Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- Seite 511 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 511. Nr 32. I e sch u sprach zu ihnen: „Gehet so Hand in Hand durch das Leben und wirket vereint zur Ehre Gottes und Israels!" Hierauf legte er die bleiche Hand auf das Haupt des Sohnes und sagte: „Der Herr möge dich in seinen Schutz nehmen. Sorge «für, daß der Name Maimun auch fürder ein Ehrenname bleibe. Verzeihe du und Aknin meinen Gegnern. Ich bin ein Mensch und kann auch gefehlt haben. Benachrichtigt sie, daß ich vor meinem Tode ihnen alles vergeben habe. Beherziget, was die Geschichte uns von den zwei berühmten Lehrern, Alfaßi und Albalia berichte:. Sie standen sich im Leben feindlich gegenüber. Am Sterbebette sprach Albalia zu seinem Sohne: Gehe nach meinem Ableben nach Lucena zu meinem Gegner und melde ihm, daß ich ihm in der letzten Stunde der Versöhnung mit Gott alles vergeben habe, was er schriftlich und mündlich gegen mich gesündigt, und erwarte daß er auch mir verzeihen werde. Ich hoffe, Alfaßi wird auch großmütig den Sohn seines Feindes mit offenen Armen aufnehmen. Albalia starb und der Sohn that, was der Vater ihm befohlen. Und Alfaßi umarmte unter Thränen den Sohn seines Feindes und sagte zu ihm: Ich will dir fortan Vater sein." Bei diesen Werten erhob Maimuni zum letztenmal die Augen zum himmlischen Vater und verschied. — Nicht nur Kahira, die gesamte Judenheit hatte ihren größten Mann verloren. Seine Leiche wurde in Tiberias auf geweihtem Boden bestattet. Die Trauer um ihn war allgemein. In Jerusalem wurde ein Fasten ungeordnet, wobei man aus der Schrift das Strafkapitel und den Raub der Bundeslade las. Seinen Tod betrachteten die israelitischen Gemeinden als eine Strafe, welche über sie verhängt ward; das Teuerste wurde ihnen geraubt. „Von dem Propheten Moses bis zu diesem Moses," riefen sie, „lebte nicht seinesgleichen." Gleich jenem ist auch dieser nicht gestorben. In That und Wort lebt er in der Geschichte Israels fort und fort. * Wie jede außerordentliche Erscheinung wurde auch das Leben Maimunis von der Sage vielfach verherrlicht. „Die Begleiter des Sarges seien," erzählt sie, „auf dem Wege von Fvstat nach Tiberias von Beduinen angefallen worden, als sie die Flucht ergriffen, konnten die Beduinen den Sarg nicht von der Stelle fortbewegen, diese empfanden daher eine heilige Scheu und schlossen sich in Ehrerbietung dem Geleite an." — Ein anderer erzählte von Maimunis unübertrefflicher ärztlicher Geschicklichkeit folgendes: „Die Hofärzte des Sultans waren von Mißgunst gegen Maimuni erfüllt, weil er sie verdrängte und ihre Kunst verdunkelte, und sie fädelten eine Jntrigue gegen ihn ein, um ihm die Gunst des Sultans zu entziehen. Ein Mann, der vvrgab, blind geboren zu fein, kam vor den Sultan und bat ihn flehentlich, er möge von seinem geschicktesten Arzte ihn operieren lassen, damit er des edelsten Gottesgeschenkes, des Augenlichtes, nicht entbehre. „Wenn du blind geboren bist, wird dies wohl kaum möglich sein/' bemerkte der Sultan. „Ich will indessen dein Glück dir nicht absprechen und will sogleich Befehl erteilen, daß die tüchtigsten Ärzte erscheinen. Kannst du init Hülfe deiner Kunst diesem blindgeborenen Mann das Augenlicht, wenn auch nur eineu schwachen Swimmer davon r u n. verschaffen?" wandte er sich, als sie eintraten, fragend an Maimuni. „Bist dir gänzlich blind geboren?" fragte nun Maimuni mit herzlicher Teilnahme den ihm unbekannten Mann. „Gänzlich blind, mein Herr!" „Dann muß ich aufrichtig bedauern," erwiderte er ohne Mißtrauen gegen den Blinden. „Du mußt dein Schicksal mit Geduld und Ergebung tragen. Bei einem Blindgeborenen versagt meine Kunst ihren Dienst." „Deine Kunst," riefen die anwesenden Ärzte, ,,aber nicht unsere. Wir verpflichten uns, v Sultan, diesem Unglücklichen in kurzer Zeit die Sehkraft zu verschaffen". „Wohlan!" rief der Sultan, , das ist ein Fall, an dem eure Kunst erprobt werden kann. Wer den Mann heilt, muß billig den höchsten Rang unter meinen Ärzten einnehmen." Maimuni maß die Nebenbuhler mit einem Blicke der tiefsten Verachtung und sah genau den Mann an, damit keine Verwechselung geschehen könne. „Glaubst du, wir werden dir einen anderen Menscheil unterschieben, daß du so mißtrauisch den Mann von allen Seiten betrachtest?" fragen die Ärzte. - „Wenn id) jetzt sagen wollte, was ich glaube, würde ich die Ehrfurcht vor unserem Herrscher verletzen," entgegnete Maimuni scharf. Es verliefen einige Wochen, die Ärzte erschienen mit dem geheilten Manne am Hofe und der Sultan ließ Maimuni herbeiholen. „Diesmal hat deine Wissenschaft dich im Stiche gelassen, Maimuni. Auch der große Homer," begütigte er ihn, „schlaf: zuweilen. Da ist der Mann, er sieht so gut wie du." Der Sultan ließ herauf sämtliche Anwesende kurz vor der Abenddämmerung in ein halbdunkles Zimmer führen. Maimuni betrachtete den Mann und sagte: „Ganz recht, es ist derselbe. Fällt jetzt zum erstenmal die Binde von deinen Augen?" frug er mit angenommener Ruhe den Geheilten. „Zum erstenmal, o Herr!" „Kannst du die Binde sehen? Von welcher Farbe ist sie?" „Ich kann sie ziemlich deutlich sehen, sie ist weiß." „Kannst du jetzt schmerzlos das strahlende Sonnenlicht ertragen?" forschte Maimuni weiter. „Ich sehe keine Sonne, wir befinden uns ja im Zwielicht." „Siehst du genau den hausierenden Krämer dort, vielleicht gar die Farben seiner Waren?" „Alles auf das deutlichste, die Turbane in der Hand sind rot, die Schleier schwarz, auch blaues Tuch liegt auf „seinem Kasten. „Wahrhaftig! Ich bin ein Opfer der niedrigsten Jntrigue deiner Ärzte," rief Maimuni laut, „und der sträflichsten Verstellung dieses Betrügers, der vorgab, blind geboren zu sein. Sie haben deine Person, allergnädigster Herrscher, zu einem schändlichen Gaukelspiel mißbraucht. Zwielicht, weiß, rot, blau, schwarz! Wie kann ein Blindgeborener solche Begriffe haben? Unmöglich! Wie kann er den Unterschied der Farben begreifen, sie so deutlich unterscheiden und benennen? Nimmermehr!" Der Sultan hatte den berühmtesten Arzt jener Zeit, Abdallatif aus Bagdad, der gerade in Kahira anwesend