Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 1 (4.1.1895)
- Date
- 1895-01-04
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. JefcHrrrun. Nr. 1. ihm der Prozeß gemacht und im Juni dieses Jahres wurde er als Hochverräter hingerichtet. Im August desselben Jahres wurde aber schon Shakespeares Stück ausgesührt. Man müßte also annehmen, er habe es in zwei Monaten geschrieben, sowie daß er, um den christlichen Leibarzt der Königin, der wegen eines angeblichen Vergistungsversuches verurteilt wurde, zu verhöhnen, einen jüdischen Wucherer geschildert habe, der degen seine Gläubiger hart und unerbittlich war. Seine Zuhörer müßten mit einem ganz eigentümlichen Scharfsinn begabt gewesen sein, um in diesem venetianischcn Juden den königlichen Leibarzt zu erkennen, mit dem er nicht einen Zug gemein hatte Wenn der Schauspieler Burbage, der zuerst den Shylock spielte, einen langen roten Bart aufsetzte, so scheint uns dies auch nicht zu beweisen, daß er den Doktor Lopez kopieren wollte. Einen Juden konnte man sich eben ohne Bart nicht denken, und einen roten Bart hat der Portugiese schwerlich gehabt. Nun wird man uns vielleicht einwenden: Gut, Shakespeare hat nicht den Doktor Lopez gemeint, aber er hat doch den Juden in seinem Stücke lächerlich gemacht und dem Haffe preisgegeben; ja er hat erst den grausamen Gläubiger, der in den ältesten Bearbeitungen der Sage vom Fleischpfand ein Christ war, zum Juden gemacht. Wir könnten uns begnügen zu antworten, daß in der Shakespeare am nächsten stehenden, von ihm zu einem Stücke benutzten italienischen Novelle dos 6er Giovanni der hartherzige Gläubiger schon ein venetianischer Jude war und daß er also einfach seinen Vorgängern folgte. Aber ein Shakespeare schreibt nicht gedankenlos nach, er weiß wohl, was er thut und könnte von jeder Zeile seines Stücks genau Rechenschaft geben. Ja, ich glaube sogar, daß er manche der älteren Bearbeitungen mit deni christlichen Gläubiger kannte und doch seinen Helden Juden sein ließ, weil er eben mit dem Munde dieses fremden Juden seinen christlichen Nebenmenschen manche bittere Wahrheiten sagen wollte, die im Munde eines christlichen Engländers nicht gut geklungen hätten. Der Jude war für ihn gewissermaßen der archimedische Punkt, von dem aus er seine kleine englische Welt mit ihren Gebrechen und Sünden, mit ihrem Egoismus, ihrer Hartherzigkeit, ihrer ungeschickten oder parteiischen Justiz, ihren verschwenderischen, leichtsinnigen jungen Leuten u. s. w. erschüttern wollte. In England gab es zu Shakespeares Zeiten keine Juden, folglich auch keine jüdischen Wucherer, wohl aber wird sich unter seinem Publikum gar mancher hartherzige Geldverleiher, der fleißig die Kirche besuchte, getroffen gefühlt haben. In seinen: Stücke ist Shylock Jude und Wucherer, aber — wohlgemerkt, nicht Wucherer, weil Jude. Den großen Dichter mag an dem Prozeße über das Fleischpfand vor allem die Rechtsfrage interessiert haben, wie er ja auch in mehreren anderen Stücken mit Vorliebe Nechtsprobleme behandelt hat. Dieser Richter, der sich nicht zu helfen weiß und den erst ein Laie oder gar eine verkleidete Frau mit einem Rabulistenkniff aus der Verlegenheit zieht, bietet sich gleichsam selbst zur Satyrc auf die schlechte Justiz dar. Das Venedig Shylocks und Antonius hat gar gute Gesetze, die strenge beobachtet werden, aber der oberste Richter kennt sie nicht alle und weiß sich nicht zu raten, wenn er einem guten Freunde heraushelfen will. Ta muß erst Frau Portia als Rechtsgelehrler verkleidet kommen und ihn belehren, daß der Gläubiger nicht mehr und nicht weniger als ihm zukommt, nehmen darf, daß er Fleisch aus dem Körper nur schneiden darf, wenn er kein Blut vergießt und schließlich, daß wenn ein Fremder dem Leben eines Bürgers nachstellt, sein Vermögen konfisziert werden und sein Leben dem Belieben des Dogen zur freien Verfügung stellen solle. Wahrlich, man könnte sich versucht fühlen, hier eine Verspottung der Richter zu finden, welche den Fremden, den von Juden stammenden Doktor Lopez verurteilten. „Wenn Shylock dann zusammenbricht unter der Wucht des Richterspruchs, der durch schnöden Witz sein Recht vereitelt, wenn er verfolgt, vom bitterm Hohne geknickt, gebrochen, mit schlotternden Knien dahinwankt, wer kann sich des Gefühls erwehren, daß mit ihm das Recht Venedigs gebeugt worden ist?"*) Dieser Schluß, mit dem Gesetze gegen den Fremden, der Beraubung und der erzwungenen Dause des Juden findet sich in der von Shakespeare benutzten italienischen Novelle nicht und man könnte daher glauben, er habe ihn seinem fertigem Drama unmittelbar nach der Hinrichtung des Doktor Lopez angefügt. War ja dieser oder fein Vater auch ein zwangsweise zum Christentum Bekehrter und ein Fremder, dem die englischen Richter gar übel mitspielten. Königin Elisabeth, die an die Unschuld des Lopez glaubte, hat sich lange geweigert, das Todesurteil zu bestätigen, und der Dichter durfte daher im Vertrauen auf ihre Gesinnung die Anspielung auf den Prozeß wagen. Hat er also, was ich aber nicht bestimmt behaupten will, auf diesen Prozeß angespielt, so geschah es nicht um Judenhaß zu erregen, sondern um dem parteiischen Richter und dem Pöbel, der seinem Urteile zujubelte, einen Hieb zu versetzen. In der italienischen Novelle ist der Gläubiger nichts weiter als ein jüdischer Geldverleiher. Ueber seinen Charakter und seine Verhältniffe wird nichts gesagt; nur als es zum Prozeße kommt, heißt es, er wollte sich rühmen können, den Tod des größten christlichen Handelsherrn herbeigesührt zu haben. So ein Motiv war wohl geeignet, den Juden verhaßt zu machen, besonders wenn der Gläubiger nicht als besonders boshaft, sondern einfach als Jude geschildert wird. Der Leser konnte den Eindruck gewinnen, daß alle Juden die gleichen Gesinnungen gegen die Christen hegen. Ganz anders verfährt Shakespeare. Sein Shylock ist ein Ausnahmsjude, hartherzig, habgierig, boshaft, schlecht selbst gegen sein einziges Kind. Sehr richtig bemerkt der Shakespearekenner Elze: „Während seine Glaubensgenoffen sonst die Familienbande hochzuhalten und ihre Häuslichkeit dem Drucke der Außenwelt gegenüber in einer gewissen patriarchalischen Heiligkeit zu bewahren pflegen, hat Shylock sein Haus, nach Jessicas Worten zur Hölle gemacht." Aber damit begnügte sich Shakespeare nicht. Selbst dieser ausnahmsweise schlechte Jude, der selbst die Gebote seiner eigenen Religion nicht hält und beim Christen Bastanio speiset, um zu dessen Verarmung beizutragen, mußte noch durch eine Reihe von seitens der Christen ihm widerfahrener Kränkungen und Schädigungen zu Haß und Rachsucht aufgestachelt werden. Der Jude, der Vater, der Geschäftsmann wird in ihm gleichmäßig gekränkt und geschädigt. Wie genial läßt da der Dichter die einzelnen Motive sich nach und nach entwickeln und eins gleichsam aus dem andern entstehen! Zuerst der vorsichtig rechnende, alle Chancen erwägende Kaufmann, der in Antonio den Konkurrenten, aber auch schon den Judenfeind haßt. Erst beim weitern hoch- *) Jhrmg, der Kamps ums.Recht.