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Jeschurun · 1895-01-04 · 1 (4.1.1895) · p. Seite 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. ZescHuruu. Nr. 1. wenn Shylock nach drei Monaten sein Geld ohne Zinsen zurückbekommt und den Schuldschein zurückstellen muß! Mit der Wahrheit nimmt es der edle Antonio auch nicht genau. Er giebt als Ursache von Shylocks Haß gegen ihn nur an, daß er viele Schuldner aus dessen Klauen gerettet hat, eine beständige Verhöhnung Shylocks, seinen Judenhaß, den dieser ihm vorwirft verschweigt er wohlweislich, um als Märtyrer seiner Mildthätigkeit und Herzensgute zu erscheinen. Selbst die vom Dichter mit so manchen liebenswürdigen Zügen ausgestattete Porzia hat er nicht ohne Fehler gelassen, und sie ist eigentlich eine kleine Heuchlerin. Wie sie da dem Shylock eine lange erbauliche Predigt über Gnade und Erbarmen hält, und dann mit rabulistischen Kniffen den strengen Richterspruch über ihn berbeisührt, in besten Folge er seines Vermögens beraubt und zum Abfall von seiner Religion gezwungen wird! „Du wirft Recht finden, mehr als dir lieb ist", ruft sie ihm höhnend zu, ihre ganze Predigt von christlicher Liebe vergessend. An die christliche Liebe kann der Jude Shylock sie freilich nicht erinnern, aber an die allgemeine Menschenliebe erinnert er seine christlichen Gegner, indem er ihnen ihren Sklavenhandel und die grausame Behandlung der Sklaven vorwirst. Shakespeare, wohl ein guter Bibelkenner, wie viele Engländer, mag an die milde Behandlung der Sklaven gedacht haben, welche das alte Testament vorschreibt, und so kommt dieser Vorwurf mit Berechtigung aus dem Munde des Juden. So hat uns der Dichter, den man des Judenhasses anklagt, unter vielen schlechten und mittelmäßigen Christen einen schlechten Juden vor Augen gestellt, und diese Christen zwingen den bösen, verstockten und habgierigen Juden, einer der Ihrigen zu werden. Versteht man was der Dichter damit sagen wollte? M. L. Feuilleton. Zu llkiijahr 1895. Sin jufyr ist wieder hingegangen, Sin bürgerliches, — immerdar! Sin neues winkt mit ros'gen Mangen, Mir grüßen Dich, Du junges Jabr! Marum denn nicht? - Meil Judas Binder Ihr eignes feiern neben Dir? Sie hoffen darum doch nicht minder Don Dir das Beste, glaube mir. Mir grüßen Dich mit dem Smpfinden, Das wir verkünden stolz und frei: In Judas Söhnen eng verbinden Sich Glaubenstreue, Bürgertreu. Mir halten fest am heil'gen Glauben Der Bäter, die mit trotz'gem Hl tut Ihn niemals ließen je sich rauben, Trotz Schmach und Drangsal, Bot und Blut. Und grade diese Glau b e n s treue, Sie ist's, die Bürgertreue schafft; Sie lehrt: Srweiset stets aufs neue Im Zweig der edlen Murzel Araft. Mer treu ist, ist's auf allen Megen, Bach Glauben, Bürgersinn und Thal, Doch unsrer Glaubenstreuc wegen Ist wider uns der Bosen Bat. Die Hoffnung aber ist's, die leitet Den Blick hin über Beid und Ceid, Daß über Haß und Bosheit schreitet Befreiend fort der Geist der Zeit. So mög' dem neuen Jahr gelingen Befreiung der Getreuen Schar! Ss möge Heil und Segen bringen Und Frieden uns das neue Zahr. 3m. Eine MW Nase. Humoreske von S. N. Margulies. Pan Kachanski war ein polnischer Edelmann, mehr mit allen Fehlern und Schwächen, als mit den Vorzügen seines Standes ausgestattet. Seine Tapferkeit und sein Edelmut existierten nur in seiner Einbildung, in seinen Handlungen offenbarte sich wenig davon; wohl aber zeigte er sich stets als hochmütig, genußsüchtig, leichtfertig und dünkelhaft. — Von seinem Vater erbte er einen ruhmreichen Namen, ein mittelgroßes, nicht ganz schuldenfreies Gut mit einem geräumigen Schloß — drei gleich wichtige Dinge, ohne welche ein echter Schlachziz*) kein echter Schlachziz ist. Von Mutter Natur erhielt er einen stattlichen Wuchs, ein paar schöne, blaue Augen und ein rosig angehauchtes Gesicht, das von einem martialischen Schnurrbart beschattet würbe. — Er hätte bei so vielen wertvollen Eigenschaften der Abgott des weiblichen Geschlechtes werden können, hätte ihn jene nicht in unbegreiflicher Laune mit einem Gebrechen versehen, das seiner geringen chevaleresken Schönheit Eintrag that. Dieser Schönheitsmangel bestand aber nicht etwa in einer häßlichen Stirn, einem verunstalteten Mund, oder einer sonstigen Entstellung des Ensembles — nichts von alldem. Wohl aber hatte Pan KochanSki, ganz gegen die Tradition seines reinadligen Geschlechts, eine lange, sehr lange 'Rase, von Schnitt und Form so beschaffen, daß er leicht für einen Juden gehalten werden konnte. Schlimmeres als das kann allerdings einem polnischen, tscheschischen, oder auch deutschen Edelmann nicht pgssieren! — Diese Nase war sein Unglücksstern, sie bildete die ewige Zielscheibe des Spottes aller adligen Genossen , bot ein ausgiebiges Feld dar für alle möglichen bon mots, die bei aller scheinbaren Harmlosigkeit ihn doch lies verletzten; war er doch in seinem Herzen auch ein ganz gehöriger Judenverächter! Und wie störend war oft diese 'Rase in der Jagd nach galanten Abenteuern, welche, neben der Dressur von Pferden, zum vornehnst'ten Berus eines Edelmanns gehörten! Zu einer ernsten Annährung konnte es schon gar nicht kommen, denn welches Edelsrüulcin hätte es übers Herz zu bringen vermocht, einem Manne die Hand zu reichen, der, was auch sonst an ihm Begehrendswertes war, einem vom jüdischen Stamme so ähnlich sah? Vielleicht hätte man es hingehen lassen, hätte ein Auge zugcdrückt, würden Pan Kochanskis Züge etwas von einem Zuaven, oder Kameruner veraten, aber — man *) Kleinadliger.

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