Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 1 (4.1.1895)
- Date
- 1895-01-04
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9610650-9609614-9609624--274-9609630- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
■*£*>34 Seite 6. e f u r « n. Nr. 1. Man zeihe uns nicht der Feigheit, mit der uns das Vorurteil so gern beehrt. Nicht nur protestierten die Juden zu allen Zeiten gegen das Unrecht, das ihnen widerfuhr, ne zückten auch, so lange sie in großer Zahl bei einander lebten, und eine Achtung gebietende Minorität waren, das Schwert für ihr gekränktes Menschenrecht. Auch kämpften sie in der ersten Zeit mit glänzenden Geisteswaffen. So die alexandrinischen Juden mit ihrem Philo an der Spitze. Als sie sich jedoch nach wackrem ungleichen Kampfe verblutet hatten, mußten sie, die Wenigen, sich nicht in ihr Schicksal ergeben? Und wem sollten sie ihr Leid klagen? Etwa denen, die es ihnen zugesügt? Und würde man ihren Beschwerden Gehör gegeben haben, nachdem man in der Menschenachtung eines Juden eine Blasphemie erblickte? — Wie Unrecht man ihnen aber gethan, ist aus Orten ersichtlich, wo sie eine milde Behandlung erfuhren. Hier waren sie bald die treuesten und nützlichsten Bürger des Staates und gelangten nicht selten durch ausgezeichnete Fähigkeiten und Dienste, die sie dem Staate leisteten, zu hohen Würden. So z. B. der Jude Isaak unter Carl V., Abarbanell unter dem nachmals katholischen Ferdinand, Don Joseph unter Sultan Selin u. v. a., und widerlegten so auf das Glänzendste das Vorurteil, das man gegen sie empfand. Durch die Reformation schwand die Finsternis und mit ihr die Verfolgung der Ketzer durch den Einfluß des Klerus. Aber das Vorurteil gegen die Juden hatte zu fest Wurzel geschlagen, als daß es so leicht hätte aufhören sollen. Und es schoß dieses Unkraut mit neuer Kraft hervor, da der Feudalismus jetzt seine Pflege übernahm, um es für seine Parteizwecke auszubeuten. War es nun in qfter Zeit die Bosheit des Fanatismus, welche die schmählichsten Jnvektiven oft wider befferes Wiffen gegen uns schleuderte, so ist es in der neuesten Zeit die gänzliche Ignoranz in jüdischen Dingen, die ein gleiches Verfahren gegen uns eingiebt. — Wie ihn aber abschleifen, der alten Zeiten Rost? Das könnte unserer unmaßgeblichen Ansicht zufolge in zwiefacher Richtung geschehen. Für's Erste müßten die Intelligenten in Israel, die Zutritt haben zu den Stimmführern unserer Zeit, sich der Kenntnis unserer Religion und ihrer Institutionen befleißigen, dann die Flitter falscher Scham ablegen dadurch, daß sie vor allem sich selbst als Juden achten lernen. Alsdann müßten sie ohne Scheu bei jeder Gelegenheit, die sich ihnen dazu darbietet, unsere Glaubenssätze und den Kreis ihrer Institutionen vor den Augen der Welt in das rechte Licht darzuftellen suchen. Erst wenn die Finsternis der Unkenntnis geschwunden sein wird, wird es auch für uns Licht werden. Für's Zweite müßten sie die Phalanx bilden, gegen die Rischus und Vorurteil vergeblich ihre Kräfte versuchen. Auch müßten sie immer das Nebel mit der Wurzel erfaffen, wenn es in sein Nichts zergehen soll. Dieser Aufgabe dürften sie sich in öffentlichen Blättern mit gutem Erfolge entledigen. Sollte ihr Erfolg in der ersten Zeit nur ein geringer, der Mühe kaum entsprechender sein, so geben wir zu bedenken, daß, wenn die Wahrheit erst in dem Herzen einzelner Wurzel gefaßt, diese, wie alles Gute überhaupt, immermehr und mehr an Ausdehnung gewinnen muß. Hat ja alles Große in der Welt erst einen kleinen Anfang genommen! Ilrbrr dir Aussprache des Hebräischen. In den jüdischen Zeitschriften lieft man selten von der Abhaltung von Religionslehrer-Konferenzen in Baden, obschon solche alljährlich in den verschiedenen Kreisen des Landes sind. Die erste wurde im Jahre 1881 abgehalten; dieser folgte im Jahre 1886 die zweite im Bezirk Freiburg. In demselben Jahre hatte auch das Rabbinat Gailingen solche in Aussicht gestellt. Von dieser Zeit an sind dieselben in den meisten Synagogenbezirken einge. führt worden. Im Jahre 1892 wurde durch den Gr. Bad. Oberrat bestimmt, daß mindestens alle zwei Jahre, jedoch nicht öfter als einmal jährlich Konferenzen abgehalten werden sollen, daß nach Schluß der auf den Religionsunterricht bezüglichen Erörterungen mit den Vorsängern auch solche Gegenstände besprochen werden, die auf den Gottesdienst und des Kantorat Bezug haben, und daß die Teilnehmer aus der Bezirkslaffe ihre Reiseentschädigung und eine Gebühr von zwei Mark erhalten. Ueber den Verlauf derselben wird dem Oberrat Bericht erstattet, der gewöhnlich am Ende des Jahres im Verordnungsblatt desselben veröffentlicht wird. Es versteht sich von selbst, daß dadurch viele Vorträge nur auszugsweise zur Kenntnis gebracht werden, was man oft bedauert; denn manche Arbeit sollte ganz zum Abdruck kommen, und dürfte weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden. Der „Jeschurun" hat eine sehr geschätzte Beilage, — Katheder und Kanzel, die allseitig mit regem Jntereffe gelesen wird, die dadurch geeignet und zu diesem Zweck empfehlenswert wäre. Für heute möchte ich einen Vortrag, den s. Z. Herr Rabb. Dr. Eschelbacher in Bruchsal über die „Aussprache des Hebräischen" hielt, und der im vorbezeichneten Verordnungsblatt veröffentlicht wurde, mitteilen. Ausgehend von der Bemerkung, daß die bei den deutschen Juden herkömmliche Aussprache des Hebräischen vielfach als die polnische bezeichnet und gegenüber der sogenannten spanischen oder portugiesischen, welche auch die christlichen Gelehrten angenommen haben, als eine Ausartung gleich dem sogenannten jüdisch-deutschen Jargon betrachtet werde, legte er das Irrtümliche dieser Anschauung im einzelnen dar. Jede Sprache als ein lebendiger Organismus habe ihre verschiedene Mundarten und auch bezüglich der Aussprache der sogenannten toten Sprachen gäbe es mannigfache Verschiedenheiten, so beispielsweise auch bezüglich des Griechischen und Lateinischen. Ueber die Aussprache des Hebräischen in der biblischen Zeit seien kaum Vermutungen möglich, da damals nur die Konsonanten, nicht aber auch die Vokale geschrieben und uns überliefert wurden. Einigen Anhalt für dieselbe biete die griechische Bibelübersetzung in der Art, wie sie die hebräischen Eigennamen wiedergebe; aber ein sicheres Urteil sei auch danach nicht möglich, weil nicht alle Laute des Hebräischen durch griechische Buchstaben wiedcrgegeben werden konnten. Außerdem wurden die Eigennamen im lebendigen Gebrauch in derselben Weise, wie das u. a. in Deutschland später geschah, verändert, Veränderungen, welche gerade für die bekanntesten und allgemein adoptierten, wie Moses, Jesus, Jesaias, Ezechias, Jeremias, Maria, Elisabeth u. s. f., sowie für häufig gebrauchte Bezeichnungen, wie Pascha, Meffias u. a. m. nachgewiesen wurden. Die in Europa angesiedelten Juden erhielten ihre religiöse Belehrung und damit auch die Aussprache des Hebräischen teils aus Babylonien, insbesondere die spanischen Juden, teils aus i » h. i.{ l.liiA