ein Ende zu machen. Gemeinde, Synagoge «nd Schule. * Berliner Nachrichten. Am 27. v. M. fand in der ältesten Lehranstalt des Judentums zu Berlin, im Bet-ha midrasch der Heidereutergaffe eine glänzende Siumfeier statt. Eingeleitet wurde dieselbe durch einen halachischen Vortrag des Herrn Rabbiners Biberfeld; auf welchen mehrere Ansprachen agadischen Inhalts folgten. Herr Bamberg er feierte den Leiter des Institutes, den Herrn Rabbiner Biberf e l d, in tiefempfundenen Worten. Herr Tr. N e u w i r t sprach in gelehrter Weise vom Gegensätze der Thora zur profanen Wissenschaft. Herr I. I. Niemerower hielt einen kurzen, aber begeisterten und geistreichen Vortrag über das Talmudstudium. Unter anderem hob er — anknüpfend an den berühmten Lehrspruch Hillels — die Bedeutung der Selbständigkeit im Studium hervor. „Sorge ich nicht selbst für mich, wer sorgt für mich." Selbständigkeit darf aber nicht