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Jeschurun · 1895-01-04 · 1 (4.1.1895) · p. Seite 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1. Jeschrrrrin. Seite 3. jetzt keinen. Niemand ist als Reformer mit einer bestimmten Idee oder einem bestimmten Programm erstanden, um welche sich ernste Schüler oder Anhänger scharen ließen. Im Gegenteil ist die ganze Bewegung chaotisch, sensationell und unlogisch gewesen. Die Verwilderung, welche aus der Thatsache erwachsen ist, daß von jeder Kanzel, welche jüdisch zu sein vorgiebt, ein verschiedenes „Judentum" gelehrt wird, beweist am besten, wie notwendig ein Gradmesser für die verschiedenen religiösen Vereinigungen ist, und dies muß das wahre „Judentum" sein, welches für alle Juden der gemeinsame Grund und Boden ist. Was ist nun das „Judentum?" — Redner führte dieses Kapitel weitläufig aus, zitierte die Ansichten hervorragender Gelehrten über diesen Punkt und fuhr dann fort: „Die Juden dürfen die Demoralisierung, welche in ihren Synagogen besteht, nicht länger andauern lassen. Wenn sie ihre alte Religion bewahren und für ihre Kinder erhalten wollen, dann müssen sie darauf dringen, daß ihre geistigen Führer jene Religion definieren, ihr fest anhängen und sie auch den Gemeinden lehren. Viele derjenigen, welche jetzt als jüdische Rabbiner figurieren, werden dann zweifellos finden, daß sie von dieser oder jener Stellung, welche sie eingenommen haben, ablassen müssen oder daß sie sich vom Judentum zu trennen haben. Immer und immer wieder haben die Prediger unter den Juden falsche Lehren verbreitet. Es ist an der Zeit, daß einmal ein Führer ersteht, welcher in das Chaos Ordnung bringt. Das Volk ist reif dafür. Es ist dazu gekommen, seinen Rabbinern zu mißtrauen und die Lehren, welche von der Kanzel verkündet werden, mit Gleichgiltigkeit zu betrachten. Möge die Zeit nicht mehr fern sein, da Wandel hierin geschaffen wird. Die Zukunft des Judentums hängt davon ab." — Die Rede des Herrn Levy nahm eine volle Stunde in Anspruch und wurde wiederholt durch lebhaften Applaus unterbrochen. Nachdem er geendet, wurde beschlossen, dem fähigen Redner den Dank der Konvention abzustatten und die meisterhafte Rede dem Protokoll einzuverleiben und zum Druck zu beordnen. Dr. Landsberg (von wo? Red.) betrat dann die Bühne und ließ in beredten Worten die vernommene Rede Revue passieren, wobei er einzelnen Teilen derselben beipflichtete, inbezug auf die von dem Vorredner wiederholt gestellte Frage über wahres Judentum jedoch der Ansicht war, daß diese Frage vor Jahrhunderten beantwortet worden sei und täglich beantwortet werde; daß nur ein einziges Judentum bestehe und daß die von Herrn Levy gemachten Bemerkungen über Reform - Juden und Reform - Rabbiner nicht am Platze seien. Darauf wurden von verschiedenen Seiten Stimmen laut für und gegen die Rede. Dr. Wise-Cincinnati erhob eine Ordnungsfrage und bemerkte, daß die Konvention nicht eine Konferenz von Rabbinern sei, um theologische oder religiöse Fragen zu erörtern und zu debattieren, sondern eine Versammlung von Laien, um über vorliegende Angelegenheiten der bestehenden Union zu beraten; er verlangte, daß die Tagesordnung ausgenommen werde. Andere Delegierten verlangten das Wort und eine Zeitlang herrschte eine allgemeine Konfusion, während welcher Proteste gegen die Anschuldigungen gegen Reform-Rabbiner und gegen die Veröffentlichungder Rede des Herrn Levy erhoben und Anträge für Wiedererwägung der bezüglichen Abstimmung gestellt wurden. Der Vorsitzende hatte seine liebe Not, die Ordnung aufrecht zu erhalten, bis schließlich eine Wiederabstimmung vorgenommen wurde. Das Dankesvotum wurde wieder einstimmig angenommen, während über die Veröffentlichung der Rede die Stimmen geteilt waren. Der Vorsitzende entschied indes, daß eine Mehrheit sich für dieselbe erklärt habe. Nun aing der Tumult wieder los und Proteste gegen diese Entscheidung wurden erhoben, worauf Herr Levy einige kurze Bemerkungen zur Rechtfertigung der von ihm ausgesprochenen Ansichten machte und dann in einer nochmaligen Abstimmung die Veröffentlichung seiner Rede mit einer kleinen Mehrheit angenommen wurde. Ein Herr Bettmann stellte darauf einen Antrag, der Rede beizufügen, daß die Ansichten des Herrn Levy nicht von dem Konvent endossiert worden seien, dieser Antrag wurde nun angenommen. — Wie dem auch sei, die Verhandlungen des diesjährigrn Konvents bedeuten einen Protest gegen die Heißblütigkeit unserer zumeist jugendlichen Rabbiner, bedeuten — wie schon gesagt — einen Ruck nach rechts in Amerika. Es wäre verkehrt, dies leugnen zu wollen. Zur Situation in Wand. Die russischen Juden, welchen bis in die neueste Zeit hinein eine stehende Rubrik in der spezifisch-jüdischen Presse eingeräumt werden mußte, scheinen auch jetzt auf eine gleiche Beachtung Anspruch machen zu wollen. Freilich, der Inhalt dieser Rubrik wird jetzt grundverschieden sein von dem in den verflossenen Jahren; während man früher alles grau in grau zeichnen mußte, möchte man jetzt nur die Farbe der Hoffnung verwenden. Ein Mitarbeiter der „New-Aorker St.- Ztg." beschreibt sogar schon die Sehnsucht der drüben lebenden russischen Juden nach ihrer alten Heimat. Er zieht eine Parallele zwischen den dort eingewanderten, in Armut lebenden Juden und denen in Rußland in der vor-Jgnatiew'schen Epoche, und die Parallele fällt zugunsten Rußlands aus. Und da die Juden in Nikolaus II. einen geistigen Nachfolger Alexanders II. erblicken, so sei die in Amerika vielbeachtete Thatsache, daß an der Eidesleistung für Nikolaus II. in New- Pork vornehmlich Juden teilgenommen, ein Beweis, daß diese einen Zug nach dem Osten wagen und in ihre Heimat zurückkehren wollen. — Oberrabbiner Dr. Hermann Adler in London, welcher inbezug aus den von ihm abgenommenen Huldigungseid der russischen Juden interviewt worden, hat sich über seine Haltung bei diesem Vorgang folgendermaßen ausgesprochen: „Meine Anschauungen über die Behandlung meiner Glaubensgenossen in Rußland haben sich in keinem Punkte geändert. Aber es ist weder recht noch weise vorauszusetzen, daß die Unterdrückung und die Verfolgungen, welche unter Alexander III. stattgefunden haben, unter dem neuen Herrscher fortdauern werden. Was wir von dem Charakter des jungen Zaren und der Zarin wissen und die von ihm bereits erlassenen Befehle ermutigen uns zu der Erwartung, daß er allen seinen Unterthanen ohne Unterschied des Glaubens Gnade und Gerechtigkeit erweisen wird. Ich gab den Unterthanen des Zaren die nötige Gelegenheit, den Huldigungseid in einem Gotteshause zu leisten, wie das russische Gesetz verlangt, um zu zeigen, daß ihre Loyalität nicht weniger aufrichtig ist, als die ihrer orthodoxen Mitbürger. Ich wünschte ferner auch jede Schwierigkeit zu vermeiden, welche den rus-

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