Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1895-01-04 · 1 (4.1.1895) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1895)
Issue
1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9610650-9609614-9609624--270-9609626
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2. JefcHururr. Nr. 1. widmen, überzeugt, daß man sie nicht der "Not preisgeben und daß man die Subsidien, die ihnen bewilligt weroen, nicht ais einen Bettelpfennig, sondern als eine Ehrengabe, als ein Opfer auf dem Altar der Religion und der Wissenschaft betrachten werde. In flavifchen Ländern giebt es heute noch eine stattliche Anzahl begüterter Juden, welche große Summen der Drucklegung hebräischer Werke widmen, was dann auf bem Titelblatte angegeben wird. Bei uns in Deutschland ist der Konnex der alten Firma ziemlich gelockert worden. Immer seltener werden die 'Nachkommen Sebuluns, die den Jüngern Jsachars eine behagliche Existenz vermitteln und ihnen freigebig an die Hand gehen, damit sie die Früchte ihres Geistes jedermann durch die Presse zugänglich machen können. Bekanntlich hat der lateinische 'Name für „Buch" auch die Bedeutung „Kinder." Unter den Juden war die Anschauung verbreitet, daß derjenige, der kinderlos ist, ein Buch verfasse, oder ein von einem fremden Autor geschriebenes drucken lasse, damit sein 'Name verewigt werde. In unserer Zeit giebt es wohl Israeliten, welche Bücher verfassen, um die ihnen fehlenden Kinder zu ersetzen, oft so zahlreich, als wollten sie eine sehr große Familie repräsentieren, allein sehr rar sind die Männer, welche einen Autor unterstützen, um Anteil an einem geistigen 'imde zu erlangen. Ueberhaupt ist es trotz aller mit Recht gerühmten Wohlthätigkeit und Freigebigkeit der Juden eine höchst seltene Erscheinung, daß ein sehr reicher Sohn Israels bedeutende Summen zu wissenschaftlichen Zwecken widmet, bei seinem Leben wissenschaftliche Aufgaben mit großartiger Munifizenz bedenkt, der in seinem Testamente wissenschaftliche Institute errichtet oder bereits bestehenden als hochherziger Mäcen sich erweist. Sollte nicht auch hierin eine Wandlung eintreten; sollte man nicht der alten Firma von neuem Kredit verschaffen? (fin Rudi nach rechts in Jliutrikn. d. New-Orleans, 5. Dezember. In der Rotunda des Hotel Royal traten gestern vormittag die Delegierten des „Verbandes amerikanisch-israeli-- tischer Gemeinden" zu ihrem Konvent zusammen. Tie Beteiligung ist eine ungewöhnlich starke und nach dem lebhaften Interesse zu schließen, welches den Verhandlungen schon am ersten Tage entgegengebracht wurde, verspricht der diesjährige Konvent, der vierzehnte seit Gründung des Verbandes, auch höchst ersprießliche Ergebnisse zu zeitigen. — Der Vorsitzende begrüßte die Delegierten und hob die edlen Ziele des Llerbndes hervor. Er kam alsdann in gedrängter Kürze aus die Geschichte des Verbandes zu sprechen und wies aus den rühmlichen Anteil hin, welchen die „Union os American Hebrew Congregations" an der Beschützung der vertriebenen russischen Juden genommen, denen sie auf jede mögliche Weise ihr trauriges Los zu erleichtern gesucht habe. Zu den Fonds des Verbandes steuerte jetzt schon eine erkleckliche Anzahl bei; im verfloffenen Jahre seien rund Dlr. 50 000 gezeichnet worden. Doch aus den Verhandlungen kann Ihre Leser nur eines interffieren, die Rede des Herrn Leo N. Levy aus Golveston, denn diese bedeutet nichts mehr und nichts weniger als — wie Sie es bei anderer Gelegenheit genannt haben — einen Ruck nach rechts in religiöser Hinsicht. Herr Levy, selbst ein Mann von hoher Intelligenz, tiefem Wissen aus prosanenl und freier Richtung auf religiösem Gebiete, hat entschieden und mannhaft Front gemacht gegen alle Resormwillkür, gegen alle zwecklose Verstümmelung jüdischer Sitte, jüdischen Brauches. Lasten wir Herrn Levy selber sprechen: „Eine höchst merkwürdige Erscheinung in der intellektuellen Entwicklung des 19. Jahrhunderts ist die Neigung, alles bei Seite zu schieben, was alt ist, um Platz zu machen für etwas, was modern ist. Und da läßt sich nun sagen, daß, obschon eie Entdeckungen und Erfindungen des jetzigen Zeitalters alle früheren in den Schatten stellen, es nichtsdestoweniger wahr ist, daß wertlose Neuerungen gegenwärtig zahlreicher sind als je zuvor. Selbst die Juden, welche sich stets durch ihr konservatives Verhalten ausgezeichnet haben, sind nicht der vorherrschenden Tendenz aus dem Wege gegangen. Zu allen Zeiten sind die Juden dafür bekannt gewesen, daß sie die Gesetze und die Lehren ihres alten Glaubens in ihrer Reinheit bewahrt haben. Ihre Philosophie, die sich auf ihre Religion gründet, hat mit Erfolg allen Angriffen widerstanden, welche im Lause der Jahrhunderte von jedem feindlichen philosophischen System, von Unglauben oder Skeptizismus daraus gemacht worden sind. Aber in Amerika, und besonders in den Vereinigten Staaten, hat sich eine große Anzahl mehr oder weniger erleuchteter Juden dem rücksichtslosen und berauschenden Verlangen nach Neuheiten ergeben und die rauhe Hand an alles gelegt, was überhaupt Gelegegheit zum Angriff bot. Was immer alt ist, wird von ihnen als banal betrachtet. Die Bewegung, an welcher diese Juden sich beteiligen, wirkt lediglich zerstörend. Sie baut nicht auf, sondern reißt nieder. Damit soll nun beileibe nicht gesagt sein, daß die Errungenschaften dieses Jahrhunderts zu unterschätzen sind. Die Zivilisation ist in einer einzigen Generation mehr gefördert morden, als vordem in Jahrhunderten. Aber Reform und Reform ist ein Unterschied. Von den frühesten Zeiten haben unter gelehrten und frommen Juden Meinungs-Verschiedenheiten bestanden inbezug aus religiöse Angelegenheiten. Die religiöse Litteratur der Juden hat dadurch natürlich ihre Bereicherung erfahren. Die Meinungs-Verschiedenheiten lassen sich in drei Klassen zergliedern: 1. Verschiedene Ansichten über die wahre Auslegung von Teilen des Pentateuchs; 2. über die traditionelle Lehre und Praxis, die nicht ausdrücklich in der Schrift selbst hervorgehoben sind; 3. über die Aenderungen in Liturgien und Zeremonien, welche durch die veränderten Verhältnisse, die auf den Fortschritt der Zivilisation zurückzuführen sind, verursacht wurden. Alle diese Meinungs-Verschiedenheiten aber entstanden über Sachen, welche /nicht die Integrität des Pentateuchs berührt. Kommt jedoch jetzt eine 'Neuerung aufs Tapet, welche die Authentizität und bindende Kraft des Pentateuchs in Frage stellt, so wird das Judentum selbst angegriffen. Es ist nichts in der Geschichte des Judentums enthalten, was der Annahme Vorschub leisten könnte, daß es das Recht der individuellen Meinung und die Gewissensfreiheit bestreitet. Betrachten wir die sogenannte jüdische Reform- Bewegung in Amerika, so ist die Erscheinung, welche uns da in die Augen springt, der Mangel an einem System. Sie ist spasmodisch udd durchweg verneinend gewesen. Sie hat niemals einen großen Führer gehabt und besitzt auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.