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Jeschurun · 1895-01-04 · 1 (4.1.1895) · p. Seite 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 1. Jefchurun. Seite 7. Palästina, so die italienischen und durch sie die französischen und deutschen Juden. In jenen beiden Hauptsitzen jüdischer Kultur entstanden auch etwa im 8. Jahrhundert die Bezeichnungen der Vokale. Aber das babylonische System der Vokalbezeichnung wurde später von dem palästinaischen vollkommen verdrängt. Dieses letztere nahmen auch die spanischen Juden an; während ihre Aussprache im wesentlichen die der babylonischen Juden war, teilweise noch verändert durch den bei ihnen üblichen Gebrauch der arabischen Sprache. Daher die befremdende Erscheinung, daß sie für den kleinen Laut (o) zwei verschiedene Zeichen, und für das gleiche Zeichen Kamez zwei verschiedene Laute hatten; dagegen stimmen bei der deutschen Aussprache des Kamez Name und Laut vollkommen überein (Kamez mit geschlossenen Lippen — o, Pathach mit offenen — a zu sprechen.). Sofern überhaupt von einem Vorzüge der einen vor der anderen gesprochen werden könne, gebühre er der deutschen, von der abzuweichen wir gar keinen Grund hätten, insbesondere auch nicht bezüglich des Cholem und Zere, welche in neuerer Zeit häufig mit o une e wiedergegeben werden. Diese Art zu lesen nehme dem Hebräischen nicht nur Laute, die in jeder Sprache Vorkommen, und mache es eintönig, sondern wirke, indem sie, hierbei in Abweichung von der portugiesischen wie von der deutschen Aussprache, wichtige sprachliche Unterschiede verwische, höchst nachteilig auf den Unterricht und das sprachliche Verständnis, wofür der Redner aus seinen Erfahrungen mehrfache Beispiele teils ergötzlicher, teils ärgerlicher Art beibrachte. Mit dieser Art zu lesen könne man wohl eine Anzahl hebräischer Stücke mechanisch übersetzen, aber ein grammatisches Verständnis sei kaum dabei zu erreichen. Es sei nicht notwendig, die breite norddeutsche Aussprache des au und ei dafür zu verwenden, sondern am besten festzuhalten an den in Süddeutschland herkömmlichen Lauten, die sich in gleicher Weise in einzelnen deutschen Mundarten und im Englischen vorfinden. Fehlen dieselben auch unserer Schrift- und Umgangssprache, so habe das Hebräische doch denselben Anspruch, wie jede andere fremde Sprache, die wir auch in ihren eigentümlichen Lauten uns anzueignen suchen. F. St. Shakespeare. Wenn man die Schar der Judenfreunde und Judenfeinde in alter und neuer Zeit durchmustert, so macht man die tröstliche Entdeckung, daß die enragiertesten Judenfeinde gewöhnlich der geistigen Hefe des Volkes, den Armen an Geist, Gemüt und Wissen gehörten. Nur wenige unter ihnen erheben sich durch einiges Wissen oder größere Schlauheit über das niedrige Niveau des Bildungspöbels. Dagegen findet man unter den wirklich großen und genialen Menschen, unter den Männern unvergänglichen Ruhmes sehr viele Judenfreunde oder Beschützer und Wohlthäter der Juden und kaum einen oder zwei Judenfeinde. Seit dem schon in der Bibel gepriesenen Cyrus sind fast alle genialen Feldherrn und Staatsmänner — Alexander der Große, Caesar, Karl der Große und Napoleon mehr oder minder judenfreundlich gewesen. Und gar erst die wirklichen Wohlthäter der Menschheit, vor allen die großen Dichter! Mit Ausnahme Goethes, dessen Aeußerungen über die Juden einander widersprechen, haben alle großen Dichter entweder die Juden in Ruhe gelassen, wie Dante, Petrarca, Taffo, Schiller, Corneille, Moore u. s. w. oder sich ihnen freundlich gesinnt gezeigt. Boccaccio erzählt, wie der kluge Melchisedek durch seine tiefsinnige Parabel von den drei Ringen die Freundschaft des Sultans erwarb und zu hohen Ehren bei ihm gelangte. Und wenn er die Mißwirtschaft und Verdorbenheit des päpstlichen Roms schildern will, stellt er ihm den sehr braven und redlichen Juden Abraham aus Paris (diritto e leale uomo assai) gegenüber. Hebbel hat die Makkabäer, Racine die jüdische Königin Esther, Lessing den weisen Nathan auf die Bühne gebracht. In England, wo Cromwell sich den Juden geneigt zeigte, Macaulay als ihr beredter Verteidiger auftrat, dichtete auch Byron seine berühmten Hebrew melodies. Und der größte Dichter dieser großen Nation, einer der größten der Welt« soll ein Judenfeind gewesen sein? Eines seiner Meisterwerke soll er nur „zur Befriedigung seiner aristokratischen Gönner und zur Belustigung des Publikums" geschrieben und dadurch „die gehässigen Vorurteile gegen die Juden in England und allüberall" verstärkt haben? Es wäre schlimm genug und einer Widerlegung bedürftig, wenn die Antisemiten, die sich so gerne an die Rockschöße großer Männer hängen, den Versuch gemacht hätten, Shakespeare zu einem der ihrigen — mit gefälschter Stampiglie — zu stempeln. Noch schlimmer ist es, wenn ein berühmter jüdischer Gelehrter sich in solcher Weise an dem Dichter des „Kaufmann von Venedig" versündigt. Kein geringerer als der gelehrte und geistvolle Geschichtsschreiber der Juden, Prof. H. Graetz war es, der in einer vor ungefähr dreizehn Jahren erschienenen Schrift den „Kaufmann von Venedig" als Judenhaß predigendes Werk darstellte und Shakespeare beschuldigte, er habe es dem Grafen Essex zu Gefallen geschrieben, um in der Person des Shylock den von Essex gehaßten getauften jüdischen Doktor Rodrigo Lopez, den kurz vorher Hingerichteten Leibarzt der Königin Elisabeth zu verhöhnen. In der Identifizierung von Lopez mit Shylock folgte Graetz nur dem Engländer Lee, dessen in Gentlemans Magazin (Februar 1880) veröffentlichte Hypothese aber vor einer strengen Kritik nicht bestehen kann und bereits von Dr. D. Honigmann im siebzehnten Bande des Jahrbuchs der deutschen Shakespeare-Gesellschaft als unhaltbar nachgewiesen wurde. Ohne gegen den verstorbenen vielverdienten Geschichtschreiber der Juden, der wohl nicht darauf Anspruch machte, ein gründlicher Shakespearekenner zu sein, zu polemisieren, will ich im Folgenden, zum Teil mit Benutzung der gegen Lee und Graetz gerichteten Abhandlung Honigmanns die eigentliche Tendenz von Shakespeares „Kaufmann von Venedig" darzulegen versuchen. Vor allem muß hervorgehoben werden, daß Lopez ein Arzt und kein Wucherer, ein Christ und kein Jude war. Ja es scheint sogar, daß schon seine Eltern zum Christentum übergetreten waren. Hugo Grotius nennt ihn Lu8itan.ur sed judaice originis — also ein Portugiese jüdischer Abstammung. Ob er im geheimen dem Judentum anhing, wissen wir nicht. Jedenfalls unterschied er sich in feiner Lebensweise und in seinem Berufe von dem ganz jüdisch lebenden Shylock. Solange Lopez in hohem Ansehen stand, mit den Großen des Reichs freundschaftlich verkehrte, würde es kein Dichter und kein Theaterdirektor gewagt haben, ihn auf die Bühne zu bringen. Erst im Jahre 1594 wurde

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