Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1895)
- Issue
- 1 (4.1.1895)
- Date
- 1895-01-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. 1895. Z-7D J Berlin, den 4- Januar. 4 Jahrgang. Herausgeber: A. Levin, Werkm. sraelitische Wochenschrift. Bezugspreis: viertekjährt. 2 WK. Erscheint an jedem Areitag. Bezugspreis für das Ausland: WK. 2,50. Zu beziehen durch die Post unsere Expedition oder den Buchhandel. Redaktion und Rerlag: Hr. Kamöurgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 pf., nehmen alle Annoncen-Expeditionen sowie unser Bureau entgegen. Eine alte Firma. Der Ruck nach rechts in Amerika. Zur Situation in Rußland. Jüdische Solidarität. Von Dr. Joraczewski. lieber die Aussprache des Hebräischen. Shakespeare. Von M. L. Zu Neujahr 1895. Von I. M. Eine jüd. Nase. Von S. N. Margulies. Wochenchronik. — Kalender. — Anzeigen. fine alte Firma. In der Kaufmannswelt ist diese Firma weniger bekannt; destomehr accreditiert ist sie in Gelehrtenkreisen. Sie heißt: Jsachar und Sebulun*) und ist in den Registern der jüdischen Weisen seit Jahrhunderten protokolliert. Der erste, Jsachar, ist ein Mann des Geistes, der Idee, der Forschung, der Wissenschaft. Er lebt in seinem Heim, hängt seinen Gedanken nach, beobachtet den Himmel, forscht auf und in der Erde, durchsucht Archive, um die Vergangenheit zu erfahren, die Gegenwart zu erklären, die Zukunft zu beleuchten und hält sich fern vom Getriebe und Gedränge des geräuschvollen Verkehrs. Der zweite, Sebulun, ist ein Mann des praktischen, werkthätigen, gewinnsuchenden Lebens. Er knüpft Handelsverbindungen an mit fremden Reichen und überseeischen Gebieten, sendet reichbeladene Schiffe aus, und läßt sie mit fremdländischer Fracht versehen in die heimischen Hafen zurückkehren. *) Für unsre Leser aus dem „Laien"-Stande fügen wir die Er-, klärung hinzu, daß in der Deutung zweier Sätze aus dem Schriftabschnitte der kommenden Woche (I. B. M. Kap. 49, 13—14) in Verbindung mit dem Abschiedssegen Moses (V. B. M. Kap. 33, 18), der Stamm Sebulun als ein handeltreibender und Jsachar als der Stamm der Wissenschaft bezeichnet wird. In ihrer sinnigen Weise schildern unsere Alten das Verhältnis der beiden Stämme zu einander als eine Art Kompagnicgeschäft: Sebulun versorgte Jsachar mit materiellen Gütern, auf daß dieser dem idealen Erwerb obliegen könne. Es ist, wie man sieht und wie gesagt, eine alte Firma, die man heute kaum dem Namen nach kennt. Red. Der Vertrag zwischen diesen beiden Assocws ist 'n ganz eigentümlicher. Jsachar erwirbt absolut nichts, nicht eine Mark, und doch wird er von der bangen Sorge nicht umlagert. Denn sein Kompagnon versieht ihn reichlich mit allem nötigen und verschafft ihm Muße, um den Studien sich zu ergeben, Forschungen anzustellen, Beobachtungen zu machen, Experimente auszuführen, Vorträge zu halten und Bücher zu schreiben. Sebulun ist unter Warenballen und Schiffsladungen heimisch, mustert Natur-, Kunst- und Jndustrieprodukte, beschäftigt sich blos mit seinen Büchern in Folio, welche Soll und Haben verzeichnen, schreibt keine gelehrten Abhandlungen über Sonnenflecken, Mondfinsternisse und Kometen, sondern blos Briefe an seine Geschäftsfreunde. Und doch leben diese beiden Associös in der schönsten Harmonie! Jsachar rechnet es seinem handeltreibenden Kompagnon hoch an, daß er eigentlich es ist, durch dessen materielle Hilfe und Teilnahme die Wissenschaft vermehrt und der Fortschritt des Geistes gefördert wird und alle jene Männer, welche Jünger, Genossen und Freunde Jsachars sind, rühmen die Munifizenz Sebuluns und betrachten ihn als wirklichen Teilhaber an den Resultaten der Wissenschaft und als wahrhaften Kompagnon an den immer reicher hervortretenden Evolutionen des Geistes. Wenn es möglich wäre, so würden sie jeden neu entdeckten § tern „Sebulun" nennen, oder wenn es schicklich wäre, so würden sie alle Namen der Handelsschiffe Sebuluns in den Himmel versetzen. Sebulun empfindet die freudigste Genugthuung und fühlt sich reichlich belohnt, daß er durch die materiellen Mittel, die er Jsachar freigebig zur Verfügung stellt, dem menschlichen Geiste den Weg zur Erkenntnis in der Natur wie in der Geschichte bahnt und ihn mit unblutigen Waffen ausrüstet, um die glänzendsten Triumphe auf dem Gebiete der Einsicht und der Vernunft zu feiern. Diese alte Firma prosperierte Jahrhunderte lang unter den Bekennern des Judentums. Die reichen und begüterten Söhne des jüdischen Stammes hielten es für ihre Pflicht, die Männer der Thora, der Wissenschaft, des geistigen Schaffens und Produzierens zu unterstützen und sie mit Geld zu versehen, damit sie die Werke des Geistes drucken und veröffentlichen könnten. Die gelehrten Schriftkundigen, die forschenden, dichtenden, lehrenden und schreibenden Söhne des Judentums konnten den geistigen Arbeiten alle ihre Kräfte