Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 1 (4.1.1895)
- Date
- 1895-01-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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I Nr. 1. Z - f U V tt «. Seite 5. Wenn ein Bekenner des Judentums irgend eine Strafe verwirkt, ist man also gleich geneigt, die Strafbarkeit die ja nur dem einzelnen anhaftet, auf die unschuldige Gesamtheit zu übertragen. Aber warum knüpft man nicht die Strafbarkeit an die Individualität der Person, die sie verwirkt? Und wenn man die Strafbarkeit des einen auf die Gesamtheit überträgt, warum überträgt mau nicht auch diesem analog das Verdienst des einzelnen auf die Gesamtheit? Und mit welchen! Rechte will uian das gesamte Judentum für die Sünden einzelner feiner Bekenner verantwortlich inachen? Hat es je einen jüdischen Verbrecher gegeben, der sich darauf berufen konnte, daß seine Religiou dergleichen lehre? Wie, machen auch wir die Bekeuner anderer Religionen verantwortlich für die Sünden einzelner in ihrer Mitte? Nein! unsere Religion spricht den schönen Grundsatz aus: imv' inü na („Ein jeder büße sein eigenes Vergehen! Siehe auch Rum. 16, 22. u. f.) Wird es wohl einem Vernünftigen einfallen, einen gewissenhaften Lehrer für die Sünden verantwortlich zu machen, die sein entarteter Schüler begangen? Ebenso wenig kann man mit Recht die höchste Lehrerin, die Religion, verantwortlich machen für die Sünden einzelner entarteter ihrer Kinder. Wie kommt es aber, daß man' gegen uns eine Theorie anwendet, die nicht nur den Begriffen unserer Religion, sondern auch den klaren Vernunftschlüssen Hohn spricht? Um diese Theorie vollends in ihr Nichts zurückzuführen, ist es notwendig, daß der Leser mit uns auf ihren geschichtlichen Ursprung zurückgehe und diesen bis auf die heutige Zeit verfolge. Das Judentum trug stets aus seiner Fahnf die Devise: Licht und Wahrheit. Dieser Devise entsprechend, trug es auch Licht in alle Orte, die sein Fuß betrat. In Orten, die sein Fuß nicht betreten und in Gegenden, aus denen rnan es grausam verjagt, ist es Finsternis, so daß man bis vor kurzem uoch, wie im Mittelalter, das Lesen der Bibel mit Zuchthaus bestrafte (Spanien). Als weitere Belege mögen noch folgende geschichtliche Fakta in aller Kürze dienen. In Adiabene entsagten der heidnische König Jzates und dessen Verwandte dem finsteren Heidentum, von dem göttlichen Lichte des Judentums erleuchtet (47 n. d. b. Z.). Mehrere römische Große, selbst eine nicht genannte Kaiserstochter, sind von den: lichtvollen Gehalte des Judentums durchdrungen und bekennen sich heimlich zu demselben. Mit einer Auswanderung persischer Juden nach Indien wird Licht und Bildung dahin getragen (im 6; Jahrhundert) und ebenso dringt Licht und Aufklärung nach China mit der Einwanderung mäsopotamischer Juden daselbst. Im Jahre 230 steigt auch in Arabien (Jemen) die jüdische Religion auf den Thron, nachdem das Licht des Judentums dem Herrscher die Schuppen des Heidentums von seines Geistes Augen genommen u. f. w. Wie von den Griechen Kunst und Wissenschaft in die Welt gedrungen, also ging aus dem Judentum die Erleuchtung in die Welt. Mohamed legt viel Lehren des Judentums seinem Islam zu Grunde. Der Stifter der Kirche sagt ausdrücklich, „daß auch nicht ein Titelchen vom Gesetze fallen dürfe". So lange nun die Kirche noch nicht die Herrschaft besaß, lebte sie auch mit ihrer Mutterreligion in Frieden. Als sie jedoch in Konstantin (311—337) den ersten Kaiser unter ihren Bekennern gezählt hatte und unter den Päpsten Gregor II. und III. selbst über die Kaiser Präponderanz sich errang, da nahm sie eine dem Judentume feindliche Stellung an. Warum dieses? liegt auf der Hand. Das Papsttum mußte, um seine Herrschaft zu sichern,' das Volk in dem Glauben erhalten, es sei ihm der Stuhl Petri unmittelbar von Gott übertragen. Es sah bald ein, daß das Licht und Erkenntnis ausströmende Judentum seinen Zwecken hinderlich sei. Sollte das Volk dem Papsttum blindlings glauben lernen, so durfte es nicht das reine Gotteswort lesen; konnte es aber nicht von den eben so bibelkundigen als gelehrten Juden wahres Licht über seine Lage erhalten? — Die Juden mußten also unschädlich gemacht werden. Zunächst wird ihnen das Bürgerrecht entzogen, es werden ihnen die heiligsten Menschenrechte nach und nach abgenommen, sie werden aller Aemter und Würden verlustig erklärt und auf Kleinhandel beschränkt, bis endlich Papst Johann XXII. 1326 gebot, daß sie ein Abzeichen an der Brust tragen sollten. In dieser systematischen Verfolgung lag eine Solidarität — unserer Gegner. Weltliche Herrscher folgten diesen: Beispiel, ihnen voran Ferdinand der Katholische, ein Herrscher, auf dem die „dreifache Schmach der Ungerechtigkeit, Untreue und fluchwürdigsten Verfolgung lastet". (Rottek). Dieser errichtete das abscheuliche Tribunal der Inquisition in Spanien gegen die Ketzer, und als auch dieses fruchtlos war, erließ er 1492 das bekannte Edikt, das den Juden befiehlt, bei Strafe des Todes und der Vermögenskonfiskation, sein Reich zu verlassen. Vergebens waren die Bitten gelehrter und angesehener Juden um ihr Menschenrecht, vergebens ihre Vorstellung, wie mit der Vertreibung so vieler produktiver Glieder dem Lande der größte Nachteil entstehe. Ja, man ging sogar noch weiter, der Fanatismus der Menge wird gegen die Vertriebenen aufs höchste geschraubt und durfte sie ungestört schmähen. Diese Scenen wiederholten sich zu verschiedenen Zeiten und 'an Orten, die des Klerus schwerer Arm erreicht hatte. Die Kreuzzüge fanatisierten das Volk gegen die Juden, wiewohl ihr Krieg dem Islam gelten sollte. Nach Beendigung der Kreuzzüge waren es Lokalverfolgungen, unter denen die Juden zu seufzen hatten. Was für Landplagen das Land auch heinlsuchen mochten, die Juden sollten immer schuld daran sein. Als 1348/49 der schwarze Tod über fast ganz Europa wütete und 25 Millionen Menschen das Leben raubte, sollten die Juden Brunnen und Quellen vergiftet und die Luft mit Zauberei verpestet haben. Vergebens bewiesen die Juden durch tüchtige Aerzte, daß die Brunnen nicht vergiftet seien, der Fanatismus spottet aller Ueberzeugungsgründe. — Ungefähr 50 Jahre später sollten sie Christenkinder ermordet und Hostien entweiht haben. Sie werden infolgedessen verjagt: aus Magdeburg 1384; Glatz 1492 u. s. w. u. s. w. — Die deutsche Reichsverfassung betrachtete noch die Juden als „Reichseigentum", das zwar vom Reiche Schutz erhalten, aber diesen Schutz teuer erkaufen sollte. Und wirklich wurden sie nicht selten :vie „Eigentum" von einer Herrschaft der anderen geschenkt, ohne daß sie ihre Stimme für ihr gekränktes Menschenrecht erheben durften. So gewöhnte man sich nach und nach in dem Juden eine persona ingrata zu erblicken, der kein Recht eigen ist. Ja, der Name „Jude" war dem Vorurteile identisch mit dem Begriff des Verabscheuungswürdigen. Daß das Judentun: in seiner Mitte wahres Verdienst erzeugt, glaubte man nicht. Ragten große Männer im Judentume durch Verdienst und Wissenschaft hervor, so suchte wan sie zu ignorieren oder ließ sie nur als Ausnahmen gelten, welche die Regel erst recht bestätigten. So entspann sich nach und nach das Vorurteil gegen uns in den mannigfachsten Geweben. i