Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1895-01-04 · 1 (4.1.1895) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/9610650-9609614-9609624--277-9609633
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 1. Aescyurun. Seite 9. mütigen Benehmen dieses Antonio bricht dann, was in Shylocks Herzen verborgen lag, in dem Aufschrei des Unterdrückten und Verhöhnten hervor: „Signor- Antonio, wie oft Ihr mich auf dem Rialto wegen meiner Geldgeschäfte geschmäht habt, ich habe es resignierend, mit einem Achselzucken ertragen, denn Geduld ist das Kennzeichen meiner Nation. Ihr nanntet mich „Ungläubiger, hündischer Halsabschneider" und spuktet mich an. Warum? Weil ich von dem Gebrauch machte, was mein ist. Jetzt braucht Ihr meine Hilfe, kommt Ihr freundlich zu mir und saget: „Shylock, wir brauchen Geld"**) so sagt Ihr, die Ihr mit Eurem Speichel meinen Bart bespritzt und mich mit Fußtritten wie einen herrenlosen Hund fortgejagt habt. Und jetzt wollt Ihr Geld haben! Sollte ich Euch nicht antworten: Hat ein Hund Geld, kann ein Köter dreitausend Dukaten leih'n! Solle ich einen Fußfall thun und in tiefster Demut sagen: Gnädiger Herr, Ihr habt vorgestern auf mich gespuckt, neulich habt Ihr mir einen Fußtritt gegeben, früher mich Hundekerl genannt und für alle diese Freundlichkeiten will ich Euch so viel Geld geben als Ihr wollet?" Erst als Antonio auf diese Worte höhnend antwortet, da beginnt der Plan, sich an ihm zu rächen, bei Shylock zu reifen. Aber es ist noch nicht dessen Leben, wonach er trachtet, indem er die Bedingung des Fleischpfandes stellt. Daß Antonio zahlungsunfähig werden könnte, erscheint diesem vollständig, dem Shylock fast ganz unmöglich; es wird nie zum Ausschneiden des Fleisches kommen. Aber der hochmütige Antonio soll durch diese notariell zu beglaubigende Klausel, die bald allgemein bekannt werden müßte, gedemütigt werden. Dafür bringt der Geizhals das schwere Opfer, auf die Zinsen der 3000 Dukaten zu verzichten. Wie dann Shylocks Tochter Jessica mit Hilfe von Antonios Freunden entführt wird, da steigt sein Haß, und die gleichzeitig eintreffenden Nachrichten von den Verlusten Antonios zeigen dem seines Kindes und durch sie und ihren Liebhaber seines Geldes beraubten, aufs äußerste gebrachten Shylock den Weg zur Rache. „Antonio Möge aufpassen und am Verfalltage pünktlich sein, sonst wird er dafür büßen", sagt der richtig voraussehende Salario. Der Geizhalz jammert, daß Lorenzo und Jessica ihn beraubt haben, und daß er nun auch bei Antonio sein Geld verlieren werde, aber der Rachedurst überwiegt bald die Habsucht: „Er mag an seinen Schuldschein denken", wiederholt er immer drohender und dann macht er seinem Herzen und dem beim verfolgten Stamm seit Jahrhunderten «ngesammelten Groll Luft in der gewaltigen Anrede, wo der Shylock ganz verschwindet und nur der jüdische Märtyrer bleibt: „Er hat mir Schande und Schaden verursacht, meinen Erwerb beschimpft, über meinen Verlust gespottet, meine Nation verachtet, meine Freunde von mir abgewendet, meine Feinde aufgehetzt. Und warum? — Weil ich ein Jude bin! Hat denn ein Jude keine Augen, hat er keine Hände, keine Gliedmaßen, keine Empfindungen, kein Gefühl, keine Leidenschaften? Wird er nicht mit denselben Speisen genährt, mit denselben Waffen verwundet wie der Christ? Unterliegt er nicht denselben Krankheiten, wird er nicht mit denselben Mitteln kuriert? Bluten wir denn nicht, wenn man uns sticht, lachen wir nicht, wenn man uns kitzelt? Sterben wir nicht, wenn Ihr uns vergiftet? und wenn Ihr uns Unrecht thut, sollen **), $ter muß nmit sich denken, daß Shylock den freundlichen Ton Antonios hohnend nachahmt. wir uns nicht rächen! In jeder anderen Beziehung, so wie Ihr beschaffen, wollen wir es auch in dieser sein. Wenn ein Jude einen! Christen Unrecht thut, bezeugt dieser seine Demut — indem er sich rächt, llnd wenn einen! Juden von einem Christen Unrecht widerfährt, wie soll er nach diesem Beispiel seine Geduld anders beweisen als durch Rache? Ihr lehret mich die Riedetracht und ich will meine Meister übertreffen-." Diese Stelle allein, dieses glühende Plaidoyer für Gleichberechtigung würde genügen, alles Gerede von Shakespeares Judenfeindlichkeit zu widerlegen. Und das ist die Stimmung, in der Shylock auf seinen Schein unerbittlich beharrt. Hätte Shakespeare ihn als edlen Menschen oder auch nur als Durchschnittsmenschen geschildert, so blieben einerseits der Abschluß des sonderbaren Vertrags und Shylocks hartnäckige Unerbittlichkeit unerklärlich, andererseits würde das ihm am Ende widerfahrende llnrecht als ganz unmotivierte unerträgliche Grausamkeit erscheinen. Dann hätte man das Stück wohl ein den Christenhaß predigendes nennen können, seine Moral wäre gewesen: einen Juden zu berauben, halten die Christen für recht und lobenswert. Das konnte und durfte Shakespeare seinem Publikum nicht bieten. Aber auch so wie die christlichen Personen in dem Drama geschildert sind, erscheinen sie uns nicht als edle Menschen, als würdige Vertreter des Christentums gegenüber dem einen schlechten Juden. Mit wenigen Worten charakterisiert Gervinus, einer der bedeutendsten Shakespeare-Verehrer, die Nebenpersonen: „Die selbstsüchtigen Werber der Portia, die von Glanz und Schein bestochen, fehl wählen: die schmarotzenden Genossen Antonios, die ihn mit seinem Glücke verlassen, die redenden Halbfreunde, die seine Gefahr früher ahnen, als er selbst und nicht einmal an Bassanio schreiben. Lorenzo und Jessica, ein verschwenderisches leichtsinniges Paar, die vom Zwange los, ihr entwandtes Geld ohne weiteres in Genua verprassen und für Affen hinweggeben und gleich als ausgehungerte Leute nach Belmont kommen." Von diesen: Lorenzo sagt Heine, er begeht ein Verbrechen, wofür er nach den: preußischen Landrecht zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt würde. Von den selbstsüchtigen Werbern ist Bassanio, in den sich die emanzipierte Jungfrau Portia verliebt, der nicht am wenigsten selbstsüchtige. Leichtsinnig, auf Kosten des Freundes verschwenderisch, tief verschuldet, zieht er aus, um die reiche Erbin zu freien und seine Schulden mit ihrem Gelde zu bezahlen. Ein zugrunde gerichteier Kavalier, der sich mit dem Verinögen einer reichen Bankierstochter rangieren will. Da diese hübsch und liebenswürdig ist, nimmt er sie zu den: Gelde gern in den Kauf, macht ihr die schönsten Liebeserklärungen, verheimlicht ihr aber, daß er verschuldet ist. Das gesteht er erst nach der Hochzeit. Wir dürfen billig bezweifeln, ob sich die Hoffnung Jessica's erfüllen wird, daß er nun ein gesetzter, ordentlicher Mensch werden wird. Und Antonio, der anscheinend edelste Mensch des Stücks, der seinen Judenhaß so roh zur Schau trägt, hängt doch am Gelde mehr als wie am Leben. Da er finanziell ruiniert ist, will er nicht länger leben. Er entblödet sich nicht, von Shylock Geld ohne Zinsen zu borgen, sich von dem so arg beschimpften Juden die Zinsen schenken zu lassen. Der Millionär ist zu felsenfest überzeugt, daß er pünktlich am Verfalltage zahlen können wird und daß die Verpfändung des Fleisches ein bloßer Spaß ist, wobei der Jude der Betrogene fit. Wie werden Antonio und seine Freunde lachen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.