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Jeschurun · 1893-08-11 · 32 (11.8.1893) · p. Seite 509

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
32 (11.8.1893)
Date
1893-08-11
Page
Seite 509 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 32 Seite 509. e s ch u über den Borfall, wobei es gleichzeitig seiner Verwunderung darüber Ausdruck gab, daß dem Gendarmen ein solcher ungesetzlicher Haftbefehl zukommen konnte. Tie Folge davon war, daß gegen das betreffende Blatt die Preßklage erhoben wurde, und es kam beim Czernowitzer Landesgerichte zur strasgerichtlichen Untersuchung. Dieselbe wurde eingestellt, dagegen die Anklage wegen Vernachlässigung pflichtgemäßer Obsorge erhoben. Der verantwortliche Redakteur führte einen Wahrheitsbeweis und beantragte die Vernehmung des Rittmeisters Grasen Thun. Derselbe mußte zugeben, daß thatsächlich gegen Landau der Haftbefehl erlassen wurde, und zwar auf Anordnung des Landesprüsidenten Baron Krauß. Auf grund des erbrachten Wahrheitsbeweises wurde der Redakteur freigesprochen. * In Lemberg hielt der bekannte hebräische Litterat Rubin A. Brandes einen Vortrag über den jüngst in London verschiedenen Dr. Israel Michael Rabbinvwicz. Redner schilderte das Leben und die litterarische Thätigkeit Rabinowicz's vergaß aber auch nicht der elenden Lage, in der derselbe gelebt und geendet hat. „Man hört", sagte Brandes, „sehr häufig sagen, daß die hebräischen Schriftsteller nicht gut gestellt sind, weil das hebräische Lesepublikum zu gering ist. Aber warum, frage ich, hat Rabinowicz. der doch in einem eleganten Französisch, also in einer Weltsprache geschrieben hat, in so mißlichen Umständen gelebt? Nein, die alleinige Ursache ist die, daß Rabbinowicz's Werke jüdischen Inhalts sind". Mit Tendenz nannte Brandes den Verstorbcnen einen „Talmudjuden" und machte bei dieser Gelegenheit einen treffenden Vergleich zwischen dem Talmud und den Juden. Das ganze jüdische Volk wird für die Fehler des einzelnen verantwortlich gemacht, auch der Talmud wird für einige Stellen, die nicht richtig verstanden werden, ganz verdammt. Zeichnet sich irgend ein Jude derart aus, daß er eine große Berühmtheit erlangt, so sagt man, es habe sich ein Pole, ein Deutscher, ein Russe re. so hervorgethan; findet sich eine Stelle im Talmud, die ihres Gedankens wegen einen großen Wert hat, so ist das ja kein origineller Ausspruch des Talmud, das hat doch schon irgend ein Philosophdes Altertums gesagt!" Begeht dagegen ein Jude einen Fehler verübt er ein Verbrechen, so fällt man sofort über alle Juden her, über „dieses Volk von Wucherern, Aussaugern, Betrügern und Verbrechern" — entspricht irgend eine Privatmeinung eines Talmudisten nicht den heutigen Zeitverhältniffen und Anschauungen, dann ist der Talmud zu nichts, er enthält ja Dinge, die die Zivilisation des neunzehnten Jahrhunderts verletzen! Er muß also verbrannt werden!" * In Kiew mußten sämtliche jüdische Kommis die Stadt verlassen, weil sie von ihren Brüdern, Känfleute erster Gilde, nicht mehr beschäftigt werden können. Die armen Ausgewiesenen, deren Zahl in die Hunderte steigt, konnten nicht einmal ihre Reisekosten bestreiten und waren auf die Güte ihrer Glaubensgenossen angewiesen. Es bildete sich schnell ein Hilfs-Komitee und in kurzer Zeit wurde eine Summe von 11,000 Mark gesammelt, welche gleich darauf unter die Ausgewiesenen verteilt wurde. * In Saratow konnte sich beinahe von neuem ein Blutskandal abspielen. Es verbreitere sich plötzlich die Nachricht, die Juden hätten auf der offenen Straße einen kleinen Knaben aus den Armen eines Mädchens mit r u n. Gewalt geraubt und seien damit verschwunden. Der rohe Pöbel sammelte sich schnell mit dem Rufe: „Nieder mit den Inden" um die jüdischen Häuser nnd eine kurze Zeit schwebten die Juden in Gefahr. Dank den Bemühungen der Polizei stellte sich bald heraus, daß der Entführer des Kindes kein anderer, als der Vater des Knaben war. * In Irkutsk ist eine neue Berg-Akademie eröffnet wurden, in deren Statuten es ausdrücklich heißt: Die Akademie dürfen alle in Rußland Wohnenden besuchen, mit Ausnahme — von Inden. * k. Die gerechte Strafe hat einen französischen Pamphletisten rascher ereilt, als er es wohl vermutete. Vor einigen Monaten erschien nämlich in Cvmmercy eine elende Schmähschrift unter dem Titel „Nancy Juif", in welcher der anonyme Verfasser die französischen Juden für alles Unheil verantwortlich macht, sie geradezu des Vaterlandsverrats beschuldigt. Sie sollen im deutsch-französischen Kriege den Preußen die größten Dienste erwiesen haben, und „da sie das ganze Grenzgebiet von Belsort bis Verdun besitzen, werden sie bei dem künftigen Einfall in Frankreich den Deutschen überall die Thore öffnen." (Wie stimmt das zu der Anklage der deutschen Antisemiten, die den deutschen Juden den Vorwurf machen, im Dienste der Alliance zu stehn?!) Niemand kannte den Verfasser, bis durch eine Indiskretion Drumonts sein 'Name an die Öffentlichkeit trat, und man erfuhr, daß es ein Pfarrer, Hemonet heißt der würdige Mann, in Noviant-aux-Pres (Meurthe) war. Sein Vorgesetzter, der Erzbischof Turinaz von Nancy war nun der Ansicht, daß ein Pfarrer anderes zu thun habe, als Pamphlete zu schreiben, er legte ihm Disziplinarstrafen, Entsetzung u. d. g. auf, was dem guten Manne durchaus nicht gefiel. Anstatt sich gefügig zu unterwerfen, ging er nach Rom. um Klage gegen den Erzbischof zu führen; aber dort bedeutete man ihm, daß er die weite kostspielige Reise vergeblich gemacht und daß es bei dem Erkenntnis seines Vorgesetzten verbliebe. Drumont hat sich seines Gesinnungsgenossen angenommen und schimpft nun in seinem „Libre Parole" auf die französische Geistlichkeit, selbst aus den Papst, die den „Patriotismus eines Pfarrers" in dieser Weise belohnt und ihn brotlos gemacht haben. * Der türkische Sultan hat dem Baron Edmund von Rothschild den Erwerb von Acker im eigentlichen Palästina nicht gestattet, nur in Damaskus und Transjordanien. * Die Judenhetzen in Hamadan hätten bald auch in Täbris (Persien) eine Nachahmung gefunden. Auch dort fingen einige persische Priester an, den Pöbel gegen die Juden zu hetzen und deren Ausweisung zu fordern. Die Hetzereien wurden noch geschürt durch die aufreizenden Reden einiger armenischer Kausleute, die in den Juden ihre Konkurrenten erblicken und daher so einen kleinen jüdischen Exodus gerne gesehen hätten. Kaum hatte aber der Kronprinz Mnzzafer Eddin von diesen Wühlereien gegen die Inden vernommen, so ließ er auch sofort diesen persischen Priestern durch ihre Vorgesetzten den Mund schließen. Auch traf er sogleich die nötigen militärischen Maßregeln, um, falls es zu thätlichen Ausschreitungen gegen die Juden kommen sollte, diese gleich in ihrem Beginne unterdrücken zu können. Als die Menge nun sah, daß der Kronprinz- Statthalter auf der Seite der Juden stehe, so besann sie sich schnell eines anderen und ließ die Juden wieder in Ruhe.

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