Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 1 (4.1.1895)
- Date
- 1895-01-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. JeflHurun. Nr. 1. fischen Juden durch Nichtleistung des Eides entstehen könnten, im Falle ihrer Rückkehr nach Rußland." — Aus dem Zarenreiche selbst wird berichtet, der Kaiser habe anbesohlen, daß bei der Speisung der Armen, die am Bestattungstage des seligen Kaisers und ebenso am Vermählungstage auf Staatskosten in der Residenz stattsand, kein Unterschied unter den Konfessionen gemacht werde, und thatsächlich habe man für die jüdischen Arme „koschere" Tische an verschiedenen Punkten der Residenz eingerichtet. — Auch aus der Provinz kommt die Nachricht, daß manche Gouverneure (z. B. der kurländische), den Vorstehern der jüdischen Gemeinden recht ansehnliche Summen aushändigten, um an den genannten Tagen die jüdischen Armen zu speisen. — UebrigenS haben die Juden in der Residenz und in den meisten Provinzstädten auch aus eigenen Mitteln eine Speisung der Armen veranstaltet, an der recht viele christliche Arme teilnahmen. — Ferner wissen die „Nowosti" zu melden, daß Kaiser Nikolaus seinen Bruder Sergius, General - Gouverneur von Moskau, telegraphisch beauftragt habe, dem Moskauer Rabbiner und den Moskauer Juden den allerhöchsten Tank zu eröffnen für ihre GratulationSdepesche. Ter Dank des Kaisers sei in besonders huldvollen Worten ausgedrückt, und die Form desselben errege außerordentliches Aussehen. — Ter Priester Johann von Kronstadt, im Volksmunde schön-schlicht „Vater Johann" genannt, der in ganz Rußland verehrt wird und welcher gewählt wurde, die Leiche des Zaren zu begleiten, spendete der Talmud- Thora-Schule zu Schwintzia 120 Rubel. Einer Deputation der Juden Jaltas, die ihm für diese edelmütige That ihren Dank abstattete, antwortete der Geistliche: „Ich liebe alle Menschen gleich und betrachte sie mit gleich freundschaftlichen Gefühlen, welcher Klaffe oder Race sie angehören mögen. Hat uns nicht Ein Gott erschaffen und müssen nicht unsere Seelen zu Einem Gotte zurückkehren?" — Einer unsrer Mitarbeiter hatte uns vor kurzem eine biographische Skizze über den „Vater Johann" gesandt, wir hatten ihn nicht gebracht, weil da ein rein jüdisches Thenm nicht behandelt wurde. Nun werden wir den Aussatz doch noch bringen. Non BezirkSrabb. Dr. JaraczewSki, Mühringen. Solidarität im Judentume oder nicht? das ist eine Frage, die, obwohl ihr Alter bis in die erste Zeit der steigenden Macht der Kirche hineinragt, dennoch heute ihre genügende, praktische Lösung in der Gesellschaft noch nicht gefunden. Von der oft absichtlich falschen Beantwortung dieser Frage ist so manche Unbill herzuleiten, die uns oas Vorurteil und dessen Schwester, die Bosheit zugefügt. Um so dringender entspringt hieraus für uns die Mahnung, daß sich innerhalb des Judentums Stimmen erheben zur richtigen Beantwortung dieser Frage, und daß wir diese der Welt gegenüber in ihrer richtigen Bedeutung darzustellen suchen. — Solidarität in: Judentume oder nicht? Mit anderen Worten: Bilden die Bekenner des Judentums eine Verbindung, deren Angehörige alle für einen und einer für alle in allen Dingen zu haften verbunden sind? Wir antworten hierauf entschieden mit „Nein." Wohl hat die Zeit verschiedenartige Verbindungen geboren, deren Tendenzen ihren Gliedern eine Solidarität notwendig machten, im Judentume sucht man aber vergeblich ihre Wiege und Existenz. Vielmehr sind diese in der Kirche und der Zeit ihrer Herrschaft zu finden. So entstand der 1401 von Ignaz von Loyola gegründete und vom Papste Paul HI. 1540 bestätigte Jesuitenorden, dessen Mitglieder außer dem Gelübde der Be-- folgung der Regeln anderer Orden, noch das Gelübde ablegten, solidarisch zu hasten für die Verbreitung des Gehorsams gegen den Papst in allem, was den Dienst der Kirche und vorzüglich gegen Ketzer und Ungläubige beträfe. Ebenso entstand 1241 zum Schutze merkantiler Interessen der berühmte Hansabund, dessen Angehörige solidarisch für den Schutz ihrer Handelsinteressen gegenseitig hasteten. Und endlich waren es die Zünfte, Innungen und Gilden, die im Mittelalter so sehr florierten, welche zmn gegenseitigen Schutze ihrer materiellen Interessen entstanden und des diesen verwandten geistigen Eigentums. In der Erweiterung der Hierarchie, in der gegenseitigen Wahrung merkantiler Interessen und endlich in dem gegenseitigen Schutze materiellen Besitzes und diesem verwandten geistigen Eigentums ist mehr und minder der Ursprung zu suchen des ganzen Vereinswcsen, das auf Solidarität seiner Angehörigen beruht. Vergebens bemühen wir uns aber auch mir eine dieser drei Quellen, denen die Solidarität entspringt, im- Wesen des Judentums zu entdecken. Nicht nur bricht sein Stifter Mose über das Prinzip der Hierarchie den Stab, wie wir aus Num. 11, 22. u. das. 12, 8. ersehen, er verheißt auch Deutoron. 18, 15. dem Volke ausdrücklich einen Träger seiner Ideen zum ^Nachfolger, und macht also das hierarchische Prinzip für alle Zeiten im Judentume unmöglich. Ebenso hatte Mose jegliche Verbindung mit den Nachbarvölkern, also auch die kommerzielle abzuschneiden gewußt. Eine Vereinigung zur Wahrung merkantiler Interessen ist also unter diesen Umständen nicht denkbar. Endlich hatten ja die großen Strafen, die auf Uebertretung der göttlichen Gebote gesetzt waren, hinreichende Bürgschaft gegeben für den Rechtlichkeitssinn und die Rechtschaffenheit des Volkes und schliche Verbindung zur Erlangung dieser Bürgschaft überflüssig gemacht. — Also keine Solidarität im Judentume! Wohl waren zur Zeit des zweiten Tempels die Juden in drei Religionsparteien geteilt, aber es waren diese Parteien keineswegs Vereine, deren Glieder solidarisch für einander hafteten, sondern es hatte jede der Parteien ihre besonderen Ansichten über verschiedene ReligionS- und Zeitfragen, und zählte man Individuen, die sich zur Ansicht der einen oder der anderen bekannten, zur Partei selbst. Keineswegs war aber das Individuum für die Gesamtheit seiner Partei, und ebenso wenig war die Gesamtheit für die sich zu ihr bekennenden Individuen verantwortlich.*) Jeder konnte auch nach Belieben von einer Partei zur anderen übergehen, was ja bei einer solidarischen Vereinigung nicht möglich gewesen wäre. Und wirklich finden wir den Pharisäer Johann Hyrkan (136—105) zu den Saduzäern übertreten, ohne daß irgend wie ein Zwang ausgeübt worden wäre. Muß nun das Judentum nach dem eben Gesagten von vornherein jegliche Solidarität zwischen seinen Bekennern entschieden zurückweisen, so ist doch die Wahrheit wahrhaft unerquicklich, daß man uns noch in heutigen Tagen eine Solidarität vindicieren will, die am allerwenigsten in dem Wesen des Judentums und ebensowenig in den Tedenzen begründet ist, die wir befolgen. Es ist dieses folgende. *) Auf die Essäer freilich trifft dies nicht zu, da diese z. B. Gütergemeinschaft hatten-