Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- Seite 510 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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I e s ch u r u n. r<- Nr. 32. Seite 510. * Die russische Einwanderung macht den New Aorker Behörden und Tageblättern wieder einmal zu schaffen, und bauschte man die Thatsache, daß ein nicht zu einer regulären Linie gehörender Dampfer an 974 russische Emigranten als Passagiere hinüber befördert hatte, zu einem großen verderbenbringenden Ereignis auf; nun stellt es sich heraus, daß besagte Einwanderer durchaus anständige Leute sind und daß es vernünftigerweise keinen stichhaltigen Grund giebt, dieselben nicht landen zu lassen, und mußte sich die Einwanderuugsbehörde wohl oder übel zu diesem Schritte bequemen, besonders da auch Herr Oskar Strauß, früherer Gesandte in der Türkei, sich erbot, genügendende Bürgschaft für eine Anzahl aller Mittel entblößten Einwanderer zu stellen. Personalien. Herr Kantor Rawitscher ist von Pinne nach Schweidnitz; Herr Kantor und Lehrer Kalischer von Zabrze nach Danzig versetzt worden. — Die Kantoren HH. Leipziger-Thorn und Rosenkranz-Riesenburg sind nach Berlin gezogen und Kaufleute geworden. — Von den Ende Juli ausgetretenen Würzburger Seminaristen sind berufen worden: H. Meier Zucker nach Altena (Wests.) H. Siegm. Karlsberg nach Ettlingen (Baden.) finiiilmr.niiiiiij. Maimonides. Historische Erzählung von Dr. M. Dessaner. Schluß) Wie wenig dieser Vorfall dem Ansehen des Maimonides Eintrag gethan hat, zeigt der Umstand, daß er kurz darauf von der Regierung zum Reis (Oberhaupt) über sämtliche egvptische Gemeinden ernannt wurde, eine Würde, die sich später auf seinen Sohn und Enkel vererbte. Je höher er aber stieg, desto mehr heftete sich der Neid und die Verkleinerungssucht an seine Fersen, desto ungestümer zogen und zerrten die Zwerge an dem Riesen, um ihn in ihre niedrige Sphäre herabzuziehen. Obgleich an seiner Frömmigkeit und Strenggläubigkeit kein Makel zu finden war, wurde doch jede reformatorische Bewegung in und außerhalb Egyptens, jede offene Meinungsäußerung eines Freigeistes von den jüdischen Zeloten auf den Einfluß seiner Schriften zurückgeführt. Trotz der Anfeindungen ließ Maimuni den Mut nicht sinken, sondern sandte sein bestgehaßtes und bestgeliebtes Buch, den „Führer" (Moreh) im Jahre 1190 in die Welt hinaus. „Der Führer der Verirrten" war Maimunis letztes großes Werk, welches ihm zahlreiche neue Verehrer, wie heftige Gegner erweckte. In den letzten Lebensjahren war seine Gesundheit durch anhaltendes Denken und Arbeiten angegriffen, und er beschränkte sich auf die amtliche und ärztliche Thätigkeit, die ihn, besonders die letztere, vollauf beschäftigte. Dazu kam sein ausgedehnter wissenschaftlicher Briefwechsel und die sehr sorgfältige Erziehung seines Sohnes Abulmeni Abraham, der das Ebenbild seines frommen, edlen und gesinnungsstarken Vaters werden und dessen Ämter und Würden erben sollte. Zu des Vaters hoher Geisteskraft uud unsterblichem Ruhme konnte zwar Abraham sich nicht emporschwingen. Aber seine reiche Gelehrsamkeit und sein biederer, sanfter Charakter machte ihn zu einem tvürdigen Sohne seines großen Vaters. — Neue schwärmerische Verehrer erwarb sich Maimonides namentlich in der Provence. Mehrere Gemeinden daselbst überhäuften ihn mit wichtigen Anfragen und . fast vergötternden Lobeserhebungen; besonders schauten die Gelehrten Lünels mit hoher Verehrung auf ihn und schrieben mehrmals an „den zweiten Moses", der deshalb so hieße, weil er sein Volk aus den Fluten der Unwissenheit gezogen. Sie baten um eine hebräische Übersetzung seines arabisch geschriebenen „More", denn ihre Seele hinge in Liebe an seinen Schriften, welche sie begeisterten und erquickten. Er verfaßte für sie, trotz seiner Schwächlichkeit und Überbürdung, sehr lehrreiche Gutachten, die von seiner Verstandesktarheit und seinem Freimuteein glänzendes Zeugnis ablegen. In betreff der Übertragung, seines Führers empfahl er ihnen den als Meister im Übersetzen berühmten Samuel Jbn Tibbvn in ihrer Gemeinde. — Nach vielen Wirren am Hose, welche auch Maimuni nicht unberührt ließen, gelangte Alafdhal, Saladin's ältester Sohn zur Herrschaft. Dieser war von Maimunis Geist und ärztlicher Kunst sehr eingenommen; er ernannte ihn zum Leibarzt und beauftragte ihn, ein Kompendlnm, Makrobiotik, für ihn behufs einer geordneten und regelmäßigen Lebensweise zu verfassen. Der neue Beruf nahm nun seine ganze Zeit in Anspruch. Welche Last auf seinen Schultern ruhte, schildert er dem Übersetzer seiner Werke, Tibbon, folgendermaßen: „Die Residenz ist Kahira und ich wohne in Fostat, diese Städte liegen zwei Scubatwege (ungefähr Vg Meile) von einander entfernt. Mit dem Sultan habe ich keinen leichten Stand; täglich muß ich mich in der Frühe an den königlichen Hof begeben, um nachzusehen ob etwa der König selbst, oder eine seiner Frauen, eines seiner Kinder oder sonst jemand von den höheren Hofbeamten erkrankt sei. Diese Besuche dauern, wenn auch niemand erkrankt ist, bis Nachmittag. Ist aber jemand erkrankt, so muß ich noch länger verweilen. Gegen Abend kehre ich sehr ermüdet und abgemattet nach Hause zurück und finde meine Wohnug von einer Menge Kranken aus allen Ständen, sowohl Juden als Muhamedanern umlagert, die meine ärztliche Hilfe erwarten. Diese Menge läßt mir kaqm so viel Zeit, daß ich vom Zelter steige und etwas Speise zu mir nehme. Dann werden die Kranken vorgelassen und das Befragen nach ihren Umständen, sowie das Verschreiben der Heilmittel dauert bis nahe an die Mitternachtstunde und oft auch darüber, wo ich dann so schwach werde, daß ich kaum zu reden vermag und auf dem Ruhebette liegen muß. Nur am Sabbat bleibt mir Zeit, mich mit der Gemeinde und Lehre zu beschäftigen. Ich pflege an diesem Tage die Gemeindeangelegenheiten für die laufende Woche anzuvrdnen und einen Vortrag zu halten. So fließen mir die Tage hin." Solche angestrengte geistige und körperliche Thätigkeit rieb seine Kräfte rasch auf, und er fühlte sie in seinem siebzigsten Lebensjahre gänzlich schwinden. Einige Stunden vor seinem Dahinscheiden (13. Dezember 12041 rief er seine Familie, Frau und Kind, Schwester und Schwager, auch den treuen Aknin, der aus der Ferne herbeigeeilt war, zu sich, segnete jeden Einzelnen mit größter Seelenruhe und bat sie, um ihn nicht zu weinen. „Unsere Lebensjahre sind siebzig und diese Hab ich erreicht " Dann nahm er die Hand Abrahams, legte sie in die des Aknin und