Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1895-01-04 · 1 (4.1.1895) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9610650-9609614-9609624--279-9609635
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 1. Jefchrrrirn. Seite 11. bedenke! — von einem — Juden! Mußten bei solchem Anblick nicht die schärfstgeschliffenen Pfeile Amors gänzlich abprallen? So litt denn der Arme unsäglich unter dieser verwünschten Zuthat der Natur, für die er doch wahrlich nichts konnte. Und doch war der Zustand noch erträglich, solange Pan Kochanski's Verkehr sich in den einheimischen Gesellschaftskreisen bewegte, wo jeder Zweifel über seine unverfälschte Abstammung ausgeschlossen war. Härter traf ihn jedoch dies Mißgeschick, wenn er auf Reisen ging und neue Bekanntschaften anknüpfen wollte. Da gab es bei allem, seinem Stande schuldigen Respekt, gewisse, nicht mißzuverstehende Seitenblicke, wenn sie nicht gar in eine direkte Zurücksetzung seiner ehrenwerten Person ausarteten. Zuweilen ging sogar die Sache über allen Spaß: „Wie unterstehst du dich hier einzutreten, du Jud!" wurde er einmal angeschrien, als er in einem fremden Orte ein Vergnügungslokal aufsuchte, „weißt du denn nicht, daß hier nicht der Platz für dich ist?" Was sollte er darauf erwidern? Sollte er seinen Taufschein vorzeigen? Ehe er sich dazu herbeiließ, zog er es vor, sich lieber schleunigst zu entfernen und buchstäblich und figürlich mit — langer Rase abzuziehen. — Pan Kochanski fühlte sich unter dem bösen Stern, der ihn verfolgte, immer unglücklicher, das Leben verlor für ihn seinen Reiz, und, wie von Eumeniden gejagt, mied er nach und nach die menschliche Gesellschaft, und suchte die Einsamkeit auf. Und als er eines Tages bei einem Feste, dem er nicht entgehen konnte, abermals einer Verspottung ausgesetzt war, griff er in seinem Mißmute nach einer in seinem Zimmer hängenden Waffe, bereit, dem qualvollen Zustande durch eine Kugel ein Ende zu machen. Schon hielt er den Lauf des Gewehres gegen die Stirn gerichtet — ein schwacher Druck — und aus wär' es mit aller Pein. Da fiel sein Blick auf eine, ihm gegenüberstehende Kommode, wo eine Flasche vom besten „Starka" (alter polnischer Schnaps) ihn gar holdselig anblickte. Die Verlockung war zu stark, denn Pan Kochanski war, trotz aller trügerischen Merkmale, durch und durch ein Edelmann, der einen Nationallrank nie verschmäht. Und weshalb sollte er sich auch versagen, gleichsam wie zum Abschied vom Leben, noch einen letzten, kräftigen Schluck zu thun, wie weiland der König von Thule, bevor er sich für immer vom lieben Becher trennte? Und sieh die Starka bewirkte ein Wunder, erwies sich als ein wahrer Lebenswecker! Schon nach dem ersten Gläschen begann der nagende Schmerz zu weichen, das zweite verscheuchte ihn ganz, und als er das dritte an seine Lippen brachte, fühlte unser Held neuen Lebensmut durch seine Adern fließen — er war für jetzt gerettet. Zu diesem erprobten Mittel griff er seitdem immer wieder, so oft ihn eine verzweifelte Stimmung überfiel. Allein eine gründliche Abhilfe schaffte es seiner Lage doch nicht; seine Nase färbte sich nur bei diesen öftern Libationen umetliche Nüancen röter, — kürzer wurde sie aber nicht. — (Fortsetzung folgt). Wochen-(Lhronik. Bürgerliche Verhältnisse. * Berliner Beobachter. Das Schreiben der Baronin Rothschild an unfern Kaiser glossiert der „Franks. Herold", dessen politische Richtung uns nicht bekannt ist, wie folgt: „Diejenigen Israeliten Deutschlands, welche sich noch als moderne Staatsbürger fühlen und keineswegs wieder als Kammerknechte des weiland römischen Kaisers, werden über den Briefwechsel nicht wenig erstaunt gewesen sein. Es kann kein Zweifel darüber walten, daß die Verstorbene bei ihrer Fürbitte für unsere israelitischen Mitbürger an so hoher Stelle, nur aus ihrem guten Herzen heraus gehandelt hat und nicht im allermindesten, um mit ihrer Person hervorzutreten. Es fragt sich aber doch, welche klugen Leute der dem öffentlichen Leben ganz fernstehenden Frau zu einem Schritte geraten, der mit einer Vollmacht der deutschen Judenschaft leicht verwechselt werden könnte. Nur diesen ungeschickten oder auch veralteten Händen fällt die Verantwortung zu, falls Kaiser Wilhelm II. die unrichtige Anschauung gewonnen haben sollte, daß ein sehr hübscher Prozentsatz der Nation fähig sei, auf dem Wege einer Art Gnadengesuches seine einfachsten Rechte zu reklamieren. Man läßt seine Lage „in gnädige Erwägung" ziehen, als ein verlorener Mensch, aber wirkliche Rechte, falls diese bedroht sind, macht man in anderer Weise geltend. — Die in jeder Zeile wohl durchdachte kaiserliche Antwort durchschneidet denn auch die Gedankengänge der edelmütigen Petentin aufs schärfste und bestimmteste. Seine Majestät vermögen einen Grund zu so lebhafter Besorgnis, d. h. also das Bestehen einer heftigen Antisemitenbewegung nicht zu erkennen, nehmen aber gleichzeitig von der Versicherung der Frau von Rothschild Akt, daß seine jüdischen Unterthanen bestrebt sein werden, keiner andern Klasse der Bevölkerung in Bethätigung wahren Patriotismus und echter Bürgertugend nachzustehen. In den Annalen der unglücklichen Publikationen wird diese einen ersten Rang einnehmen." — Im „Allgem. Statistischen Archiv" (3. Jahrg., 2. Halbband) findet sich ein Aufsatz des kaiserlichen Unterstaalssekretärs z. D. Dr. G. v. Mayr, nach dessen Berechnungen auf je 10000 der Bevölkerung Schüler entfallen in: Gymnasialanst. Realanst. Realanst. Zusammen m. Latein ohne Latein Evangelische . . 27,7 13,2 12,5 53,4 Katholiken . . . 21,4 3,8 6,7 31,7 Dissidenten . . 17,5 13,2 18,7 49,4 Juden .... 173,8 65,8 92,7 332,2 Gesamtbevölkerung 27,1 10,4 11,4 48,9 Der Verfasser bemerkt hierzu a. a. O.: „Ich möchte übrigens warnen, aus diesen Zahlen einen unmittelbaren Schluß auf das entsprechende Verhalten der Befähigung und Neigung der einzelnen Konfessionen zum humanistischen Studium zu ziehen. Für die wirkliche Beteiligung an einem Unterrichtszweige kommt nämlich außer Neigung und Befähigung sehr wesentlich auch die äußere Erleichterung oder Erschwerung der Teilnahme am Unterricht in Betracht, welche durch das Wohnen der Eltern des Lernenden am Unterrichtsorte oder fern von demselben bedingt ist. Nun lebt aber die israelitische Bevölkerung vorzugsweise in grüße-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.