Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- Seite 507 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 32. Seite 507. I ^Jeschurnn. an den Tag legt? — Die wichtigste Gehilfin bei Erziehung und Heranbildung dieses wichtigen Lebensfaktors ist — die Religion. Durch Befolgung ihrer Vorschriften wird nicht allein der Herzensboden gelockert und urbar gemacht, sondern auch von dem schädlichen Giftthan der Verführung und vor den Orkanen der Leidenschaften und den Stürmen des Neides und der Habgier, geschützt und gesichert. Ein ' Mensch ohne Religion hat sicherlich auch kein gutes Herz, und zeigt ein solcher bei außergewöhnlichen Gelegenheiten einmal die Spur eines solchen, so beweist er eben, daß es noch nicht ganz in ihm erstorben ist, gerade wie der Lungenleidende, so lange noch ein gesundes Teilchen Lunge vorhanden ist, noch atmet und leidend seiner Auflösung entgegeneilt. Manchmal liegen auch den guten Handlungen eines der Religion völlig baren Menschen unedle Motive zu gründe, oder sie sind nur das plötzliche Austen 1 ten eines Ttrvhfeuers. Auch zur Rene, diesem matten Abendrot der untergegangenen Tugendsonne, ist nur der Mensch geeignet, der mitten im Sünden- und Sinnestanmel das „gute Herz" , noch nicht eingebüßt hat. Darum sagt der königliche Sänger nach seinem schwersten Sündenfall: „Erschaff, o Gott in mir ein reines Herz und der feste Geist erstarket dann wieder in mir." Ja, nur das sich durch ungekünstelte, tiefinnerste Reue aus der Dornenhecke der Sünde wieder hervorarbeitende und sich zur himmlischen Tugendhöhe allmählich wieder erhebende Herz ist die sicherste Grundlage, auf der der Meuschengeist sich immer mehr kräftigt und stärkt und den Vervollkommnnngstrieb nimmer schwinden läßt. Naturgemäße Methode. Bon S. Spat;. II. Der Pentateuch unterricht. Geschichtliches. Mit den Worten: „Ihr sollt sie Euren Kindern lehren," gebot die.Heilige Schrift jedem israelitischen Familienvater, den Inhalt seiner Religion und seines Religions- und Gesetzbuches seinen Nachkommen klar und faßlich durch Belehrung zu überliefern. Im Israel der biblischen Zeit und bis weit herein in die talmndische Zeit konnte der Familienvater dieser Ausgabe leicht Nachkommen und es mußte das Kind notgedrungen alles recht gut verstehen. Die Sprache, in welcher die Heiligen Bücher geschrieben waren, war seine Muttersprache, die Gesetze und Gebräuche, um die's sich inhaltlich handelte, waren in lebendiger Übung, im täglichen Gebrauch, anschaulich und anschaubar vorhanden. Ganz anders in der späteren Zeit. Da war das Hebräische nicht mehr die Muttersprache, da wurde es mehr und mehr eine tote Sprache; da war es nur noch die Sprache der Synagoge und das Kind, das ein Volksglied werden sollte, fähig die religiösen Übungen der Synagoge zu seinem wahren Heil, zu seiner Veredlung zu verwenden, fähig die Belehrung der Synagoge und ihrer Organe in sich auszunehmen, mußte nun als Vorkenntnis eine fremde Srache, die hebräische Sprache, erlernen. An die Stelle eines rationellen Lehrverfahrens trat mehr und mehr ganz dem Zweck entsprechend ein mechanisches, gedächtnismüßiges Verfahren Bis herein in unsere Tage war der ganze Pentateuchunterricht nichts anders, als ein gedächtnismäßiges, geisttötendes Vorübersetzen und Nachübcrsetzen. An „Bereschith" fing man gewöhnlich mit dem 7—9 jährigen Kinde an. Der Lehrer übersetzte, ohne Auswahl mit Rücksicht ans die Faßlichkeit rc., ein Stück nach dem andern vor, der Schüler sagte es nach, bezw. lernte mechanisch zu Hanse das Nachübersetzen bis zur Geläufigkeit. Altern Schülern wurde wohl auch — kein kleines Martirium! -- ein gewisses Pensum zum „Selbstlernen" aufgegeben. Die Stelle des vorübersetzendeu Lehrers vertrat hierbei die dem hebr. Texte beigedruckte deutsche Übersetzung. Diese Methode — oder besser gesagt: Unmethode — nennt man die „hamiltonische Methode." Ans diesem Standpunkte steht noch der Württemberg. Normallehrplan von 1870 und der badische Lehrplan. Ein wenig abgeändert wurde diese Methode durch Hereinnahme der grammatikalischen Analyse und der Aufstellung von Prüparationentafeln (Dr. Svndheimer). Das alles ist aber nur Flickwerk an der alten Methode. Es ist recht und gut; aber der Hebel gehört wo anders eingesetzt. Man ist in neuerer Zeit mit Recht daraus gekommen, den Pentateuchunterricht zum Stammuuterricht des jüdischen Religionsunterrichts zu machen, mit dem Ziel der Spracherlernnng noch gemüts- und charakterbildende Belehrung zu verknüpfen. Da will beim für dieses Doppelziel die alte mechanische Methode durchaus nicht mehr passen. Mau ist auf der Suche nach einer neuen, naturgemäßen Methode. Äußerlich merkt man das an den vielen methodischen Reformversuchen, die in bezug auf dieses Fach in der Fachpresse gemacht werden, die aber immer darin fehlen, daß sie den einen oder den anderen Standpunkt einseitig vertreten, nie aber konsequent beide Standpunkte zu vereinigen suchen. Versuchen wirs deshalb jetzt einmal! — Aufgabe und Wert des Pentateuchunterrichts. Der Pentateuchunterricht soll das Kind — wie schon bemerkt — in die Sprache der Synagoge einführen; er soll es aber auch befähigen, den Inhalt des Pentateuchs und damit die Grundlage seiner Religion verstehen und ihre Unterweisungen für's Leben auwenden zu können. Diese zwei Gesichtspunkte lassen sich recht gut miteinander vereinigen; denn der formalen Spracherlernnng kann es nur nützlich sein, wenn sie an einem wertvollen, inhaltsreichen, dem Verstände zuvor gut erschlossenen Stoffe sich übt; wie es umgekehrt der materiellen Stoffaneignung, der religiösen Belehrung recht zuträglich sein muß, wenn sie mit Hilfe des Sprachverständnisses, des Verständnisses des Urtextes an Gründlichkeit, Naturwüchsigkeit und Tiefe znnimmt. Über den Wert dieses Unterrichts viele Worte zu machen, halte ich für unnötig. Gesagt muß denen werden, die den Unterricht in Pentatenchübersetzen ans der Schule verbannen wollen, daß ein Jude ohne tiefe Kenntnis des Fünfbnchs einem Fische ohne Wasser gleicht. Der Pentatenchunterricht ist der Anfang und Ausgangspunkt alles jüdischen Wissens und damit ist sein Wert genügend beleuchtet. Er befähigt zur vernünftigen Teilnahme an einem großen und wichtigen Teil des Gottesdienstes; er versieht das Kind mit einem Schatz von religiös - sittlicher Belehrung fürs ganze Leben. Anordnung innerhalb der Fächer des israelitischen Religions-Unterrichts. Gerade weil man den Wert des Pentatenchunterrichts erkannt hat, haben ihn verschiedene jüdische Pädagogen zum „Stammnnterricht", zum „a“ und ,,z1, aller religiösen Unterweisung überhaupt machen wollen. Der Unterricht in bibl. Geschichte, in Memorieren, in hebräischer Sprache